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gnädigen Frau, die ihn ins Testament setzen will; sie erbauete seine Gelehrtenhistorie, die ihn und den Subrektor betraf, wie er selber z.B. in der Sekunda vikariere und über Schüler regiere, so lang gewachsen wie er. Und so gingen beide zufrieden zwischen roten Bohnenblüten, roten Maikäfern, vor der immer tiefer am Horizonte niederbrennenden Abendröte den Garten auf und ab und kehrten allemal lächelnd vor dem kopf der Gärtnerin um, der wie ein Scheibenbild in das kleine Schiebfenster eingesetzet stand, das wieder in ein grösseres gefasset war.

Mir ist es unbegreiflich, dass er sich nicht verliebte. Ich weiss zwar seine Gründe: erstlich hatte sie nichts; zweitens er nichts und Schuldenlast dazu; drittens war ihr Stammbaum ein Grenzbaum und Verwahrungsstock; viertens band ihm noch ein edlerer Gedanke die hände, der aus guten Gründen dem Leser noch verhalten wird. GleichwohlFixlein! hätt' ich nicht an deinem platz sein dürfen! Ich hätte sie angesehen und mich an ihre Tugenden und an unsere Schuljahre erinnert und dann mein weichflüssiges Herz hervorgezogen und es ihr wie einen Wechselbrief präsentieret oder wie ein Ratsdekret insinuieret. Denn ich hätte erwogen, dass sie es einer Nonne in zweierlei nachtue, im guten Herz und im guten Backwerkdass sie trotz ihres Umganges mit männlichen Frönern doch keine Karl Genofeva Louise Auguste Timotee Eon von Beaumont sei, sondern eine glatte, blonde, gehäubte Taube dass sie mehr ihrem Geschlechte als unserem zu gefallen suche dass sie ein zerfliessendes Herz, das nicht erst vom Bücherverleiher abgeholet ist, in Tränen zeige, deren sie sich aus Unschuld mehr schämt als rühmtSchon vor der dritten Rabatte wär' ich bei solchen Gründen dagewesen mit der Spende meines Herzens. –

Hätt' ich vollends bedacht, Quinte! dass ich sie kenne wie mich selber, dass ihr und mir (wär' ich nämlich du gewesen) von demselben Senior die lateinischen hände zum Schreiben geführt worden sinddass wir uns als unschuldige Kinder vor dem Spiegel geküsset, um zu sehen, ob es die beiden Vexierkinder im Spiegel nachmachendass wir oft die hände beiderlei Geschlechts in einen Muff geschoben und sie darin Versteckens spielen lassen; – – hätt' ich endlich überdacht, dass wir ja gerade vor dem in der Schmelzmalerei des Abends glimmenden Glashause ständen, an dessen kalten Scheiben wir beide (sie innen, ich aussen) die heissen Wangen, bloss durch den gläsernen Ofenschirm gespalten, einander entgegengepresset hatten: so hätt' ich die arme, vom Schicksal auseinandergedrückte Seele, die gegen ihr Wettergewölk keine grössere Erhöhung zur Wetterscheide vor sich sieht als das Grab, an meine gezogen und sie an meinem Herzen erwärmt und mit meinen Augen umgürtet....

Wahrlich der Quintus hätt' es auch getan, hätt' es der oben gedachte edlere Gedanke, den ich verhalte, erlaubt! – Weich, ohne die Ursache zu wissendaher er seine Mutter küsste –, und selig, ohne ein gelehrtes Gespräch geführt zu haben, und mit einer Fracht von untertänigen Empfehlungen entlassen, die er morgen vor der Dragonerrittmeisterin abzuladen hat, kam er im kleinen Häuschen an und sah noch so lange aus seinen dunkeln Fenstern an die leuchtenden des Schlosses. – Und noch als schon das erste Viertel des Mondes im Untergehen war, um 12 Uhr, schloss er vor dem kühlen Anwehen eines milden, duftenden, feuchten und das Herz beim Namen rufenden Nachtlüftchens noch einmal die Augenlider eines schon träumenden Blickes auf....

Schlafe, denn du hast heute noch nichts Böses getan! – Ich will, während die hängende geschlossene Blumenglocke deines Geistes sich auf das Kopfkissen senkt, hinausschauen in die wehende Nacht auf deinen morgendlichen Fusssteig, der dich durch transparente Wäldchen nach Schadeck zu deiner Gönnerin führt. Der Rittmeister bricht schon um ein Uhr auf. Du und deine Schutzpatronin sitzen also morgen allein beisammen. Es gelinge dir alles, närrischer Quintus! –

Zweiter Zettelkasten

Frau von AufhammerKindheits-Resonanz

Schriftstellerei

Das frühe Gepiepe nach Atzung, das die gestern vom Quintaner aus dem Neste adoptierte Drossel schon um zwei Uhr anfing, trieb den Quintus bald in die Kleider, deren Glanzpresse und Parallellineal die hände der besorgten Mutter waren, die ihn zur Rittmeisterin nicht wie einen "lüderlichen Hund" lassen wollte. Der Pudel wurde inkarzeriert, der Quintaner mitgenommen, desgleichen gute Reglements von der Fixleinin, wie er sich gegen die Rittmeisterin aufzuführen habe. Aber der Sohn versetzte "Mama, wenn man mit der grossen Welt umgeht wie ich, mit einer fräulein von Tiennette: so muss man doch wissen, wen man vor sich hat und was feine Sitten und Sawer di Wiwer (savoir vivre) fodern." – Er langte mit dem Quintaner und grünen Fingern (von den Saftfarben des zerdrückten Laubes am Steige) und mit einer abgefressenen Rose zwischen den Zähnen vor den dicken Lakaien in Schadeck an.... Wenn die Weiber Blumen sindwiewohl eben so oft seidene und italienische und Kupferblumen als botanische –: so war die Frau von Aufhammer eine gefüllte, mit ihrem Fett-Bauchkissen und Speck-Kubus. Durch die Apoplexie schon mit dem halben Körper vom Leben abgeschnitten, lag sie auf ihrem Fettpolster nur wie in ihrem weicheren Grab; gleichwohl war das, was noch von ihr übrig war, zugleich lebhaft, fromm und stolz. Ihr Herz war ein giessendes Fruchtorn gegen alle Menschen, aber nicht aus Menschenliebe, sondern aus strenger Andacht; sie beglückte, beschenkte und verschmähte die Bürgerlichen und achtete an ihnen nichts als