, gleichsam der abgeschnittene Hahnenkamm des Turmes, wurde niedergesenkt und abgebunden. Der Gotteshausvorsteher Streichert zog ein bleiernes Besteck aus dem mürben Knopf, das mein Herr Gevatter zu sich steckte, um es gelegentlich durchzulesen; ich aber sagte zu einigen Bauern: "Sehet, so werden sich euere Namen auch erhalten im neuen Knopfe, und wenn er nach späten Jahren heruntergezogen wird: so ist die Büchse darin, und der damalige Pfarrer lernt euch alle kennen."- Und nun wurde der neue Turmglobus mit dem Blei-Napf, worin sich die Namen der Umstehenden aufhielten, sozusagen voll geladen und saturieret und ans Zugseil geheftet – und jetzt machte sich der bisher der Pfarrgemeinde aufgesetzte Schröpfkopf in die Höhe....
Beim Himmel! jetzt ist der ungeschmückte Stil eine Sache ausser meinem Vermögen – denn als der Knopf rückte, schwebte, stieg: trommelte es mitten im Turm, und der Schulmeister, der vorher aus dem gegen die Gemeinde gerichteten Schalloch herniedergesehen hatte, stiess jetzt mit einer Trompete zu einem einsamen Seiten-Schalloch heraus, vor dem der steigende Knopf nicht vorbeizog. – Aber als der ganze Kirchsprengel zappelte und jubelte, je höher das Kapitell seinem Halse kam – und als es der Schieferdecker empfing und herumdrehte und der Spitze glücklich inkorporierte – und als er eine Baurede, an den Knopf sich lehnend, zwischen Himmel und Erde, auf diese und auf uns alle herunterhielt – und als meinem Gevatter vor Wonne, der zeitige Pfarrer zu sein, die Tränen in den Priesterornat herabliefen: so war ich der einzige – wie seine Mutter die einzige –, in deren Seelen ein gemeinschaftlicher Kummer eingriff, um sie zu pressen bis aufs Bluten: denn ich und die Mutter hatten, was ich nachher weitläuftiger sagen werde, gestern im Kästchen des Ertrunknen von seines Vaters Hand gefunden, dass er übermorgen, am Kantate- und Taufsonntag, – zweiunddreissig Jahre alt werde. – O (dachte' ich, indem ich den blauen Himmel, die grünen Gräber, den glimmenden Knopf, den weinenden Pfarrer anschauete), so steht der arme Mensch allemal mit zugebundenen Augen vor deinem scharfen Schwerte, unbegreifliches Schicksal! Und wenn du es aufziehest und schwingest, ergötzet ihn das Pfeifen und Wehen desselben kurz vor dem Schlage! –
Schon gestern wusst' ichs; aber ich wollte dem Leser, den ich von weitem darauf bereitete, nichts von der traurigen Nachricht sagen, dass ich im Schränkchen des untergegangnen Bruders eine alte Hausbibel, worin die Jungen buchstabieren lernten, mit einem weissen Buchbinderblatte gefunden, auf das der Vater die Geburtsjahre seiner Kinder geschrieben hatte. Und eben dieses gab dir, du arme Mutter, zeiter den Kummer, den wir kleinern Ursachen beimassen, und dein Herz stand bisher mitten in dem Regen, der uns schon vorübergezogen und in einen Regenbogen verwandelt zu sein schien! – Nur aus Liebe zu ihm hatte sie jährlich einmal gelogen und sein Alter verdeckt. Recht glücklicherweise machten wir den Schrank ohne sein Beisein auf. Ich habe noch immer die Absicht, ihm nach dem fatalen Sonntage mit dem bunten Nachlasse seiner Kindheit und mit alten Christgeschenken neue zu machen. Indes wenn wir nur, ich und die Mutter, ihm morgen und übermorgen unablässig wie Angelschwimmfedern und Fussblöcke nachrücken, damit kein mörderischer Zufall den Vorhang vor seinem Geburtsschein lüfte: so ist es schon zu machen. Denn jetzt würde freilich das Geburtsdatum seinen Augen im metamorphotischen Spiegel seiner abergläubigen Phantasie und hinter dem vergrössernden Zauberdunst seiner jetzigen Freuden wie eine rote Todes-Unterschrift entgegenbrennen.... Aber noch dazu sitzt das Blatt aus der Bibel schon höher als wir alle, nämlich im neuen Turmknopf, in den ichs heute vorsichtig eingeschoben habe. eigentlich hats gar keine Not.
Dreizehnter Zettelkasten
Tauftag
Heute ist der einfältige Kantatesonntag; aber es ist nichts mehr von ihm noch da als eine Stunde. – Beim Himmel! vergnügt waren wir heute sehr. Ich glaube, ich habe so gut getrunken wie ein anderer. – Man sollte sich aber freilich in allem mässigen, im Schreiben, Trinken und Freuen; und wie man den Bienen Strohhalme in den Honig legt, damit sie nicht in ihrem Zucker ertrinken, so sollte man allezeit einige feste Grundsätze und Zweige vom Baume des Erkenntnisses in seinen Lebenssirup statt jener Strohhalme werfen, damit man sich darauf erhielte und nicht darin wie eine Ratte ersöffe. Ich will aber jetzt im Ernste ordentlich – schreiben (und auch leben) und daher, um kälter den Taufaktus zu referieren, mein Feuer mit Nachttau ausgiessen und noch eine Stunde hinauslaufen in die mit Blüten und Wellen gestickte Nacht, wo ein lauer Morgenwind sich düftetrunken aus Blütengipfeln auf gebogne Blumen herunterwirft und über Wiesen streicht und endlich auf eine Woge fliegt und auf ihr den schimmernden Bach herunterfährt. O draussen unter den Sternen, unter den Tönen der Nachtigall, die nicht am Echo, sondern an den fernen herabschimmernden Welten zurückzuschlagen scheinen, neben dem mond, den der sprudelnde Bach am gestickten gewässerten Bande fortzieht und der unter die kleinen Schatten des Ufers wie unter Wolken einkriecht, o unter solchen Gestalten und Tönen wird der Mensch ernst, und wie das Abendläuten sonst erklang, um den Wanderer durch die grossen Waldungen in die Nachteimat zurückzuweisen, so sind in der Nacht solche Stimmen in uns und um uns, die uns aus unsern Irrgängen rufen und die uns stiller machen, damit wir unsere Freuden mässigen und fremde malen können...
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Ich komme ruhig und kühl genug zurück zur Erzählung. Gestern liess ich meinen Gevatter, wie eine alte Nürnbergerin