Brüder, ohne Freunde, nur so allein auf einem ausblühenden ausgeleerten platz der Erde, und du zurückgelassene Herbstblume schwankest einsam und erfroren über den Grummetstoppeln der Vergangenheit." – Das war der Sinn seiner Gedanken, deren innere Worte waren: "Das arme fräulein! nicht einmal einen Lehnsvetter hat sie, es nimmt sie keiner von Adel, und sie altert so vergessen, und sie ist doch so herzensgut – mich hat sie glücklich gemacht – ach hätt' ich die Vokation zur hukelumischen Pfarrei in der tasche, ich machte einen Versuch.".... Ihr beiderseitiges Leben, das ein enges schneidendes Bindwerk des Schicksals so nahe ineinanderknüpfte, trat jetzt mit Flor behangen vor ihn, und er lenkte geradezu – denn ein blöder Mann ist in andertalben Stunden in den kühnsten umgesetzt und verbleibt es nachher – seine Freundin zur letzten Flasche zurück, um damit alle aufschiessende Disteln und Passionsblumen der Traurigkeit zu ersäufen. Ich merke im Vorbeigehen an, dass das dumm ist: die zerritzte Rebe ist voll Wasseradern wie voll Trauben, und ein sanft beklommenes Herz weichen die Getränke der Freude nur zu Tränen auf.
Wer mir nicht beipflichtet, den bitte' ich jetzt nur den Konrektor anzusehen, der meinen Erfahrungssatz wie ein Syllogismus beweiset. – Man könnte auf philosophische Aussichten kommen, wenn man den Ursachen nachginge, warum gerade Getränke – d.h. am Ende reichlichere Sekretion des Nervengeistes – den Menschen zugleich fromm, weich und dichterisch machen. Der Dichter ist, wie sein Musenvater, ein ewiger Jüngling und ist das, was andere Menschen nur einmal sind – nämlich verliebt – oder nur nach dem Pontak – nämlich berauscht-, den ganzen Tag, das ganze Leben hindurch. Fixlein, der kein Dichter am Morgen war, wurde jetzt in der Nacht einer: Wein machte ihn fromm und weich; – die Harmonikaglokken im Menschen, die der höhern Welt nachtönen, müssen, wie die gläsernen, um hier zu gehen, nass erhalten werden.
Jetzt stand er mit ihr wieder vor dem wogenden Teiche, in dem die zweite blaue Halbkugel des himmels mit wankenden Sternen und flatternden Bäumen zitterte; – über die grünen Hügel liefen die weissen gekrümmten Strassen dunkel hinauf; – auf dem einen Berg sank die Abendröte zusammen, auf dem andern richtete sich der Nebel der Nacht auf – und über alle diese ringenden Dünste des Lebens hing unbeweglich und flammend der tausendarmige Kronleuchter des Sternenhimmels herab, und jeder Arm hielt eine brennende Milchstrasse....
Jetzt schlug es 11 Uhr... Bei solchen Szenen streckt sich im Menschen eine unbekannte Hand aus und schreibet mit fremder Sprache an sein Herz jenes fürchterliche Mene, Tekel etc. – "Vielleicht bin ich gestorben um 12 Uhr", dachte unser Freund, in dessen Seele jetzt der Kantatesonntag mit allen seinen schwarzgefärbten Blutgerüsten aufstieg.
Der ganze künftige Lebens-Kreuzgang seiner Freundin lag gestachelt und bedornet vor ihm, und er sah jede blutige Spur, aus der sie ihren Fuss gezogen – sie, die seinen eignen Weg mit Blumen und Blättern weich gemacht. Da konnte' er sich nicht mehr entalten, zu zittern mit Körper und stimme und zu ihr feierlich zu sagen: "Und sollte der Herr heute noch über mich gebieten, so sei Ihnen mein ganzes halbes Vermögen vermacht: denn Ihrer unbeschreiblichen Güte hab' ich es ja zu danken, dass ich schuldenfrei bin wie wenige Schulmänner."
Tiennette, unbekannt mit unserem Geschlecht, musste dieses irrig für einen Antrag der Ehe nehmen und drückte dem einzigen lebendigen Menschen, durch dessen Arm sich noch die Freude, die Liebe und die Erde mit ihrer Brust verband, heute zum erstenmal mit den Fingern des wunden Armes bebend seinen, worin sie lagen. Der Konrektor, freudig-erschrocken über den ersten Andruck einer weiblichen Hand, suchte mit seiner herübergebognen rechten ihre linke zu erfassen, und Tiennette hob, da sie seine vergebliche Krümmung merkte, die Finger auf vom Arm und legte den verbundnen in seinen und ihre ganze linke Hand in seine rechte. Zwei Liebende wohnen in der Flispergalerie30, wo der dünneste Hauch sich zu einem Laute beseelet. Der gute Konrektor empfing und verdoppelte den seligen Druck der Liebe, womit die arme unmächtige Seele stammelnd, eingesperrt, lechzend und wahnsinnig eine heisse Sprache sucht, die es nicht gibt; – er wurde übermannt – er hatte nicht den Mut, sie anzublicken, sondern sah geradeaus in die Abendröte und sagte (und hier rannen vor unaussprechlicher Liebe die Tränen heiss über seine Wangen): "Ach ich will Ihnen alles geben, Gut und Blut und alles, was ich habe, mein Herz und meine Hand." Sie wollte antworten, aber sie tat nach einem Seitenblicke den Schrei des Schreckens: "Ach Gott!" – Er fuhr gegen sie und sah den weiss-mousselinenen Ärmel mit ihrem Blute vollgequollen, weil sie die Aderlassbinde durch das Hineinrücken des Armes abgeschoben hatte. Blitzschnell riss er sie in die Akazienlaube, wo sie sich setzen konnte. Das nachdringende Blut tropfte schon vom Kleide, und er wurde bleicher als sie, denn jeder Tropfe wurde aus seinem Herzensblut geschöpft. Der blau-weisse postpapierne Arm wurde entüllt – die Binde wurde aufgewunden er riss aus der tasche ein Goldstück heraus – deckte es, wie man bei offnen Arterien tut, auf die sprudelnde Quelle und verschloss mit diesem goldnen Gesperre und mit der Binde darüber die Pforte, aus der ihr gequältes Leben drang. –
Als es vorüber war, sah sie auf zu ihm,