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prächtig hergehe." – Bloss unter dem Kopulieren konnte' er ein wenig beten.

Noch ärger und lauter wurde alles unter dem Essen, als Pasteten und Marzipandevisen aufgemacht wurdenals Gläser und krepierte Fische (unter der Serviette, um die Gäste zu erschrecken) herumgingenund als die Gäste aufstanden und selber herumgingen und endlich herumtanzten: denn es war Instrumentalmusik aus der Stadt da.

Eine Minute übergab der andern die Zucker-Streubüchse und das Flaschenfutter der Lustdie Gäste hörten und sahen immer weniger, und die Beichtkinder fingen immer mehr an zu hören und zu sehen und trieben sich gegen Abend wie einen Keil in die offne Pfarrtüreja zwei Jungen wagten es sogar, mitten im Pfarrhofe auf einem Brette, das quer über einem Zimmerbalken lag, sich auf- und niederzuschaukeln. – Der glimmende Nebel der zergangnen Sonne umrang draussen die Erde, der Abendstern blinkte über dem Pfarrund Kirchhofe, niemand bemerkte es.

Inzwischen gegen neun Uhr hinals schon die Hochzeitleute die Brautleute vergassen und allein forttranken oder forttanzten, als die armen Menschen in diesem Sonnenschein des Schicksals, wie die Fische im andern, aus ihrem nasskalten Elemente aufschnalzten, und als der Bräutigam unter dem Stern des Glücks und der Liebe, der wie ein Komet einen langen Schweif durch seinen Himmel warf, insgeheim seine mit ausgetrunknen Freudenbechern angefüllte Brust an seine Braut und an seine Mutter angedrücket hatte – – da riegelte er einen Schnitt Hochzeitbrot verstohlens in einen Wandschrank ein, in der alten abergläubigen Hoffnung, dass dieses Überbleibsel für die ganze Ehe Brot verbürge. Da er zurückkam mit grösserer Liebe für die ewige Genossin seines Lebens: so begegnete ihm diese mit seiner Mutter, um ihm allein den Bräutigamsschlafrock und das Bräutigamshemde nach alter Sitte zu schenken. Manche Gesichter erblassen in heftigen Rührungen, selber in freudigen: Tiennettens Wachsgesicht lag auf dieser Wachsbleiche unter der Sonne des Glücks. O falle niemals ab, du Lilie des himmels, und vier Frühlinge statt der vier Jahrszeiten schliessen deine Blütenglocken der Sonne auf und zu! – Alle Polypenarme seiner Seele zuckten schwimmend auf dem Freudenmeer und wollten das zarte warme Herz der Geliebten umringen und es fest und weich umstrickt in seines ziehen....

Er führte sie aus dem schwülen Tanzsaal in den kühlenden Abend. Warum legt der Abend, warum die Nacht heissere Liebe in unser Herz? ist es der nächtliche Druck der Hülflosigkeit, oder ist es die erhebende Absonderung aus dem Lebensgewühle, die Verhüllung der Welt, worin der Seele nichts mehr bleibt als Seelen, ist es darum, weswegen die Buchstaben, womit der geliebte Name in unserem inneren steht, gleich als wären sie Phosphorschrift, zu nachts brennend erscheinen, indes sie am Tage nur im bewölkten Umriss rauchen? –

Er ging mit seiner Braut in den Schlossgarten: sie eilte schnell durch das Schloss und vor dessen Gesindstube vorüber, wo die schönen Blumen des Jugendlebens unter einem langen Druckwerk breit und trocken gepresset wurden, und ihre Seele tat sich gross und atmend im freien offnen Garten auf, in dessen Blumenerde das Schicksal den ersten Blumensamen ihres heutigen Lebensflores ausgeworfen hatte. Stilles Eden! Grünes, mit Blüten zitterndes Helldunkel! – Der Mond ruht unter der Erde wie ein Toter; aber jenseits des Gartens sind der Sonne helle rote Abendwolken wie Rosenblätter abgefallen, und der Abendstern, der Brautführer der Sonne, schwebt wie ein glänzender Schmetterling über dem Rosenrot und nimmt, bescheiden wie eine Braut, keinem einzigen Sternchen sein Licht.

Die zwei Menschen kamen an die alte GärtnersHütte, die zugeschlossen und stumm mit finstern Stuben im lichten Garten stand, wie eine Vergangenheit in der Gegenwart. Entblösstes Gezweig der Bäume verschränkte sich mit fetten halben Blättern über dem dichten, sich durchgreifenden Laubwerk der Stauden. Der Frühling stand als Sieger neben dem zu Füssen liegenden Winter. – Im blauen Teiche ohne Blut war ein dunkler Abendhimmel ausgegraben, und sein Abfluss wässerte rauschend die Beete. – Die Silberfunken der Sternbilder sprangen auf dem Altare des Morgens auf und fielen erloschen in das rote Meer des Abends nieder. – –

Der Wind schwirrte wie ein Nachtvogel lauter durch die Bäume und gab der Akazienlaube Töne, und die Töne riefen den Menschen, die in ihr einstmals glücklich wurden, zu: "Trete herein, neues Menschenpaar, und denke an das, was vergangen ist, und an mein Verwelken und an deines, und sei heilig wie die Ewigkeit, und weine nicht bloss vor Freude, sondern auch vor Dankbarkeit!"- Und der Weinende zog die Weinende unter die Blüten und legte seine Seele wie eine Blume an ihr Herz und sagte: "Beste Tiennette, ich bin unaussprechlich glücklich und möchte viel reden und kann doch nichtach, du Teuere, wir wollen wie Engel, wie Kinder zusammenleben. – Wahrlich alles will ich tun, was dich freuet; vor zwei Jahren hatte' ich ja nichts, gar nichts, ach durch dich, du Liebe, bin ich so glücklich. – Ich sage nun du, du, du liebe Seele!" – Sie zog ihn enger an sich und sagte, wiewohl ohne ihn zu küssen: "Sagen Sie nur du, Teuerster!"

Und als sie wieder aus der heiligen Laube in den magisch-dunkeln Garten traten, nahm er den Hut ab, erstlich um innerlich Gott zu danken, und zweitens weil er in den unaussprechlich schönen Himmel schauen wollte.

Sie kamen vor dem rauschenden leuchtenden Hochzeitause an; aber ihre erweichten Herzen suchten Stille auf, und fremdes Anstreifen störte, wie am