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einmal ärgern, dass die deutschen Sänger Mailieder machten, da andere Monate eine poetische Nachtmusik weit eher verdienen; und ich bin oft so weit gegangen, dass ich den Sprachgebrauch der Marktweiber angriff und statt Maibutter Juniusbutter sagte, desgleichen nur Junius-, März-, Aprillieder. – Aber du, diesjähriger Mai! verdienest alle Lieder auf deine rauhen Namensvettern auf einmal! – Beim Himmel! wenn ich jetzt aus der gaukelnden helldunkeln Akazienlaube des Schlossgartens, in der ich dieses Kapitel schreibe, heraustrete in den weiten lebendigen Tag und zum wärmenden Himmel aufsehe und über seine unter ihm aufquellende Erde: so tut sich vor mir der Frühling wie ein volles kräftiges Gewitter mit einem blauen und grünen Glanze auf. – Ich sehe die Sonne am Abendhimmel in Rosen stehen, in die sie ihren Strahlenpinsel, womit sie heute die Erde ausgemalet, hineinwirftund wenn ich mich ein wenig umsehe in ihrer Gemäldeausstellung: so ist ihre Schmelzmalerei auf den Bergen noch heissauf dem nassen Kalk der nassen Erde trocknen die Blumen mit Saftfarben gefüllt, und an den Bächen die Vergissmeinnicht mit Miniaturfarbenunter die Glasur der Ströme hat die Malerin ihr eigenes Auge gefasset, und die Wolken hat sie wie ein Dekorationsmaler nur mit wilden Umrissen und einfachen Farben gezeichnet; und so steht sie am rand der Erde und blickt ihren grossen, vor ihr stehenden Frühling an, dessen Faltenwurf Täler sind, dessen Brustbouquet Gärten und dessen Erröten ein Frühlingsabend ist und der, wenn er sich aufrichtet, derSommer wird.

Aber weiter! In jedem Frühlingund in einem solchen gar geh' ich zu fuss den Zugvögeln entgegen und verreise den hypochondrischen Bodensatz des Winters. Ich glaube aber nicht, dass ich nur den Turmknopf von Hukelum, der in einigen Tagen abgehoben wird, geschweige die Pfarrleute gesehen hätte, wär' ich nicht beim flachsenfingischen Superintendenten und Konsistorialrat gewesen. Bei diesem kundschaftete ich Fixleins Lebenslauf- jeder Kandidat muss seinen an das Konsistorium liefern und sein noch tolleres Bittschreiben um den Turmgiebel aus. Ich ersah mit Vergnügen, wie lustig der Kauz in seinem Entenpfuhl und Milchbad von Leben schnalze und plätschereund nahm mir die Reise zu seinem Ufer vor. Es ist sonderbar, d.h. menschlich, dass wir originelle Menschen und originelle Bücher das ganze Jahr lang wünschen und preisen: haben und sehen wir sie aber, so erzürnen sie unssie sollen uns ganz anstehen und schmecken, als ob das eine andere Originalität könnte als unsere eigene.

Es war Sonnabends, den dritten Mai, dass ich, der Superintendent, der Senior capituli und einige weltliche Räte aufbrachen und einstiegen und uns in zwei Wägen vor die Haustüre des Pfarrers bringen liessen. Die Sache war: er war noch nichtinvestieret, und morgen sollt' er es werden. Ich dachte nicht, als wir am weissen Spalier des Schlossgartens vorbeifuhren, dass ich darin ein neues Werkchen schreiben würde.

Ich sehe den Pfarrer noch in seinem PerückenGrauwerk und Kopfgehäuse an die Wagentüre anspringen und uns herausziehenso lächelndso verbindlichso eitel als aufmerksam auf die herausgezogne Fracht. – Es schien, als hätt' er den Reiseflor des Schmerzes auf der Lebensreise gar niemals umgenommenund Tiennette schien ihren niemals zurückgeschlagen zu haben. Wie war alles im haus so nett, aufgeschmückt und poliert! Und doch so still, ohne das verdammte Sturmläuten der Bedientenglocken und ohne die faulen Trommelbässe des Treppen-Pedalierens! Indes die Herren im obern Zimmer anständig sassen, zog ich nach meiner Art wie ein Geruch im ganzen haus herum, und mein Weg führte mich durch die Wohnstube, über die Küche und endlich in den Kirchhof am haus. Guter Sonnabend, ich will deine Stunden, so gut ich kann, mit schwarzem Judenpech von Dinte in die Uhrblätter fremder Seelen zeichnen! – In der Wohnstube hob ich vom Schreibtisch einen an rücken und Ecken vergoldeten Band mit dem Rückendekret: "Heilige Reden von Fixlein, erste Sammlung" aufund da ich nach dem Druckort sehen wollte, war die heilige Sammlung geschrieben. Ich fühlte die Schreitspulen an und tunkte in die Negerschwärze der Dinte einund ich befand, dass alles ganz gut war: bei herumfliegenden Gelehrten, die nur ein Departement der auswärtigen Angelegenheiten haben und keines der inneren, ist ausser einigen andern Dingen nichts schlechter als Dinte und Federn. Auch fand ich eine Kupferplatte, auf die ich wieder zurückkommen werde. –

In der Küche, die man zum Schreiben eines englischen Romans nicht nötiger hat wie zum Spielen eines deutschen, konnte' ich mich neben Tiennetten stellen und mit schüren helfen und in ihr Gesicht und in ihr Kochfeuer zugleich sehen. Ob sie gleich in der Ehe war, wo weisse Rosen auf den Wangen zu roten werden worin die Mädchen einem Gleichnis in der Note36 gleichen –, und obgleich das Bratenholz eine erlogene Schminke auf sie warf: so erriet ich doch, wie blass sie ungefähr sonst gewesen war, und meine Rührung über ihre Farbe stieg durch den Gedanken an ihre Bürde noch höher, die ihr heute nachts das Schicksal nicht sowohl abgenommen als bloss in ihre arme und näher an ihr Herz geleget hat. Wahrlich ein Mann muss nie über die mit einer Ewigkeit bedeckte Schöpfungsminute der Welt nachgesonnen haben, der nicht eine Frau, deren Lebensfaden eine verhüllte unendliche Hand zu einem zweiten spinnt, und die den Übergang vom Nichts zum Sein, von der Ewigkeit in die Zeit verhüllt, mit philosophischer Verehrung anblickt; – aber noch weniger muss ein Mann je empfunden haben,