über dich wird mir doch die Welt nicht übelnehmen?
Ich kam immer näher ans Herzens-Zentralfeuer der Weiber zu stehen; und sie zogen letzlich milde über den Pfarrer los: die besten Weiber verklagen oft gegen einen Fremden ihre Männer, ohne sie darum im geringsten minder zu lieben. Mutter und Frau meisterten es unter dem Essen, dass er aus jeder Bücherauktion Opera erstehe; und in der Tat haschte und rang er nicht sowohl nach guten oder schlechten Büchern – oder nach alten – oder neuen – oder solchen, die er las – oder nach Lieblingsbüchern sondern bloss nach Büchern. Die Mutter schalt es hauptsächlich, dass er so viel in Kupferplatten verschleudere: einige Stunden darauf machte sie den für den Turmknopf Geldprästationen leistenden Schulteiss, der eine herrliche Hand schrieb, darauf aufmerksam, wie gut ihr Sohn steche, und es lohne der Mühe, bei solchen Anfangsbuchstaben einen Groschen nicht anzusehen.
Sie trugen mir darauf – denn wenn die Weiber einmal im offenherzigen Ergiessen sind, so schütten sie (nur muss man nicht den Zapfhahn der fragen umdrehen) gern alles aus – ein Ringkästchen hin, worin er einen gefundnen Kammerherrnschlüssel konservierte, und fragten mich, ob ich nicht wüsste, wer ihn verloren. Wer will das wissen, da es beinahe mehr Kammerherren als Dieteriche gibt? –
Endlich fassete ich Herz, auch nach dem Schränkchen des Ertrunknen zu fragen, das ich bisher im ganzen haus vergeblich gesucht. Fixlein selber inquirierte fruchtlos darnach. Tiennette gab der Alten einen zuredenden Wink voll Liebe, und ich wurde von dieser zu einem ausgespreizten Reifrock hinaufgeführt, der das Schränkchen überbauete. Unterweges sagte die Mutter, sie hielten es vor ihrem Sohne versteckt, weil ihn das Angedenken an seinen Bruder schmerzen würde. Als wir diese Depositenkasse der Zeit, woran das Schloss abgerissen war, geöffnet hatten, und als ich in dieses Gebeinhäuschen voll Trümmer einer kindlichen spielenden Vorzeit geschauet hatte: setzt' ich mir, ohn' ein Wort zu sagen, vor, diese Spielwaren der Gebrüder Fixlein noch vor meiner Abreise vor dem lebenden auszupacken: könnt' es denn etwas Schöners geben, als die überschütteten eingesunknen herkulaneischen Ruinen der Kindheit ausgegraben zu erblicken und frei an der Luft? –
Die Wöchnerin liess schon zweimal bei mir fragen, ob er zurückgekommen. Er und sie haben gegeneinander, eben weil sie ihrer Liebe nicht den schwächenden Ausdruck durch Phrasen, sondern den stärkenden durch Taten geben, eine unaussprechliche. Andere Brautleute nagen einander die Lippen und das Herz und die Liebe durch Küssen ab, wie von Christi Statue in Rom (von Angelo) der Fuss durch Küssen abgegangen, den man deswegen mit Blech versehen; bei andern Brautleuten kann man die Zahl ihrer Entzündungen und Ausbrüche, wie beim Vesuv die der seinigen, deren noch dreiundvierzig sind, voraus ansagen; aber in diesen Menschen stieg das griechische Feuer einer mässigen und ewigen Liebe auf, wärmte, ohne Funken zu versprengen, und loderte aufrecht, ohne zu knistern. – Jetzt schläget magischer die Abendlohe aus den Fenstern der Gärtnershütte in meine Laube, und mir ist, als müsst' ich zum Schicksal sagen: "Hast du einen scharfen Schmerz, so wirf ihn nur lieber in meine Brust und verschone damit drei gute Menschen, die zu glücklich sind, um nicht daran zu verbluten, und zu eingeschränkt auf ihr kleines dunkles Dorf, um nicht zurückzufahren vor dem Wetterstrahl, der ein erschüttertes Ich aus der Erde über die Wolken reisset." – –
Du guter Mann! jetzt kommt er eilig über die Pfarrwiesen. Welche schmachtende Blicke voll Liebe ruhen schon im Auge deiner Tiennette! – Was wirst du uns heute Neues aus der Stadt mitbringen! – Wie wird dich morgen der aufsteigende Turmknopf laben! –
Zwölfter Zettelkasten
Turmknopfs-Aszension – das Schränkchen
Wie heute, den sechzehnten Mai, der alte Knopf vom Hukelumer Turm abgedrehet und ein neuer ihm aufgesetzet worden, das will ich jetzt bestens beschreiben, aber in jenem einfachen historischen Stile der Alten, der vielleicht grossen begebenheiten am besten zusagt.
Sehr früh kamen in einem Wagen der Herr Hofvergolder Zeddel und der Schlossermeister Wächser und die neue Peters-Kuppel des Turmes an. Gegen acht Uhr lief die Gemeinde zusehends zusammen, die aus Nutritoren des Knopfes bestand. Ein wenig später trafen Herr Dragonerrittmeister von Aufhammer als Patronatsherr der Kirche und des Turms und der Gotteshausvorsteher Streichert ein. Hierauf begaben ich und mein Herr Gevatter Fixlein uns samt den Personen, die ich schon genannt habe, in die Kirche und hielten da vor unzähligen Zuhörern eine Wochen-Betstunde. Sodann erschien mein Herr Gevatter oben auf der Kanzel und suchte eine Rede zu halten, die der feierlichen Handlung angemessen war; – er verlas nach ihr sofort die Namen der gönner und guten Seelen, durch deren Gratiale der Knopf zusammengebracht worden, und zeigte der ganzen Gemeinde die bleierne Büchse vor, worin sie namentlich war, und bemerkte, das Buch, woraus er sie abgelesen, werde bloss in die Pfarregistratur beigelegt. Darauf hielt er es für nötig, ihr und Gott zu danken, dass er zum Entrepreneur eines solchen Werks wider sein Verdienst ausersehen worden. Das Ganze beschloss er mit einem kurzen Gebet für den Schieferdecker Stechmann, der schon aussen am Turm hing und den alten Schaft ablösete, – und bat, dass er nicht den Hals oder sonst ein Gliedmass brechen möge. Nun wurde ein geistliches Liedchen gesungen, das die meisten aussen vor der Kirche mitsangen, weil sie schon zum Turm hinaufsahen.
Nun kamen wir auch alle heraus, und der abgedankte Knopf