erledig' es bald. eigentlich hätte nach der Schul-Ancienneté dieser heilige Stuhl dem Subrektor Hans von Fuchslein gebührt; aber er mocht' ihn nicht, weil er Hukelumer Pfarrer werden wollte, zumal da Astmanns Todesengel nach sichern Nachrichten die tür zu diesem Schafstall immer weiter aufschloss. "Treibts der Kerl noch höchstens ein Jahr, so ist es viel", sagte Hans.
Dieser Hans war so grob, dass es schade ist, dass er nicht ein kurhannöverischer Postbediente war, weil er dann durch das Mandat der hannöverischen Regierung, das alle Postämter zu feinen Sitten verwies, sich mit hätte umbessern können. Er war unserem armen Quintus, den kein Mensch anfocht und der wieder keinen Menschen hasste, allein aufsätzig, bloss weil Fixlein sich nicht Fuchslein schrieb und sich nicht mit ihm hatte adeln wollen lassen. Der Subrektor musste auf seinem adeligen Triumphwagen, den die Vorspann von vier vorausgegebenen Ahnen zog, den Quintus, der mit ihm verwandt war, hinten in den Lakaienriemen des Wagens greifen sehen und ihn mit dem jämmerlichsten Aufzuge von der Welt zu dem Gefolge sagen hören: "Der da fährt, ist mein Vetter und ein Mensch, und ich erinnere ihn immer daran." Der milde nachgiebige Quintus wurde die grosse Wespen-Giftblase im Subrektor gar nicht gewahr und nahm sie für den Honigmagen; ja durch seine brüderliche Wärme, die der Edelmann für Schein ansah, kochte er dessen giftigen Säfte nur noch dicker. Der Quintus sah aus Einfalt die Verachtung für Neid über seine pädagogischen Talente an.
Einen Katarinenhof – einen Annenhof – einen Elisabet-, Strahlen- und Petershof, alle diese russische Lustschlösser kann einer entraten (wenn nicht verachten), der eine stube hat, worin er am heiligen Weihnachtsabend mit einer Vokation herumstreift. Der neue Konrektor wünschte sich nun nichts als – hellen Tag: Freuden (Sorgen nie) frassen ihm wie Spatzen die Schlummerkörner weg, und heute trommelte ihm noch dazu der Rechnungsführer seiner frohen Zeit, der UhrAffe, alle Stunden vor, die er freudig verträumte, anstatt verschnarchte.
Am Weihnachtsmorgen erblickt' er seinen Lektionskatalog und machte nicht viel daraus: er wusste kaum, was er von seinem gestrigen närrischen Aufblähen über seine Quintur nun denken sollte: "Die Quintus-Stelle", sagt' er zu sich, "kommt gegen ein Konrektorat in gar keine Betrachtung – mich wunderts, wie ich gestern damit stolzieren konnte vor meiner Veränderung – heute hätte ich doch eher Fug dazu." Heute speisete er, wie an allen Sonn- und Festtagen, beim Metzgermeister Steinberger, seinem vormaligen Vormund. Fixlein war gegen ihn das, was gemeine Leute immer, was aber vornehme und philosophische und gefühlvolle selten sind – dankbar: der Mensch dankt desto weniger für fremde Geschenke, je geneigter er ist, eigne zu machen, und der Freigebige ist selten ein Dankbarer. Meister Steinberger hatte als Proviantmeister an den Drahtkäfig der Dachstube, worin Fixlein als Student in Leipzig hing, vollgedrückte Fressnäpfchen mit Kanarienfutter von Geräuchertem, von Hausbrot und Sauerkraut angesteckt. Geld aber war ihm niemals abzubetteln: es ist bekannt, dass er oft die besten Kalbshäute zu Stiefelleder für den Quintus zum Gerber gratis schickte; aber die GerbKosten musste der Mündel tragen. Als Fixlein kam, wurde' ihm wie allemal ein kleineres gemödeltes Tischtuch aufs grobe gedeckt – der Grossvaterstuhl, ein silbernes Besteck und eine Weinsuppe gereicht; lauter Aufwand, der sich, wie der Vormund sagte, nur für einen Gelehrten schickte, aber für keinen Fleischer. Fixlein ass erst, eh' er entdeckte, dass er Konrektor geworden. "Mündel, wenn Er" (sagte Steinberger) "das geworden ist: so ist es recht gut. – Siehst du, Eva, jetzt kauf' ich keinen Schwanz von deinen Kühen – ich muss es gerochen haben." Er sagte seiner Tochter damit, dass er den für die Schweizerei bestimmten Kaufschilling für das Konrektorat verwenden müsse: er streckte nämlich dem Mündel allezeit die ÄmterSpesen vor, zu 4;½ Prozent. Funfzig Gulden hatte' er dem Quintus schon zur Quintus-Werdung geliehen, die richtig verzinset werden mussten; an dem Zinstage aber bekam Fixlein allemal noch Geld heraus, weil er die Tochter des Vormundes alle Sonntage nach dem Essen im Rechnen, Schreiben und in der Länderkunde vornehmen musste. Steinberger foderte mit Recht von seiner leiblichen achtzehnjährigen Tochter, dass sie alle Städte wissen sollte, worin er auf seiner Wanderschaft geschlachtet hatte; und wenn sie nicht aufpasste, oder krumm schrieb, oder falsch subtrahierte: so stand er als akademischer Senat und Freischöppe hinter ihrem Stuhl und zackte sozusagen mit dem Zainhammer seiner Faust das im Rückgrat fortgesetzte Gehirn zur Kultur mit wenig Schlägen aus. Der sanfte Quintus hätte sie ohnehin nie geprügelt. Deswegen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicken ihr Herz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte – eben weil seine Frau gestorben war – immer mit Grubenlichtern und Störstangen den Inhalt aller Winkel, die nur im Herzen einer Tochter liegen, ausgeforscht; und hatte daher längst das gemerkt – was der Quintus niemals merkte –, dass sie letzteren haben wolle. Mädchen verstecken ihren Kummer leichter als ihre Freuden: heute war Eva über das Konrektorat ungewöhnlich rot geworden.
Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte, den der Mündel bis auf den Bodensatz austrinken musste – "ich schlage meine Eva tot, wenn sie ihn nur anleckt", sagte er –: so sagt' er zu Fixlein: "Hör' Er, Herr Mündel, hat