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Römer vorschützen, deren Untertanen und deren Könige samt den Briefen und Verhandlungen der letzteren sich des Lateins befleissigen mussten. Er verwunderte sich, warum nur die griechischen und nicht auch die lateinischen Grammatiken lateinisch abgefasset wären, und tat die auffallende Frage: ob denn die Römer, wenn sie ihre kleinen Kinder die lateinische Sprache lehrten, es in einer andern taten als in eben dieser? – Darauf ging er auf den Aktus über und sagte folgendes mit seinen eignen Worten: "Ich bin willens, es in einer andern Einladungsschrift zu beweisen, dass alles, was über den grossen Stifter unserer Reformation, den Gegenstand unserer heutigen Martini-Redeübungen, zu wissen und zu sagen ist, schon längst erschöpft worden, sowohl durch Seckendorf als andere. In der Tat kann von Luters Personalien, von seinen Tischreden, Einkünften, Reisen, Kleidern usw. nichts Neues mehr vorgebracht werden, zumal wenn es zugleich etwas Wahres sein soll. Indessen ist doch das Feld der Reformationsgeschichte, bildlich zu reden, bei weitem nicht ganz angebauet; und es will mir vorkommen, als müsste sich der Gelehrte noch heutiges Tages vergeblich nach echten, bis an unsere zeiten reichenden Nachrichten von den Kindern, Enkeln, Kindskindern etc. dieses grossen Reformators umsehen, die doch alle entfernter in die Reformationsgeschichte einschlagen, so wie er näher. Du drischest vielleicht nicht ganz, sagt' ich zu mir, leeres Stroh, wenn du nach deinen geringen Kräften diesen versäumten historischen Zweig hervorziehest und bearbeitest. Und so wagte ich es denn, mit dem letzten männlichen Nachkommen Luters, nämlich mit dem Advokaten Martin Gottlob Luter, der in Dresden praktizierte und 1759 da verstarb, den Anfang einer speziellern Reformationshistorie zu machen. Mein schwacher Versuch über diesen zur Reformation gehörigen Advokaten wird belohnet genug sein, wenn er zu bessern Werken darüber ermuntert; das wenige aber, was ich von ihm aufgetrieben und gesammelt habe, ersuch' ich untertänig, gehorsamst und gehorsam alle gönner und Freunde des flachsenfingischen Gymnasiums den vierzehnten November aus dem mund sechs gutgearteter Peroranten anzuhören. Anfangs wird

Gottlieb Spiesglas, ein Flachsenfinger, in lateinischer Rede zu zeigen suchen, dass Martin Gottlob Luter überhaupt ein Schwertmagen des Doktor Luter gewesen. Nach ihm bemühet sich

Friedrich Christian Krabler aus Hukelum in deutscher Prosa den Einfluss zu bestimmen, den Martin Gottlob Luter noch auf die schon daseiende Reformation gehabt; worauf hinter ihm

Daniel Lorenz Stenzinger in lateinische Verse die Nachrichten von Martin Gottlob Luters Prozessen und überhaupt die wahrscheinlichen der Advokaten um die Kirchenverbesserung zusammenfassen will; – welches sodann einem

Nikol Tobias Pfizmann gelegenheit geben wird, französisch aufzutreten und das Wissenswürdigste aus Martin Gottlob Luters Schuljahren, Universitätenleben und männlichen Jahren auszuheben. Und wenn nun

Andreas Eintarm in deutschen Versen die etwaigen Fehltritte dieses Stammhalters des grossen Luters wird zu entschuldigen gesucht haben: so wird

Justus Strobel in lateinischen seine Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit im Advokatenstande nach seinen Kräften besingen; worauf ich selber den Kateder besteigen und allen Patronen der Flachsenfinger Schule gehorsamst danken und diejenigen Stücke aus dem Leben dieses merkwürdigen Dresdners noch anführen werde, von denen wir noch gar nichts wissen, weil sie sich für die Redner des nächsten Martini-Aktus g. G. aufsparen."

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Der Tag vor dem Aktus lieferte gleichsam die Probeschüsse und Aushängebogen des Mittwochs. Leute, die des Anzugs wegen vom grossen Schulfest wegbleiben mussten, besonders Damen, erschienen Dienstags in den sechs Probereden. Niemand ordnet zwar bereitwilliger als ich den Probeaktus dem Mittwochsaktus unter, und mich braucht man am wenigsten erst aufzufodern, das Trommetenfest einer Schule gehörig zu würdigen; aber auf der andern Seite bin ich ebenso gewiss Überzeugt, dass einer, der Mittwochs nicht in den echten Aktus gegangen ist, sich etwas Glänzenderes als den Probetag vorher gar nicht gedenken könnte, weil er nichts hätte, womit er die Pracht vergleichen könnte, in der der Primas des Festes vor Damen und Ratsherren das an seinen Triumphwagen vorgelegte Gespann von Sechsenum die sechs Gebrüder Redner Gäule zu nenneneinfuhr auf morgen. Lächle immer, Fixlein, Über das Anstaunen deiner heutigen Ovation, die dem morgendlichen Triumph entgegenfährt: auf deinem auseinanderfliessenden gesicht zuckt das glückliche, sich und den Weihrauch wiederkäuende Ichaber eine Eitelkeit wie deine, und nur diese, die geniesset, ohne zu vergleichen oder zu verschmähen, kann man erdulden, will man ernähren. Was aber über sein ganzes wächsernes Herz wie ein schmelzender Sonnenschein fiel, war seine Mutter, die es auf vieles Zureden gewagt hatte, sich in Busstagskleidern ganz unten an die Prima-Flügeltüre demütig anzulegen. Es wäre schwer zu sagen, wer beglückter ist, ob die Mutter, die zusieht, wie der, den sie unter ihrem Herzen getragen, die vornehmsten jungen Herren in halbseidenen Westen beordern und regieren kann, und die zuhöret, wie er samt ihnen lauter hohe Sachen sagt und auch verstehtoder ob der Sohn glücklicher ist, der, wie einige Helden des Altertums, das Glück hat, noch bei Lebzeiten seiner Mutter zu triumphieren. Ich habe niemals in meinen Schriften und Taten einen Stein aufgehoben gegen den sel. Burchardt Grossmann, der in die Initialbuchstaben der Stanzen im lied: "Brich an, du liebe Morgenröte." seine Namenslettern verteilte, und noch weniger bewarf ich arme Kräuterweiber, die schon bei Lebzeiten ihren Leichenkattun ausplätten und 1/12 Dutzend Totenhemden für sich ausnähen. Ich halte auch den Mann nicht für weiseobwohl für recht klug und pedantisch –, der sich die Gallenblase voll ärgern kann, dass jeder von uns Blattminierern das Herzblatt, worauf er sich nagend