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Er niemals ein Auge auf meine Eva geworfen? – Sie kann Ihn leiden, und wenn Er sie will, kriegt Er sie, aber wir sind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herr braucht eine ganz andere." –

"Herr Regimentsquartiermeister", sagte Fixlein (denn diesen Posten bekleidete Steinberger bei der Landmiliz), "eine solche Partie wäre ohnehin viel zu reich für einen Schulmann", Der Quartiermeister nickte mit dem kopf siebenzigmal und sagte zur wiederkehrenden Eva, indem er ein Krummholz, woran er Kälber aufspreizte und aufhing, vom Gesimse nahm: "Bleib stehen! – Höre, willst du gegenwärtigen Herrn Konrektor zu deinem Ehegemahl haben?""Ach du grosser Gott!" sagte Eva. "Du magst ihn nun wollen oder nicht," fuhr der Metzger fort, "so schlägt dir dein Vater mit dem Krummholz das Gehirn ein, wenn du nur an einen gelehrten Herrn denkstmach jetzt seinen Kaffee." So war durch das Trennmesser des Krummholzes leicht eine Liebe zerschlagen, die in einem höhern stand durch dieses Dazwischenschlagen mit dem Schwerte nur desto mehr geschäumet und gegischet hätte.

Fixlein konnte nun zu jeder Stunde 50 fl. fränkisch erheben und den pädagogischen Reichsapfel ergreifen und Koadjutor des Rektors, d.h. Konrektor werden. Man kann annehmen, dass es mit den Schulden wie mit den Verhältnissen in der Baukunst ist, von denen Wolf erwies, dass die die schönsten sind, die sich mit den kleinsten Zahlen ausdrücken lassen. Inzwischen griff der Quartiermeister Gelehrten willig unter die arme: denn die Meinung, dass der Schuldner im zweiunddreissigsten Jahre sterben und dass so dem Tod als Gläubiger in der ersten Klasse die Schuld der natur eher bezahlet werde als andern Kreditoren die ihrigen, o diese Meinung nannt' er Viehdummheit und Narretei; er war weder aber- noch rechtgläubig und handelte nach festen grundsätzen, die der gemeine Mann weit öfter hat als der prahlende Literatus und der öde weiche Grosse.

Da ich nur einzelne helle Marientagewarme Walpurgisnächtehöchstens bunte Rosenwochen aus dem in Alltagsschlacken vererzten Leben Fixleins wie Silberadern scheide und sie für den Leser poche, schmelze und glätte: so muss ich jetzt mit dem Bache seines Lebens gehen bis an den Kantatesonntag 1792, bevor ich einige Handvoll Goldkörner zur Wäsche in diese biographische Goldhütte tragen kann. Dieser Sonntag hingegen ist sehr goldhaltig: man denke nur daran, dass Fixlein doch nicht weiss (weil die Asche der Kirchenbücher unleserlich ist), ob er da nicht ins zweiunddreissigste Jahr einlaufe.

Von Weihnachten bis dahin tat er weiter nichts, als dass er Konrektor wurde. Der neue Kateder war ein Sonnenaltar, auf dem sich aus der Quintus-Asche ein junger Phönix zusammenzog. Grosse Veränderungen verjüngenin Ämtern, Ehen, Reisen –, weil man das Leben allezeit von der letzten Revolution an datiert, wie die Franzosen von der ihrigen an. Ein Obrist, der in die Wesenleiter der Ancienneté den Fuss als Korporal eingesetzet hatte, ist fünfmal jünger als ein König, der in seinem Leben nichts weiter war als einKronprinz.

Fünfter Zettelkasten

Der Kantatesonntagzwei TestamentePontak

BlutLiebe

Die Frühlingsmonate kleiden die Erde neu und bunt, aber den Menschen meistens schwarz. Gerade wenn unsere Eisregionen zu fruchtbaren werden und die Blumenwellen der Auen über unsern Weltteil zusammenschlagen: so stossen uns überall Menschen in Flören auf, deren Frühlingsanfang voll Tränen ist. Aber auf der andern Seite ist ja das Aufblühen der verjüngten Erde die beste Kurzeit gegen den Schmerz über die, die in ihr liegen, und Blumen verhüllen uns Gräber besser als Schnee. – – Der alte Lehrer des Konrektors, Astmann, begegnete im April, der weniger veränderlich als tödlich ist, dem tod, der ihm das am Magen siechende Gehirn eindrückte. Man wollte seinen Abschied der Rittmeisterin verdecken; aber das ungewöhnliche Leichengeläute trug ihr seinen Schwanengesang ans Herz und setzte die Abendglocke ihres Lebens allmählich in ähnlichen Schwung. Alter und Leiden hatten an ihr schon dem tod die ersten Einschnitte vorgezeichnet, dass er wenig Mühe brauchte, sie ganz zu fällen; denn den Menschen geht es wie den Bäumen, die lange vor dem Umsägen eingekerbet werden, damit ihnen der Lebenssaft entfliesse. Der zweite Schlagfluss traf sie in geringer Entfernung vom letzten: es ist sonderbar, dass der Tod, wie Gerichte, die Schlagflüssigen dreimal zitieret.

Die Menschen schieben ihren letzten Willen gern so lange hinaus wie ihren bessern: die Rittmeisterin hätte vielleicht alle ihre Stunden bis auf die sprachlose und taube ohne Testament verrollen lassen, hätte nicht Tiennette in der letzten Nacht, ehe sie aus der Krankenwärterin die Leichenfrau wurde, die Sieche auf den armen Konrektor gebracht und auf sein darbendes Leben und auf die schmalen Lebensdiäten und Alimentengelder, die ihm das Glück ausgeworfen, und auf seine leere Zukunft, wo er als gelbes mattes Gewächs in den trockenen Dielen-Fugen der Schulstube zwischen Schülern und Gläubigern welken werde. Ihre Dürftigkeit war ihr das Modell zur seinigen, und ihre inneren Tränen waren die flüssigen Tuschen ihres Gemäldes. Da die Rittmeisterin nur für Domestiken testierte und bei den männlichen anfing: so stand Fixlein obenanund der Tod, der ein besonderer Hausfreund des Konrektors sein muss, hob nicht eher seine Sense auf und tat den letzten Schnitt, als bis sein Muttersöhnchen mit vernehmlicher stimme zum Testamentserben erkläret war: dann schnitt er alles ab, Leben, Testament und Hoffnungen. –

Als der Konrektor auf einem Wäschezettel seiner Mutter diese zwei Todes- und Hiobsposten in seiner Sekunda erfuhr: so