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dessen Seele vor einer Frau in einem Zustande, wo sie einem unbekannten ungesehenen Wesen noch mehr aufopfert als wir den bekannten, nämlich Nächte, Freuden und oft das Leben, sich nicht tiefer und mit grösserer Rührung bückt als vor einem ganzen singenden Nonnen-Orchester auf ihrer Sarawüste; und schlimmer als beide ist einer, dem nicht seine Mutter alle andere Mütter verehrungswürdig macht. –

"Es ist dir weiter nicht dienlich, arme Tiennette," (dachte' ich) "dass sich jetzt unter dem Vollgiessen deines bittern Krankenkelches die lärmenden Feste häufen." Die Investitur und die Knopf-Erhöhung meint' ich. Mein Rang, dessen Diplom der Leser in den "Hundsposttagen" eingeheftet findet und der sonst der ihrige war, hetzte mir ein Heer zurückhaltender, verlegner und schwankender Äusserungen von ihr auf den Hals, die ich mit Mühe zerstreuete, und womit allemal die Leute vor Höhern oder Niedern aufziehen, zu denen sie sonst gehört hatten. Ich konnte weder mit ihr noch mit ihm den Sonnabend und Sonntag recht ins Geleise kommen, bis die andern Herren fort waren. Die alte Mutter wirkte, wie dunkle Ideen, stark und fortdauernd, aber ohne sich zu zeigen: das wird durch ihre abgöttische Scheu vor uns erklärt und zum teil durch einen stillen Kummer, der sich wie eine Wolke in ihr (wahrscheinlich über die Niederkunft ihrer Schwiegertochter) aufzog.

Ich kreuzte, solange das Mond-Achtel noch flimmerte, auf dem Gottesacker herum und milderte meine Phantasien, die zu leicht mit dem Braun zerbröckelter Mumien malen, nicht nur durch das Abendrot, sondern auch durch die Erwägung, wie leicht unser auge und Herz sich sogar mit den Trümmern des Todes versöhne, eine Erwägung, zu der mir der pfeifende Schulmeister, der das Gebeinhaus auf morgen ordnete, und die singende Pfarrmagd verhalf, die Gräber abgrasete. Warum wollen wir uns diese Angewöhnung an alle Gestalten des Schicksals nicht auch auf die andere Welt von unserer natur und von unserem Erhalter versprechen? – Ich blätterte die Leichensteine durch und denke noch jetzt, der Abergläubige37 hat recht, der dem Lesen derselben Verlieren des Gelächtnisse beilegt: – allerdings vergisset man tausend Dinge dieser Erde.....

Die Investitur am Sonntage, dessen Evangelium vom guten Hirten auf den Aktus passte, muss ich kurz abfertigen, weil alles Erhabene die Redseligkeit nicht leiden kann. Ich werde aber doch das Wichtigste mitgeteilet haben, wenn ich berichte, dass dabei getrunken wurdeim Pfarrhaus –, gepauketim Chor –, vorgelesenvom Senior die Vokation, vom weltlichen Rate das Ratifikationsreskriptund gepredigtvom Konsistorialrate, der den Seelsorger nahm und ihn der Gemeinde und diese jenem präsentierte, gab und zusicherte. Fixlein fühlte, er gehe als ein Hoherpriester aus der Kirche, in die er als ein Landpfarrer gekommen war, und hatte den ganzen Tag nicht das Herz, einmal zu fluchen. Wenn der Mensch feierlich behandelt wird, so sieht er sich selber für ein höheres Wesen an und begeht sein Namensfest mit Andacht.

Dieses Aufdingen, diesen Klosterprofess ordnen die geistlichen Oberrabbi und Logemeisterdie Superintendentensonst gerne an, wenn der Pfarrer schon einige Jahre der Gemeinde vorgestanden ist, der sie ihn vorzustellen haben, wie die ersten Christen die Einweihung und Investitur zum Christentum, die Taufe, gern in den Tag ihres Todes verlegten; – ja ich glaube nicht einmal, dass die Investitur etwas von ihrem Nutzen verlöre, wenn sie und das Amtsjubiläum auf einen Tag aufgesparet würden, um so mehr, da dieser Nutzen ganz in dem besteht, was Superintendent und Räte teils schmausen, teils kriegen.

Erst gegen Abend lernten wir beide uns kennen. Die Investitur-Offizianten und Hebungsbedienten hatten nämlich den ganzen Abend sehrgeatmet. Ich meine so: da die Herren aus den ältesten Meinungen und neuesten Versuchen wissen mussten, Luft sei nichts als verdünntes, auseinandergeschlagenes wasser: so konnten sie doch leicht erraten, dass umgekehrt wasser nichts sei als eine dickere Luft. Und Weintrinken ist nichts als das Atmen einer zusammengekelterten, mit einigen Wohlgerüchen bestreueten Luft. Nun kann in unsern Tagen nicht genug (flüssiger) Atem von geistlichen Personen geholet werden durch den Mund, da ihre Verhältnisse ihnen das Atmen durch die kleinern Poren untersagen, das Abernety unter dem Namen Luftbad so anempfiehlt: soll denn der Speiseschlund bei ihnen etwas anders sein als der Wand- und Türnachbar der Luftröhre, der Mitlauter, der Nebenschössling der letzteren? – Ich verlaufe mich: ich wollte berichten, dass ich abends der nämlichen Meinung zugetan war, dass ich aber diese Luft oder diesen Äter nicht wie jene zum lauten Gelächter verbrauchte, sondern zum stillern Beschauen des Lebens. Ich liess sogar gegen meinen Gevatter einige Reden schiessen, die Gottesfurcht verrieten, welches er anfangs für Spass nehmen wollte, weil er wusste, ich wäre von hof und Rang. Aber der Hohlspiegel des Weinnebels hing mir endlich die Bilder meiner Seele vergrössert und verkörpert als Geister-Gestalten mitten in die Luft hin. – Das Leben schattete sich mir zu einer eiligen Johannisnacht ein, die wir schiessende Johanniswürmchen glimmend durchschneidenich sagte zu ihm, der Mensch müsste sich, wie die Blätter der grossen Malve, in den verschiedenen Tagszeiten seines Lebens bald nach Morgen, bald nach Abend richten, bald in der Nacht gegen die Erde und gegen ihre Gräber zuich sagte, die Allmacht des Guten trieb' uns und die Jahrhunderte den Toren der Stadt Gottes zu, wie der Widerstand des Äters nach Euler die umkreisende