1796_Jean_Paul_050_21.txt

die dreizehn öden erledigten Zimmer des Schlosses zu Hukelum, das dem im Filial Schadeck sesshaften Dragonerrittmeister Aufhammer zugehöretkommandieret und beköstigt seine Fröner und Mägde und kann sich von Gottes Gnadenwelches im dreizehnten Jahrhunderte die landsässigen Edelleute so gut wie die Fürsten tatenschreiben, weil sie von menschlicher Gnade lebt, wenigstens von der adeligen der Rittmeisterin, die allemal die Untertanen segnet, denen ihr Mann flucht. – Aber in der Brust der verwaiseten Tiennette hing ein verzuckertes Marzipanherz, das man vor Liebe hätte fressen mögenihr Schicksal war hart, aber ihre Seele weichsie war bescheiden, höflich und furchtsam, aber zu sehrsie nahm schneidende Demütigungen gern und kalt in Schadeck auf und fühlte keinen Schmerz, aber einige Tage darauf sann sie sich erst alles aus, und die Einschnitte fingen heiss an zu bluten, wie Verwundungen in der Starrsucht erst nach dem Vorübergang der letzteren schmerzen, und sie weinte dann ganz allein über ihr Los....

Es wird mir schwer, wieder einen hellen Klang zu geben nach diesem tiefen und hinzuzufügen, dass Fixlein fast mit ihr auferzogen wurde und dass sie, als seine Schul-Moitistin drüben beim Senior, da er ihn für die Städtebank der Tertianer stimmfähig machte, mit ihm die verba anomala erlernte.

Das Achilles-Schild des Kuchens, den ein erhobnes Bildwerk von braunen Schuppen auszackte, ging im Quintus als ein Schwungrad hungriger und dankbarer Ideen um: er hatte von jener Philosophie, die das Essen verachtet, und von jener grossen Welt, die es verschleudert, nicht so viel bei sich, als zur Undankbarkeit der Weltweisen und Weltleute gehört, sondern er konnte sich für eine Schlachtschüssel, für ein Linsengericht gar nicht satt bedanken.

Unschuldig und zufrieden beging jetzt die viersitzige Tischgenossenschaftdenn der Hund kann mit seinem Couvert unter dem Ofen nicht ausgelassen werdendas fest der süssen Brote, das Dankfest gegen Tiennette, das Laubhüttenfest im Garten. Man sollte sich freilich wundern, wie ein Mensch mit einigem Vergnügen essen könne, ohne wie der König in Frankreich 448 Menschen (161 garçons de la Maison-bouche zähl' ich gar nicht) in der Küche, ohne eine Fruiterie 31 von Kerls, oder eine Mundbäckerei von Ditos und ohne den täglichen Aufwand von 387 Livres 21 Sous zu haben. Inzwischen ist mir eine kochende Mutter so lieb wie ein ganzer mich mehr fressender als fütternder Küchen-Hofstaat. Der köstliche Abhub, den der Biograph und die Welt von einer solchen Tafel nehmen dürfen, ist eine und die andere Tischrede von Erheblichkeit. Die Mutter erzählte vieles. Tiennette ziehet heute abendshinterbringt siezum ersten Male einen Morgenpromenadehabit von weisser Mousseline an, desgleichen einen Atlasgürtel und Stahlschild; es wird ihr aber sagt sienicht lassen, da die Rittmeisterin (denn diese hing an Tiennetten ihre abgeworfnen Kleider, wie Katoliken an Schutzheilige abgelegte Krücken und Schäden) dicker sei. Gute Weiber gönnen einander alles, ausgenommen Kleider, Männer und Flachs. In der Phantasie des Quintus wuchsen Tiennetten jetzt durch die Kleidung Engelsschwingen aus den Schulterblättern: ihm war ein Kleid ein halber ausgebälgter Mensch, dem bloss die edlern Teile und die ersten Wege fehlten; er verehrte diese Düten und Hülsen um unsern Kern, nicht als Elegant oder als Schönheitszensor, sondern weil er unmöglich etwas verachten konnte, was andere verehrten. – Ferner las sie ihm gleichsam aus dem Grabstein seines Vaters vor, der im zweiunddreissigsten Jahre seines Alters dem tod aus einer Ursache in die arme gesunken war, die ich erst in einem spätern Zettelkasten bringe, weil ichs zu gut mit dem Leser meine. Man konnte dem Quintus nicht genug von seinem Vater erzählen.

Die schönste Nachricht war, dass ihr fräulein Tiennette heute sagen lassen: "morgen könn' er bei der gnädigen Frau vorkommen, denn sein gnädiger Herr Pat fahre in die Stadt." Das muss ich freilich erst klarmachen. Der alte Aufhammer hiess Egidius und war Fixleins Pate; aber er hatte ihmobwohl die Rittmeisterin die Wiege des Kindes mit nächtlichen Brotspenden, Fleisch- und Sackzehenden bedecktesparsam mit nichts anderem ein Patengeschenk gemacht als bloss mit seinem Namen, welches gerade das Fatalste war. Unser Egidius Fixlein war nämlich mit seinem Pudel, der wegen der französischen Unruhen mit andern Emigranten aus Nantes fortgelaufen war, nicht lange von Akademien zurück, als er und der Hund miteinander unglücklicherweise im Hukelumer Wäldchen spazieren gingen. Denn da der Quintus immer zu seinem Begleiter sagte: "Kusch, Schill (couche Gilles)", so wirds wahrscheinlich der Teufel gewesen sein, der den von Aufhammer so wie Unkraut zwischen die Bäume eingesäet hatte, dass ihm die ganze Travestierung und Wipperei seines Namensdenn Gilles heisst Egidiusleichtlich in die Ohren fallen konnte. Fixlein konnte weder parlieren noch injuriieren, er wusste nicht ein Wort davon, was couche bedeute, das jetzt in Paris bürgerliche Hunde selber zu ihren Valets de chiens sagen; aber von Aufhammer nahm drei Dinge nie zurück, seinen Irrtum, seinen Groll und sein Wort. Der Provokat setzte sich jetzt vor, den bürgerlichen Provokanten und Ehrendieb nicht mehr zu sehen und zubeschenken.

Ich komme zurück. Nach dem Diner guckte er zum Fensterchen hinaus in den Garten und sah seinen Lebensweg sich in vier Steige spalten zu ebenso vielen Himmelfahrten: zur Himmelfahrt in den Pfarrhof und in das Schloss zu Tiennettenauf heute und zur dritten nach Schadeck auf morgen und in alle hukelumische Häuser zur vierten. Als nun die Mutter lange genug fröhlich auf