" (setzte er äusserst fröhlich hinzu) "und du glücklich niederkommst: so könnt' ich alles so disponieren, dass der Knopf gerade aufgesetzet würde, wenn du deinen Kirchgang hieltest, Alte!"
Darauf rückte er den Stuhl leicht vom Schenk- und Nachtisch an den Arbeitstisch und versass den halben Nachmittag an der Supplik um den Turmknauf. Da er noch ein wenig Zeit bis zur Dämmerung hatte, so setzte er das Arbeitszeug an sein neues gelehrtes Opus an. Es stand nämlich bei Hukelum im Schnee draussen ein Zehntel von einem alten Raubschloss, das er im Herbste alle Tage wie ein revenant besucht hatte, um es auszuklaftern, ichnographisch zu silhouettieren, jeden Fensterstab und jeden restierenden Anwurf desselben genau zu Papier zu bringen. Er glaubte, er hoffe nicht zu viel, wenn er dadurch – und durch einige Zeichnungen der weniger steil- als waagrechten Mauern – seinem "Architektonischen Briefwechsel zweier Freunde über das Hukelumische Raubschloss" jene letzte Hand und Reife zu erteilen meine, die Rezensenten zufriedenstellet. Denn er hatte gegen die kritischen Reichsgerichte der Rezensenten nichts von derjenigen Verachtung, die einige Schriftsteller wirklich besitzen – oder nur affektieren wie z.B. ich. Aus dem umgefallenen Raub-Louvre wuchsen für ihn mehr Freudenblumen als sonst vielleicht aus dem aufrechtstehenden für den Eigner.
Es ist meines Wissens noch eine unbekannte Anekdote, dass alles dieses niemand zu verantworten hat als Büsching. Fixlein stöberte unlängst in dem Kirchenbriefgewölbe ein Handschreiben auf, worin der Geograph sich Spezialberichte vom dorf ausbat. Büsching erwischte freilich nichts – daher mangelt wirklich das ganze Hukelum noch seiner Erdbeschreibung –; aber dieser verpestete Brief steckte Fixleins Herz mit dem anhaltenden Frühlingsfieber der Ruhmsucht an, so dass sein pulsierendes Herz nur mit dem Lukaszettel einer Rezension zu stillen und zu halten war. Mit der Schriftstellerei ist es wie mit der Liebe: man kann beide jahrzehentelang zugleich begehren und entraten; ist aber einmal der erste Funke von ihnen in dein Pulverlager gefallen: dann brennts fort bis ans Ende.
Bloss Winters-Anfang wegen musste heute eine besonders warme stube gemacht werden, die er wie grosse Müffe und Bärenmützen mehr liebte, als man dachte. Die Dämmerung, dieses schöne Chiaroscuro des Tages, diesen farbigen Vorgrund der Nacht, dehnte er so lang wie möglich aus, um darin auf Weihnachten zu – studieren; und doch konnte' es seine Frau ohne Bedenken wagen, ihm gerade, wenn er mit dem umgehangenen Säetuch voll göttlichen Worts-Samen die stube auf- und abging, einen Löffel voll Bieressig vorzuhalten, damit er ihn dem Gaumen anprobierte, ob er abzugiessen sei von der Essigmutter. Liess er denn nicht sogar, ob er gleich Rögner lieber speiste, allemal einen Milchner aus der Heringstonne ziehen, nur der geliebten Frau wegen? –
Jetzt kam Licht; und da gerade der Winter seine Glasmalerei auf den Scheiben anfing, seine Eis-Blumenstücke und seinen Schnee-Baumschlag: so sah der Pfarrer, es sei Zeit, etwas Kaltes zu lesen, was er seine kalte Küche nennte, nämlich die Beschreibung eines entsetzlich-frostigen Landes. Dasmal war es die Wintergeschichte der vier russischen Matrosen auf Nova Zembla. Ich meines Orts hefte im Sommer, wenn der wühlende Zephyr Blütenglocken aufbläht, die Landkarten und Aufrisse von Welsch- und Morgenland noch als neue Landschaften an die, worin ich sitze. Und doch nahm er heute noch die Stadtchronik von Flachsenfingen zur Hand, um mitten unter den Schüssen, Pestilenzen, Hungersnöten, Kometen mit langen Schärpen und dem Rauschen aller Höllenflüsse des dreissigjährigen krieges mit einem Ohre nach der Gesindestube hinzuhören, wo man den Krautsalat für seinen Entenbraten zerschneidet.
Gute Nacht, Alter! ich bin matt. Der gute Himmel schicke dir im Frühjahr 1794, wenn die Erde ihre Menschen wie kostbare 30 Nachtraupen auf Blättern und Blumen herumträgt, den neuen Turmknopf und einen dicken wohlgestalteten – Buben dazu!
Eilfter Zettelkasten
Frühling – Investitur – und Niederkunft
Ich stehe von einem wunderbaren Traume auf; aber der vorige Kasten macht ihn natürlich. Mir träumte: alles grüne – alles dufte – ich schaue nach einem unter der Sonne blitzenden Turmknopf hinaus, ruhend im Fenster eines weissen Gartenhäuschens, die Augenlider voll Blumenstaub, die Achseln voll dünne Kirschenblüten, die Ohren voll Gesumse des benachbarten Bienenstandes. – Darauf trete langsam zwischen die Rabatten der hukelumische Pfarrer und steige ins Gartenhaus und sage feierlich zu mir: "Wohlgeborner Herr, eben ist meine Frau von einem Knäblein entbunden worden, und ich unterfange mich, Dieselben zu bitten, an solchem das heilige Werk zu verrichten, wenn es in den Schoss der Kirche aufgenommen wird." –
Ich fuhr ganz natürlich auf, und der – Pfarrer Fixlein stand noch leibhaftig neben meinem Bette und bat mich zu Gevatter: denn Tiennette war heute nachts um 1 Uhr niedergekommen. Die Geburt war darum so glücklich als wie in einem Gebärhause vorübergegangen, weil der Vater schon etliche Monate darauf gedacht hatte, den sogenannten Klapperstein, der im Horste des Adlers gefunden wird, beizuschaffen und Geburtshülfe damit zu leisten: denn dieser Stein verrichtet in seiner Art alles, was die Mütze eines alten Minoriten in Neapel, von dem Gorani erzählt, an solchen Kreissenden erzwingt, die sie aufsetzen.....
– Ich könnte den Leser noch länger kränken; aber ich lasse willig nach und decke ihm die Sachen auf.
Einen solchen Mai wie den diesjährigen (von 1794) hat die natur bei Menschengedenken nicht – angefangen: denn wir haben erst den funfzehnten. Leute von Einsichten mussten sich seit Jahrhunderten jedes Jahr