ihren Juden, keine Stunde aus den Augen, damit ich ihn vor der Brunnenvergiftung seines eignen Lebens beschützte. Er gab voll Vaterfreude und mit dem Skelett der Predigt in der Hand, die er auf heute memorierte, alles her, Fischhamen, Zinnschrankschüsseln und Gewürzbüchsen, und machte mich auf die Fruchtkörbchen voll Freuden aufmerksam, die der Kantatesonntag allemal für ihn pflückte und füllte. Er zählte mir, weil ich nicht wegging, seine Kindtaufsgerichte vor, seine Amtsfälle, seine Verwandten und benahm mir meine Unwissenheit in den öffentlichen Einkünften – seiner Pfarre, in der Volksmenge der Beichtkinder und der künftigen Katechumenen. Hier aber bin ich in der Angst, dass mancher Leser sich vergeblich hinsetzen und es doch nicht herausbringen werde, warum ich zu Fixlein sagte: "Herr Gevatter, besser wird sichs wohl kein Mensch wünschen." Ich log nicht; denn es ist so.... Man lese aber die Note.39
Endlich ging der Sonntag auf, der heutige, und es wurde an diesem heiligen Tage, bloss weil mein Patchen zum Christentum, obwohl ohne eine grössere nürnbergische Konvertitenbibliotek als die Taufagende, übertreten wollte, ein grosser Lärm gemacht: sooft sich jemand bekehrt, zumal Völker, so wird gelärmt und geschossen; ich berufe mich auf zwei dreissigjährige Kriege, auf den neuern und auf den, den Karl ebensolange mit den heidnischen Sachsen führte; so schiesset die Sonne im Palais royal bei ihrem Durchgang durch den Mittagszirkel eine Kanone los. Aber gerade nach dem kleinen Unchristen, nach meinem Patchen, wurde am Morgen am wenigsten gefragt; weil man wegen der Taufe keine Zeit hatte, an den Täufling zu denken. Daher setzte ich allein mit ihm den halben Vormittag herum und erteilte ihm unterweges im Fluge die Nottaufe, indem ich ihn früher Jean Paul nannte als der Täufer. Mittags liessen wir das Rindfleisch wegtragen, wie es gekommen war: die Glückssonne hatte allen Magensaft aufgetrocknet. Nun sahen wir uns nach Pracht um, ich nach künstlichen Verkröpfungen an meiner Haar-Baute, das Patchen nach dem Taufhemde und die Kindbetterin nach einer Visitenhaube. Noch ehe man die Kinderklapper des Taufglöckchens schüttelte, stellten ich und die Hebamme neben dem Bette der Mutter auf dem gesicht des kleinen Nichtchristen physiognomische Reisen an und brachten davon die Entdeckung mit, dass einige Züge der Mutter und viele feste Teile mir nachgebosselt waren, welche doppelte Ähnlichkeit den Leser nicht interessieren soll. Jean Paul sieht nach seinen Jahren schon ausserordentlich gescheut aus, oder vielmehr nach seinen Minuten, denn ich rede vom kleinen. – –
Jetzt möchte' ich aber fragen: welcher deutsche Schriftsteller getrauete sich wohl, ein grosses historisches Blatt aufzuspannen und vollzumalen, auf dem wir alle ständen, wie wir in die Kirche zögen? Müsst' er nicht den Kindesvater entwerfen, mit ausgebürstetem Priesterornate, langsam, andächtig und gerührt einhergehend? – Hätt' er nicht den Gevatter zu skizzieren, der heute seinen Namen ausleihen will, welchen er von zwei Aposteln her hat (von Johannes und Paulus), wie Julius Cäsar den seinigen zweien noch bis auf den heutigen Tag lebenden Dingen verlieh (einem monat und einem Trone)? – Und müsst' er nicht das Patchen aufs Blatt setzen, mit dem sogar der Kaiser Joseph Milchbrüderschaft in seinen alten Tagen trinken würde, wenn er noch darin wäre? –
Ich habe mir hundertmal in der stube über Feierlichkeiten zu lächeln vorgenommen, bei denen ich nachher, wenn ich ihnen beiwohnte, unwillkürlich ein petrifiziertes Gesicht hatte voll Anstand und Ernst. Denn als der Schulmeister vor dem Aktus zu orgeln anfing – welches wohl noch keinem kind in Hukelum widerfuhr – und als der hölzerne Taufengel, wie ein Genius niedergeflogen, seine angemalten HolzArme der Taufschüssel unterbreitete und als ich am nächsten an seinem übergoldeten Fittich stand: so zog mein Blut langsam-feierlich, warm und dicht durch meinen pulsierenden Kopf und durch meine Lunge voll Seufzer; und ich wünschte trauriger, als ich mir tue, dem stillen, in meine arme gesenkten Liebling, dem die natur noch die unreifen Augen vor der vollen Perspektive der Erde zuhielt, für die Zukunft einen so sanften Schlaf wie heute, einen so guten Engel wie heute, nur aber einen lebendigern, damit er ihn in eine lebendigere Religion geleite und ihn mit seiner unsichtbaren Hand durch die Waldung des Lebens und durch ihre fallenden Bäume und wilde Jäger und Stürme unverloren bringe.... Sollt' ich mich nicht vor der Welt darüber entschuldigen können, dass ich, als ich seitwärts auf dem väterlichen gesicht Gebete für den Sohn und Freudentränen sah, die in die Gebete tropften, und als ich auf dem gesicht der Grossmutter weit dunklere, schnell verwischte Tropfen erblickte, die sie nicht bezwingen konnte, weil ich, nach der alten Frage, für das Kind bei Ableben der Eltern zu sorgen verhiess, bin ich nicht zu entschuldigen, dass ich dann die Augen tief auf das Patchen niederschlug, bloss um es zu verbergen, dass sie mir übergingen? – Denn ich dachte ja daran, dass sein Vater vielleicht heute vor einer vorspringenden Larve des Todes erstarren kann; ich dachte ja daran, dass der arme Kleine die zusammengebogene Lage im Mutterleib mit einer freiern nur vertauschet habe, um sich bald noch heftiger im engen Spielraum des Lebens einzukrümmen; ich dachte an seine notwendigen Narrheiten und Irrtümer und Sünden, an diese beschmutzten Stufen zum griechischen Tempel unserer Vervollkommung; ich dachte daran, dass einmal sein eigenes Feuer des Genies ihm einäschern könne, wie einer, der sich elektrisieren lässt, sich mit