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Erde der Sonne zuführt usw.

Er hielt mich dieses Einschiebessens wegen für den ersten Teologen seiner Zeit und hätte von mir, wenn er Kriege hätte anfangen müssen, vorher Gutachten eingeholt, wie sonst kriegführende Mächte von den Reformationsteologen. Ich verhalte mir aber doch nicht, das, was die Pfarrer Eitelkeit der Erde nennen, ist etwas ganz anders, als was die Philosophie so nennt. Als ich ihm vollends eröffnete, ich schämte mich nicht, ein Autor zu sein, sondern beschriebe dieses und jenes Leben, und ich hätte seine eigne Biographie beim Herrn Superintendenten zu gesicht bekommen und wäre imstande, daraus eine gedruckte zu fertigen, falls er mir mit einer und der andern Fleischfarbe zu hülfe kommen wollte: so war bloss meine Seide, die leider nicht bloss gegen das elektrische Feuer, sondern auch gegen ein besseres isoliert, das Gitter, das sich zwischen mich und seine arme stellte: denn er war wie die meisten armen Landpastoren nicht imstande, irgendeinen Rang zu vergessen oder seinen mit dem höhern zu verquicken. Er sagte: "er würde' es venerierlich erkennen, wenn ich seiner im Drucke gedächte; aber er befahre zu sehr, sein Leben sei zu einer Beschreibung zu gemein und zu schlecht." Gleichwohl machte er mir die Schublade seiner Zettelkästen auf und sagte, er glaube mir damit vorgearbeitet zu haben.

Die Hauptsache aber war, er hoffte, seine errata, seine exercitationes und seine Briefe über das Raubschloss würden, wenn ich vorher ihnen den Lebenslauf ihres Verfassers vorausschickte, besser aufgenommen, und es wäre so viel, als begleitete ich sie mit einer Vorrede.

Kurz ich blieb, als den Montag die andern Herren mit ihrem Nimbus wegdampften, allein bei ihm als Niederschlag sitzen und sitze noch fest, d.h. vom fünften Mai an bis (das Publikum sollte den Kalender von 1794 neben sich aufgeschlagen hinlegen) zum funfzehntenheute ist Donnerstag, morgen ist der sechzehnte und Freitag und die sogenannte Spinatkirmes und die Aufziehung des Turmknopfes, die ich nur abzuwarten vorhatte, eh' ich ginge. Jetzt geh' ich aber nicht, weil ich Sonntags den Taufbund als Tauf-Agent für mein Patchen schliessen muss. Wer mir gehorcht und den Kalender aufgeschlagen hat, der kann sich leicht vorstellen, warum mans auf den Sonntag verschiebt: es fället da jener denkwürdige Kantatesonntag ein, der einmal in unserer geschichte wegen seiner närrischen, narkotischen Schierlings-Kräfte- jetzt aber nur wegen der schönen Verlobung richtig ist, die man nach zwei Jahren mit einer Taufe zelebrieren will. Ich bin zwar nicht imstandeaus Armut an Farben und Pressen –, die weiche duftende Blumenkette von vierzehn Tagen, die sich hier um mein krankes Leben ringelt, aufs Papier abzufärben oder abzupressen; aber mit einem einzigen Tage kann ichs versuchen. Ich weiss wohl, der Mensch kann weder seine Freuden noch Leiden erraten, noch weniger kann er sie wiederholen, im Leben oder Schreiben.

Die schwarze Stunde des Koffees hat Gold im mund für uns und Honig: hier in der Morgenkühle sind wir alle beisammen, wir halten populäre gespräche, damit die Pfarrerin und die Kunstgärtnerin sich darein mischen können. Der Frühgottesdienst in der Kirche, worin oft das ganze Volk 38sitzt und singt, wirft uns auseinander. Ich marschiere unter dem Glokkengeläute mit meinem Stachel-Schreibzeug in den singenden Schlossgarten und setze mich in der frischen Akazienlaube an den betaueten zweibeinigen Tisch. Fixleins Zettelkästen hab' ich schon in der tasche bei mir, und ich darf nur nachschauen und aus seinen nehmen, was in meine taugt. sonderbar! so leicht vergisset der Mensch eine Sache über ihre Beschreibung: ich dachte jetzt wahrlich nicht ein wenig daran, dass ich ja eben auf dem zweibeinigen Laubentische, von dem ich rede, jetzt alles dieses schreibe.

Mein Gevatter arbeitet unterdessen auch für die Welt. Seine Studierstube ist die Sakristei, und der Pressbengel ist die Kanzel, die er braucht, um die ganze Welt anzupredigen: denn ein Autor ist der Stadtpfarrer des Universums. Ein Mensch, der ein Buch macht, hängt sich schwerlich; daher sollten alle reiche Lords-Söhne für die Presse arbeiten: denn man hat doch, wenn man zu früh im Bette erwacht, einen Plan, ein Ziel und also eine Ursache vor sich, warum man daraus steigen soll. Am besten fähret dabei ein Autor, der mehr sammelt als erfindetweil das letztere mit einem ängstlichen Feuer das Herz kalzinieret –; ich lobe den Antiquar, Heraldiker, Notenmacher, Sammler, ich preise den Titelbarsch (ein fisch, namens perca diagramma, wegen seiner Buchstaben auf den Schuppen) und den Buchdrucker (ein Speckkäfer, namens scarabaeus typographus, der in die Rinde der Kienbäume Lettern wühlt) – beide brauchen keinen grösseren oder schönern Schauplatz der Welt als den auf dem Lumpenpapier und keinen andern Legestachel als einen spitzigen Kiel, um damit ihre vierundzwanzig Lettern-Eier zu legen. – In Rücksicht des räsonierenden Katalogs, den der Gevatter von deutschen Druckfehlern machen will, sagt' ich ihm einige Male: "er wäre gut und gründe sich auf die Regel, nach der man ausgezählet hat, dass z.B. zu einem Zentner Cicero-Fraktur vierhundertundfunfzig Punkte, dreihundert Schliessquadrätchen etc. nötig sind; aber er sollte doch in politischen Schriften und in Dedikationen nachrechnen, ob für einen Zentner Cicero-Fraktur nicht funfzig Ausrufungszeichen viel zu wenig wären, so wie sechstausend Spatia in philosophischen Werken und in Romanen."

An manchen Tagen schrieb er nichts; sondern steckte