war das erste, was er tat, dass er die Sekundaner entliess und in Tränen ausbrach, ehe er im Konrektorat angekommen war. Ob ihm gleich die Mutter mit geschrieben hatte, dass er im Testament bedacht geworden – ich wünschte aber, der Gerichtshalter hätte ausgeplaudert, wie viel es gewesen –: so fielen ihm fast mit jedem O, das er masoretisch in der deutschen Bibel assortierte und eintrug, grosse Tropfen in die Feder und machten die Dinte zu blass. Ihn zerfrass nicht der poetische Schmerz des Dichters, der die klaffenden Wunden in Leichenschleier hüllet und den Schrei durch sanftes Trauergetöne bricht, noch der Schmerz des Philosophen, den ein offnes Grab in das ganze Katakomben-Geklüfte der Vergangenheit einschauen lässt und vor dem sich der Todesschatten eines Freundes zum Schattenkegel der ganzen Erde aufrichtet – sondern ihn presste das Weh eines Kindes, einer Mutter, die schon der Gedanke – ohne Nebenbetrachtungen – bitter zerknirscht: "So soll ich dich nicht mehr sehen, so sollst du verwesen, und ich sehe dich, du gute Seele, niemals, niemals mehr." Eben weil er weder den poetischen noch philosophischen Kummer hatte, machte jede Kleinigkeit einen Absatz, eine Lücke in dem seinigen; und er war wie ein Weib noch denselben Abend fähig, sich einige künftige Gebrauchszettel seiner angekündigten Erbschaftsmasse zu entwerfen.
Vier Wochen darauf, d.h. den 5. Mai, wurden die Testamentssiegel aufgebrochen; aber er ging erst den 6. (am Kantatesonntag) nach Hukelum ab. Seine Mutter lief seinen Grüssen mit Tränen entgegen, die sie über die Leiche vergoss – vor Trauer – und über das Testament – vor Freude. – Dem zeitigen Konrektor Egidius Zebedäus war verehrt: erstlich ein adeliges grosses Bette mit einer Spiegeldecke, in dem der Riese Goliat sich hätte umwenden können und an das nachher ich und die Leserin näher treten wollen, um es zu prüfen – zweitens wurde ihm als rückständiges Osterpatengeld für jedes Jahr, das er zurückgelegt, ein Zopfdukaten legiert – drittens sollen ihm alle Rezeptions- und Stationsgelder, die ihn die Kreuzeserhöhung in das Quintat und Konrektorat gekostet, bei heller und Pfennig erstattet werden. -"Und weisst du denn" fuhr die Mutter fort, "was die arme Fröhlen kriegt? – Ach Gott! nichts! nicht den roten heller da!" – Denn der Tod hatte die Hand starr gemacht, die sich gerade ausstrecken und der armen Tiennette einen kleinen Regenschirm gegen die Strichgewitter und Blutregen ihres Lebens reichen wollte. Die Mutter berichtete diesen Fussstoss des Glücks mit wahrem Mitleid, das bei den Weibern den Neid ablöset und das ihnen leichter wird als die Mitfreude, die mehr männlich ist. In manchen weiblichen Herzenskammern sind Mitleiden und Neid so nahe Wandnachbarn, dass sie nirgends tugendhaft wären als in der Hölle, wo die Menschen so erschrecklich viel ausstehen, und nirgends fehlerhaft als im Himmel, wo die Leute des Guten zu viel haben.
Der Konrektor hatte nun auf Erden den Himmel, in den seine Wohltäterin aufgeflohen war. Zuallererst sprang er – ohne sein Schnupftuch einzustecken, in dem seine Rührung war – die Treppe hinauf, um das grosse testierte Bette aufgeschlagen zu sehen: denn er hatte eine weibliche Vorliebe für Möblen. Ich weiss nicht, ob der Leser schon in alte Ritterbetten geschauet hat oder gestiegen ist, in die man durch eine kleine Treppe ohne Geländer, die daran hängt, leichtlich kommen kann und in denen man im grund allemal eine Treppe hoch schläft. Nazianzen berichtet (Orat. XVI), dass schon die Juden hohe Betten mit solchen Hühnerleitern gehabt, aber bloss des Ungeziefers wegen. Die legierte Bette-Arche war gerade so gross – und ein Floh hätte sie nicht mit Erddiametern, sondern mit Siriusweiten gemessen. Als Fixlein von diesem kolossalischen Dormitorium die Vorhänge zurückgeschoben und den Bettehimmel in einem grossen Spiegel offen gesehen hatte: wär' er gern darin gewesen; und wenn er aus dem Nachtkegel in Amerika einen Kegelschnitt hätte nehmen können, er hätte sich damit eingebauet, um nur eine halbe Stunde mit seiner dünnen Rutentaille im Flaum-Weiher herumzuschwimmen. Die Mutter hätte ihn durch längere Kettenschlüsse und Kettenrechnungen, als das Bette war, nicht dahin lenken können, den breiten Spiegel oben ausbrechen zu lassen, obgleich sein grosser Spiegeltisch sich in nichts besehen konnte als in einem Rasierspiegel; – er liess den Spiegel oben daran: "Sollt' ich einmal g. G. heuraten," sagt' er, "so kann ich doch gegen Morgen meine schlafende Frau ansehen, ohne dass ich mich im Bette aufsetze."
Was den zweiten Artikel anlangt, nämlich die legierten Patenpfennige: so macht' es gestern seine Mutter recht gut. Der Gerichtshalter hörte sie über die Jahre des Erben ab, und sie legte diesem geradezu die Dental-Zahl zweiunddreissig bei. Sie hätte gern gelogen und den Sohn wie eine Inschrift für älter verkauft; aber gegen diese veniam aetatis würden, sah sie, die Rechte mit Rechten exzipieret haben: "es sei erlogen und erstunken; wäre der Sohn zweiunddreissig alt: so wär' er ja längst Todes verfahren, wie nun wohl nicht anders zu präsumieren."
Und gerade unter der Erzählung sprach ein Aufhammerischer Bedienter ein und reichte gegen Revers und gegen Ratifikation des von der Mutter ausgestellten Geburtsscheines die Goldstange von zweiunddreissig Rechen-Pfennigen des Alters dem Konrektor wie eine Lebens-Ruderstange zu: Herr von Aufhammer war zu einem knauserischen Hader über einen bürgerlichen Geburtsschein zu stolz.
Und so ging durch eine stolze Freigebigkeit einer der besten