blühenden Wein, die Blumen-Vermählung der Seelen: sie kehrten lieber wieder um und wandten sich in den Gottesacker hinauf, um ihre Rührungen zu bewahren. Gross stand auf Gräbern und Bergen die Nacht vor dem Herzen und machte es gross. Über dem weissen Turm-Obeliskus ruhte der Himmel blauer und dunkler, und hinter ihm flatterte der abgedorrte Gipfel des niedrigern Maienbaums mit entfärbter Fahne. Da erblickte der Sohn das Grab seines Vaters, auf dem der Wind die kleine tür des metallenen Kreuzes knarrend auf- und zuschlug, um das auf Messing eingeätzte Jahr seines Todes lesen zu lassen. – – Eine heisse Wehmut ergriff mit heftigen Tränenströmen sein losgerissenes Herz und trieb ihn an den verfallenen Hügel, und er führte seine Braut an das Grab und sagte: "Hier schläft er, mein guter Vater – schon im zweiunddreissigsten Jahre ging er hier ein zur ewigen Ruhe. – O du guter, teuerer Vater, könntest du doch heute die Freude deines Sohnes sehen wie meine Mutter! – Ach du bester Vater, deine Augenhöhle ist leer und deine Brust voll Asche, und du siehst uns nicht." – Er verstummte. – Die bedrängte Braut weinte laut, sie sah die morschen Särge ihrer Eltern aufgehen und die zwei Toten sich aufrichten und sich umschauen nach ihrer Tochter, die so lange von ihnen verlassen auf der Erde blieb. – Sie stürzte an sein Herz und stammelte: "O Teuerer, ich habe weder Vater noch Mutter, verlass mich niemals."
O du, der du noch einen Vater oder eine Mutter hast, danke Gott an dem Tage dafür, wo deine Seele voll Freudentränen ist und eine Brust bedarf, an der sie sie vergiessen kann....
Und mit dieser edlen Umarmung am grab eines Vaters schliesse sich heilig dieser Freudentag! –
Zehnter Zettelkasten
Der Tomas- und Geburtstag
Der Autor ist eine Art Bienenwirt für den LeserSchwarm, dem zu Gefallen er die Flora, die er für ihn hält, in verschiedene zeiten verteilt und die Aufblüte mancher Blumen hier beschleunigt, dort verschiebt, damit es in allen Kapiteln blühe. –
Die Göttin der Liebe und der Engel des Friedens führten das Ehepaar auf Steigen, die über volle Auen liefen, durch den Frühling und auf Fusspfaden, die in hohen Kornfeldern verborgen waren, durch den Sommer – und der Herbst streuete ihnen, als sie auf den Winter losgingen, seine marmorierten Blätter unter. Und so kamen sie an vor der niedrigen dunkeln Pforte des Winters, voll Leben, voll Liebe, zuversichtlich, zufrieden, gesund und rot.
Am Tomastag hatte Tiennette wie der Winter ihren Geburtstag. Wir wollen gerade, wenn in der nahen Kirche das Singen aufhört, um 9 1/4 in das Pfarrhaus durch die Fenster gucken. – – Es ist nichts darin ausser die alte Mutter, die den ganzen Tag, weil sie der Sohn ausser Arbeit und zur Ruhe gesetzt, herumschleicht und bohnt und bügelt und scheuert und wischt; – jedes gelockte Stuhlbein und jeder Messingnagel des in Wachstuch gekleideten Tisches gleisset; – alles hängt, wie bei allen Eheleuten ohne Kinder, am rechten platz, Bürste und Fliegenklatsche und Kalender; – die Sessel sind von der Stuben-Polizei in ihre verjährten Winkel verteilt; – ein mit dem Diadem oder der Schärpe eines himmelblauen Bandes umwikkelter Flachsrocken steht am Ritterbette, weil heute am halben Feiertage gesponnen werden kann; – die bänderbreiten Papierabschnitzel, worauf Predigtdispositionen kommen, liegen weiss neben den zugeschnittenen Predigten selber, nämlich neben den Oktav-Heften dazu, denn der Pfarrer und sein Arbeitstisch sind der Kälte wegen aus der Studier- in die Wohnstube heruntergezogen; – seine grosse MuffWamme hängt neben dem reinen Bräutigamsschlafrock – was wir in der stube vermissen, ist bloss er und sie. Denn er predigte sie heute in die blosse Aposteltagskirche hinein, damit ihre Mutter ohne Zeugen – ausser die paar tausend Leser, die mit mir ins Fenster sehen – die Proviantbäckerei und den ganzen Küchenwagen des Geburtsfestes beschicken und das beste Tischzeug und Eingemachte ungesehen auftragen könnte.
Der Seelensorger hielt es für keine Sünde, die Kirchleute so lange zu ermahnen und aufzurichten und zu bedrohen, bis er dachte, die Suppe dampfe über die Teller. Dann führte er die Neugeborne nach haus und stellte sie plötzlich vor den Altar mit Speisopfer, vor einen süssen Buchdruckerstock aus Brottorte, worauf ihr Name mit echter Mönchsschrift aus Gaumbuchstaben von Mandeln eingebacken war. Im Hintergrunde der Zeit und der stube verberg' ich gleichwohl noch zwei – Flaschen Pontak. – Wie schnell werden am Strahle der Freuden deine Wangen reif, Tiennette, als dein Eheherr feierlich sagte: "Es ist heute dein Geburtstag, und der Herr segne dich und behüte dich und lasse sein Angesicht über dich leuchten und schenke dir zur Freude deiner Schwiegermutter und deines Mannes insbesondere ein glückliches fröhliches Kindbette, Amen!" – Und da Tiennette sah, dass die alte Frau alles dieses selber gekocht und aufgetragen hatte: so fiel sie ihr um den Hals, als wenn es ihre Mutter gewesen wäre.
Rührung besiegt den Appetit. Aber Fixleins Magen war so stark wie sein Herz, und keine Art Bewegung wurde über seine peristaltische Herr. Getränk ist der Gelenksaft der Zunge, wie Essen ihr Hemmschuh. Aber früher, als bis er manches gegessen und gesagt hatte, schenkt' er nicht ein. Dann hob er die TeichDocke von Kork aus der Bouteille und liess den geistreichen Weiher ab. Die sieche Mutter eines noch in ihr Leben gehüllten Menschen heftete in der verlegnen Rührung ihre dankbaren Augen