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. Zu wünschen wär' es, es beträfe Verbrechenderen Subsubdivision nämlich –: so könnten Gerichtshalter dazu genommen werden. Denn in den Gerichtsstellen, wo nur niedere Gerichtsbarkeit und keine Strafe über 5 fl. fränkischer Währung stattfindet, haben sie ein tägliches Exerzitium, wie sie aus jedem Unfug mehrere kleinere machen wollen, wovon sie jeden niemals über 5 fl. bestrafen. Es ist dieses ein gutes moralisches Rolfinken, das die Juristen glücklich dem Sünden-Prosektor, dem heiligen Augustin, und seiner Sorbonne absahen, die beide in Adams Sündenapfel mehr Sünden einschnitten, als jener in einen Kirschkern Gesichter. Wie verschieden ist der Gerichtshalter vom päpstlichen Kasuisten, der die beste Todsünde durch Seitenschnitte in eine lässliche zu verdünnen weiss! –

Schulämter (um auf diese zu kommen) sind zwar ein kleiner Handelsartikel; sie sind aber doch allemal MonarchienSchulmonarchien nämlich –, die der polnischen Krone gleichen, die nach Popes Verse zweimal in einem Jahrhundert feilsteht, welches aritmetisch falsch ist, weil Newton die Regiments-Jahre im Durchschnitt auf zweiundzwanzig Jahre ansetzt. Ob übrigens der innere Rat die Stadtjugend einem Hamelschen Ratten- und Kinderfänger oder einem Weisseschen Kinderfreunde zuführedas kann für den Rat keinen Unterschied machen, da der Schulmann kein Gaul ist, für dessen unsichtbare Mängel der Rosstäuscher zu haften hat. Es ist genug, wenn Stadtsyndikus et Compagnie sich nicht vorwerfen können, dass sie ein Genie ausgeklaubet haben; denn ein Genie würde, da es nur zur Zierde und Belustigung des Staates zu verbrauchen ist, allerdings den schlechtern, kältern Kopf verdrängen, der eigentlich der wahre Nutzen und Kuxe des Staates ist, so wie gute Lotund Zahlperlen bloss zum Putze, schlechte Samenperlen aber zum Medizinieren dienen. Wenn überhaupt ein Schullehrer vermögend ist, seinen Scholaren auszuwichsen: so kann er im ganzen genug; und ich tadle es, dass die Oberexaminationskommission keinen Schulmann vor ihren Augen einige oder mehrere junge Leute aus seiner Klasse zur probe prügeln lässt, um zu sehen, was an ihm ist.

Ende des Extrawortes über Vokationen-Agioteurs

überhaupt

Nun wieder zur geschichte! Die Rats-Bewindheber erkannten meinem Helden das Konrektorat nicht bloss des grösseren Lichte rund Bohnen-Absatzes wegen zu, sondern wegen einer ganz tollen Vermutung: sie glaubten nämlich, der Quintus verfahre bald Todes.

Und hier steh' ich vor einem wichtigen platz dieser geschichte, in den ich bis jetzt niemand sehen lassen; jetzt aber kömmts nicht mehr auf meinen Willen an, die bisherige spanische Wand wegzuschieben oder nicht, sondern ich muss sogar Reverberierlaternen darüber aufhängen. Es ist nämlich in der medizinischen geschichte etwas ganz Bekanntes, dass man in gewissen Familien gerade in einem Alter stirbt, wie man darin auch in einem Alter (nämlich von neun Monaten) geboren wird; ja aus Voltaire entsinn' ich mich einer Familie, worin die Verwandten sich immer in demselben Alter entleibten. In der Fixleinischen Verwandtschaft war nun die Gewohnheit, dass die männlichen Aszendenten immer im zweiunddreissigsten Jahre am Kantatesonntag sich hinlegten und starben: es muss sichs jeder in sein Exemplar vom dreissigjährigen Kriege, weils Schiller gänzlich weggelassen, nachtragen, dass darin ein Fixlein an der Pest, einer am Hunger und einer an einer Flintenkugel starb, alle im zweiunddreissigsten Jahre. Wahre Philosophie erklärt sich das Faktum so: "Die ersten paar Male traf sichs nur zufälligerweise so; und die übrigen Male verstarben die Leute an der blossen Angst: widrigenfalls müsste man das ganze Faktum lieber in Zweifel ziehen."

Was machte aber Fixlein aus der Sache? – Wenig oder nichts: das einzige, was er tat, war, dass er sich wenig oder nicht befliss, sich in Tiennette zu verlieben, damit kein anderer seinetwegen in Angst geriete. Er selber aber schor sich aus fünf Gründen so wenig darum, dass er älter als der Senior Astmann zu werden verhoffte: erstlich, weil drei Zigeunerinnen in verschiedenen Orts und Zeiträumen, und ohne etwas voneinander zu wissen, darin zusammengetroffen hatten, dass sie ihn dieselbe Hauptallee langer Jahre in ihren Zauberspiegeln erblicken liessenzweitens, weil er kerngesund wardrittens, weil sein eigner Bruder eine Ausnahme gemacht hatte und vor den Dreissigern ersoffen warviertens darum: als kleiner Knabe wurde' er gerade an dem Kantatesonntage, wo man seinen Vater aufs Leichenbrett band, vor Kummer krank und nur durch sein Spielzeug geheilt; mit diesem Kantate-Siechtum aber glaubte er den mörderischen Genius seines Stamms recht gut abgefunden zu haben. Fünftens konnte' er, weil die Kirchenbücher und mitin die Gewissheit seines Alters zusammengebrennt waren, niemals in eine bestimmte tödliche Angst geraten: "Ich kann heimlich.", sagt' er, "schon über das Schelmjahr weggewischet sein, ohne dass es ein Henker gemerkt hat." – Ich verhehl' es nicht, schon im vorigen Jahre dachte' er, er sei ein Zweiunddreissiger: "Sollt' ichs dennoch" (sagte er) "erst im künftigen (1792) g. G. werden: so kanns so gut ablaufen wie im vorigen, und der Herr kann mich ja überall finden. Und wär' es denn unrecht, wenn die hübschen Jahre, die dem Leben meines Bruders abgebrochen wurden, meinem zugeschlagen würden?"- – So sucht sich der Mensch unter dem kalten Schnee der Gegenwart zu erwärmen oder sich aus ihm einen schönen Schneemann zu kneten.

Hingegen die ratsherrliche Oligarchie fussete aufs Widerspiel und hob eben wie eine Gotteit den Quintus plötzlich aus der Quintei ins Konrektorat, weil sie darauf schwur, er