höchstens Frömmigkeit. Sie nahm den nickenden Quintus mit dem zurücknickenden Air einer Patronatsherrin auf und erheiterte sich menschenfreundlich bei der Ausschiffung der Grüsse von Tiennetten.
Sie fing das Gespräch an und setzte es lange allein fort und sagte ohne dass deswegen die Trommelsucht des Stolzes ihr Gesicht verliess – "sie werde bald sterben, aber sie werde die Pate ihres Gemahls (den Endes-Untergestellten) schon in ihrem letzten Willen bedenken." – Ferner sagte sie ihm gerade ins Gesicht, das ganz mit der vierten Bitte vollgeschrieben vor ihr stand: "auf eine Versorgung in Hukelum soll' er nicht bauen; aber zum Flachsenfinger Konrektorat (das Bürgermeister und Rat besetzt) hoffe sie ihm zu verhelfen, da sie bei dem regierenden Bürgermeister ihren Kaffee und beim Stadtsyndikus die Lichter (er trieb einigen Grossohandel mit Hamburger Lichtern) kaufe." –
Nun kam er zum untertänigen Wort, da sie von ihm Kranken berichte über ihren Senior Astmann abforderte, der sich mehr von Luters Katechismus als vom Gesundheitskatechismus raten liess. Sie war weniger Astmanns Patronatsherrin als Patronin und gestand sogar, sie würde einem so treuen Seelenhirten bald nachfolgen, wenn sie auf ihrem Gute hier sein Sterbegeläute vernähme. So sonderbare chymische Verwandtschaften sind zwischen unsern Schlacken und unsern Silberadern, z.B. hier zwischen Stolz und Liebe; und ich wünschte, wir verziehen diese hypostatische Union allen so gern wie den Schönen, die von uns mit allen ihren Fehlern, wie nach Du Fay vom Magnet das mit andern Metallen vermengte Eisen, gleichwohl angezogen werden.
Gesetzt auch, der Teufel hätte in irgendeiner müssigen Minute eine oder zwei hände voll Samenkörner des Neides in die Seele des Quintus gesäet: sie wären doch nicht aufgeschossen; und heute vollends nicht, da ihm ein Mann gepriesen wurde, der sein Lehrer und – was er für einen Titulado der Erde hielt, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Frömmigkeit – ein Geistlicher war. So viel ist freilich nach der geschichte auch nicht zu leugnen, dass er bei der Edelfrau geradezu mit der Supplik nachkam: "er wolle zwar gern noch einige Jahre sich in der Schule gedulden, aber dann sehen' er sich wohl in ein geruhiges Pfarr-Ämtchen." Auf ihre Frage, ob er aber ortodox sei, versetzte er: "er hoff' es, er habe in Leipzig nicht nur alle publica des Doktor Burschers gehöret, sondern auch bei einigen rechtgläubigen Magistern hospitieret, weil er wohl gewusst, dass das Konsistorium jetzt strenger wie sonst auf reine Lehre examiniere."
Die Kranke ersuchte ihn, einen Probeschuss zu tun, ihr nämlich eine Vermahnung am Krankenbette zu halten. – Beim Himmel! er hielt eine der besten. Ihr Adelsstolz kroch jetzt vor seinem Amts und Priesterstolz zurück: denn ob er gleich nicht mit dem Dominikanermönch Alanus de Rupe glauben konnte, dass ein Priester grösser sei als Gott, da dieser nur eine Welt, jener aber einen Gott (in der Messe) erschaffen könne: so musste er doch einem Hostiensis beifallen, welcher gezeigt, dass die priesterliche Würde 7644 mal grösser sei als die königliche, weil die Sonne so vielmal grösser sei als der Mond. – Vollends aber eine Edelfrau diese verschrumpfet ganz vor einem Pfarrer.
In der Domestikenstube hielt er bei dem Lakaien um den vorigen Jahrgang des Hamburger politischen Journals an, weil er sah, dass man mit diesen historischen Belegen der Zeit sündlich die Knöpfe der Reisekleider papillotierte. In verdrüsslichen Herbstabenden konnte' er sich doch hinsetzen und nachlesen, was sich etwa gutes Neues in der politischen Welt zutrage – im vorigen Jahr.
Auf einem ganz mit Lorbeer vollgeladenen Triumphwagen, an den lauter Hoffnungen gespannt waren, fuhr er abends nach haus und riet unterwegs dem Quintaner, sich keiner Sache ruhmredig zu überheben, sondern still Gott zu danken, wie er da tue.
Die nebeneinander aufblühenden Lustaine seiner vier Kanikularwochen und das fliegende Gewimmel von Blüten darin sind bald auf drei Seiten gemalt. Ich will blindlings in seine Tage greifen und einen herausfangen: einer lächelt und duftet wie der andere.
Man nehme z.B. den Namenstag seiner Mutter Clara, den 12. August. Am Morgen hatte' er perennierende, feuerbeständige Freuden, d.h. Geschäfte. Denn er schrieb, wie ich; wahrlich, wenn Xerxes einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnügens aussetzte: so hatte der, der nur über die Preisfrage seine Gedanken niederschrieb, das neue Vergnügen schon wirklich auf der Zunge. Ich kenne nur eine Sache, die süsser ist, als ein Buch zu machen, nämlich eines zu entwerfen. Fixlein schrieb kleine Werklein von 1/12 Alphabet, die er im Manuskript, vom Buchbinder in goldne Flügeldecken geschnürt und auf dem rücken mit gedruckten Lettern betitelt, in die literarische Stufensammlung seines Bücherbrettes mit einstellte. Jedermann dachte, es wären Novitäten, mit Schreiblettern gedruckt. Er arbeitete – ich will die unerheblichen Werke auslassen – an einer Sammlung der Druckfehler in deutschen Schriften; er verglich die Errata untereinander, zeigte, welche am meisten vorkämen, bemerkte, dass daraus wichtige Resultate zu ziehen wären, und riet dem Leser, sie zu ziehen.
Ferner trat er unter den deutschen Masoreten auf. Er bemerkte ganz richtig in der Vorrede: "Die Juden hätten ihre Masora aufzuweisen, die ihnen sagte, wie oft jeder Buchstabe in ihrer Bibel vorkomme, z.B. das Aleph (das A) 43 277 mal – wie viel Verse darin stehen, wo alle Konsonanten auftreten (26 Verse sinds) – oder nur achtzig (3 sinds