bloss auf die alte Frau und konnte kaum zanken, dass er ihrentwegen in die Stadt zum Weinhändler geschickt hätte. Er nahm in jede Hand für jede, die er liebte, ein Glas und reichte es der Mutter und der Frau und sagte: "Auf dein langes, langes Leben, Tiennette! – Und auf Ihr Wohlergehen, Mama! – Und auf eine recht glückliche Geburt unsers Kleinen' wenn mir Gott einen schenkt!" – "Mein Sohn," sagte die Kunst-Gärtnerin, "aber auf dein langes Leben müssen wir hauptsächlich trinken, weil wir von dir erhalten werden. – Gott mache dich ja alt!" – fügte sie beklommen hinzu, und ihre Augen verrieten ihr Herz.
Ich habe nie von dem schrankenlosen Flattersinne des weiblichen Geschlechtes eine lebhaftere Vorstellung als zur Zeit, wo eine Frau den Engel des Todes unter ihrem Herzen trägt, und doch in den neun Monaten voll Todesanzeigen keinen grösseren Gedanken hat als den an ihre Gevattern und an das, was bei der Taufe gekocht werden soll. Aber du, Tiennette, hattest edlere Gedanken, obwohl jene auch mit. – Der noch eingehüllte Liebling deines Herzens ruhte vor deinen Augen wie ein kleiner, auf einen Grabstein gebildeter Engel, der mit seiner kleinen Hand immer auf dein Sterbejahr hinzeigte, und jeden Morgen und jeden Abend dachtest du mit einer Gewissheit des Todes, von der ich die Gründe noch nicht weiss, daran, dass die Erde eine dunkle Baumannshöhle ist, wo das Menschenblut wie Tropfstein, indem es tropft, Gestalten aufrichtet, die so flüchtig blinken, und so früh zerfliessen! – Und das war es eben, warum deine Tränen unaufhaltsam aus deinen sanften Augen quollen und alle deine ängstlichen Gedanken an dein Kind verrieten; aber du machtest den traurigen Erguss deines Herzens durch die Umarmung wieder gut, worin du mit neuer entzündeter Liebe an deinen Gatten fielest und sagtest: "Es gehe, wie es will, Gottes Wille geschehe, wenn nur du und mein Kind am Leben bleiben – aber ich weiss wohl, dass du mich, Bester, so sehr liebest wie ich dich."... Lege deine Hand, Mutter, voll Segen auf sie; und du, gutes Schicksal, ziehe deine niemals ab von ihnen! –
Ich stehe zwar voll Rührung und voll Glückwünsche neben dem Kusse zweier Freundinnen und neben der Umarmung von zwei tugendhaften Liebenden, und aus dem Feuer ihrer Altäre fliegen Funken in mich; aber was ist diese Erwärmung gegen die sympatetische Erhebung, wenn ich zwei Menschen, gebückt unter einerlei Bürden, verknüpft zu einerlei Pflichten, angefeuert von derselben sorge für einerlei kleine Lieblinge, einander in einer schönen Stunde an die überwallenden Herzen fallen sehe! Und wenn es vollends zwei Menschen tun, die schon die Trauerschleppe des Lebens, nämlich das Alter, tragen, deren Haare und Wangen schon ohne Farbe, deren Augen ohne Feuer sind und deren Angesicht tausend Dornen zu Bildern der Leiden ausgestochen haben, wenn diese sich umfangen mit so müden alten Armen und so nahe am Abhange ihrer Gräber, und wenn sie sagen oder denken: "Es ist an uns alles abgestorben, aber doch unsere Liebe nicht – o wir haben lange miteinander gelebt und gelitten, nun wollen wir auch zugleich dem tod die hände geben und uns miteinander wegführen lassen"; – – so rufet alles in uns aus: o Liebe, dein Funke ist über der Zeit, er glimmt weder an der Freude noch an der Rosenwange, er erlischt nicht, weder unter tausend Tränen noch unter dem Schnee des Alters noch unter der Asche deines – Geliebten. Er erlischt nie; und du Allgütiger, wenn es keine ewige Liebe gäbe, so gäb' es ja gar keine!...
Dem Pfarrer ward es leichter als mir, sich einen Übergang vom Herzen zum Magen zu bahnen. Er trug jetzt Tiennetten, deren stimme sich sogleich erheiterte – indes ihr Auge einmal ums andere zu glänzen anfing –, sein Vorhaben vor, das Frostwetter zu benützen und so viel ins Haus einzuschlachten, als sie haben: "Das Schwein kann kaum mehr aufstehen", sagt' er und bestimmte den Entschluss der Weiber, ferner den Metzger und den Tag und die Zahl der Schlachtschüsseln: er besprach alles mit einer Pünktlichkeit, mit der die Kriegsinnung (welche den Trokar der überfüllten Menschheit, nämlich das Marsschwert ansetzt) einen Tag vorher zu Werke geht, ehe sie eine Provinz ins Hatz- und Schlachtaus treibt.
Darauf fing er an, ganz froh über Winters-Anfang, der heute um acht Uhr zweiundzwanzig Minuten morgens eingetreten war, zu tun und zu reden, "weil es doch wieder", sagt' er, "stark aufs Frühjahr losgehe, und man morgen nicht so viel Licht verbrennen dürfe als heute." Die Mutter fiel ihn zwar mit dem Gewehr ihrer fünf Sinne an; aber er hielt ihr die astronomischen Tabellen entgegen und bewies, die Zunahme des Tages sei ebenso unleugbar als unmerkbar. Letzlich fragte er wie die meisten Amt- und Eheleute nichts darnach, ob ihn seine Weiber fasseten oder nicht, und benachrichtigte sie in juristisch-teologischer Einkleidung: "heute nachmittags schieb' er es nicht mehr auf, sondern halte beim hochpreislichen Konsistorium, welches jus circa sacra habe, um einen neuen Knopf für den Kirchturm an, um so mehr, da er bis auf das Frühjahr eine reichliche milde Beisteuer von der Parochie herausgebettelt zu haben verhoffe." – "Wenn uns Gott den Frühling erleben lässt