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Herrschaftsgarten von Hukelum, nicht etwa deswegen, damit du mit deinem Rocke keine Tulpenstaubfäden abbürstest, sondern damit deine gute Mutter nur so viel Zeit gewinne, um ihre Amorsbinde von schwarzem Taft um die glatte Stirn zu legen. Es ärgert mich, dass es der guten Frau die Leserinnen übelnehmen, dass sie die Binde erst plätten will: sie müssen nicht wissen, dass sie keine Magd hat und dass sie heute das ganze Meisteressendie Geldprästationen dazu hatte der Gast drei Tage vorher übermachtallein, ohne eine Erbküchenmeisterin beschicken musste. Und überhaupt trägt der dritte Stand (sie war eine Kunstgärtnerin) allemal wie ein Rebhuhn die Schalen des Werkeltags-Eies, aus dem er sich hackt, noch unter der Vormittagskirche am Steisse herum.

Man kann sich denken, wie die herzensgute Mutter den ganzen Morgen auf ihren Schulherrn mag gelauert haben, den sie liebte wie ihren Augapfel, da sie auf der ganzen vollen Erde niemand weiterMann und erster Sohn waren gestorbenfür ihre in Liebe überquellende Seele hatte, niemand weiter als ihren Zebedäus. Konnte sie jemals irgend etwas von ihm erzählen, ich meine nur etwas Freudiges, ohne zehnmal die Augen abzuwischen? Verschnitt sie nicht einmal ihren einzigen Kirmeskuchen an zwei Bettelstudenten, weil sie dachte, Gott strafe sie, dass sie so schmause, indes ihr Kind in Leipzig nichts zu beissen habe und an den Kuchengarten nur wie an andere Gärten rieche?

"Tausend! Du bists schon, Zebedäus!" – sagte die Mutter und lächelte verlegen, um nicht zu weinen, als der Sohn, der sich unter dem Fenster weggeduckt und an die mit Grummet gepolsterte Tür nicht angeklopft hatte, plötzlich eingetreten war. Sie konnte vor Vergnügen den Plättstein nicht in die Plätte schütteln, da der vornehme Schulmann sie unter dem lauten Sieden des Bratens zärtlich auf die nackte Stirn küsste und gar Mama sagtewelcher Name sich an sie so weich anlegte wie ein Herzkissen. Alle Fenster waren offen, und der Garten war mit seinem Blumenrauche und Vögelgeschrei und Schmetterlingssammlungen fast halb in der stube: ich werde aber noch nicht berichtet haben, dass das kleine Gärtnerhäuschen, das mehr eine stube als ein Haus war, in der westlichen Landspitze des Schlossgartens belegen war. Der Edelmann liess die Witwe aus Gnaden diesen Witwensitz behalten, weil der Sitz ohnehin leer gestanden wäre, da er keinen Gärtner mehr hielt.

Fixlein konnte' aber trotz der Freude nicht lange bleiben, weil er in die Kirche musste, die für seinen geistigen Magen eine Hofküche, eine mütterliche war. Ihm gefiel eine Predigt, bloss weil sie eine Predigt war und weil er schon eine gehalten hatte. Der Mutter war es recht: die guten Weiber glauben schon die Gäste zu geniessen, wenn sie ihnen nur zu geniessen geben.

Er lächelte im Chore, diesem Freihafen und Heidenvorhof ausländischer Kirchengänger, alle imparochierte an und schaute wie in seiner Kindheit unter dem Holzfittich eines Erzengels herab auf das gehaubte Parterre. Seine Kinderjahre schlossen ihn jetzt wie Kinder in ihren lächelnden Kreis, und eine lange Girlande durchflocht sie ringelnd, und sie rupften zuweilen Blumen daraus, um sie ihm ins Gesicht zu werfen: stand nicht auf dem Kanzel-Parnass der alte Senior Astmann, der ihn so oft geprügelt hatte, weil er bei ihm das Griechische aus einer lateinisch edierten Grammatik schöpfen musste, die er nicht exponieren, obwohl merken konnte? Stand nicht hinter der Kanzeltreppe die Sakristei-Kajüte, worin eine Kirchenbibliotek von Bedeutungein Schulknabe hätte sie gar nicht in seinen Bücherriemen schnallen können unter dem Grauwerk von Pastell-Staub eigentlich lag? und bestand sie nicht noch aus der Polyglotta in Folio, die erangefrischt durch Pfeiffers critica sacrain frühern Jahren Blatt für Blatt umgeschlagen hatte, um daraus die litteras inversas, majusculas, minusculas etc. mit der grössten Mühe zu exzerpieren? Er hätt' aber heute lieber als morgen dieses Buchstaben-Rauchfutter in einen hebräischen Schriftkasten werfen sollen, an den die orientalischen Rhizophagen gehangen sind, da sie ohnehin fast ohne alles Vokalen-Hartfutter erhalten werden. – Stand nicht neben ihm der Orgelstuhl als der Tron, auf den ihn allemal an Aposteltagen der Schulmeister durch drei Winke gesetzt hatte, damit er durch ein plätscherndes Murki den Kirchensprengel tanzend die Treppen niederführte? – –

Die Leser werden selber immer lustiger werden, wenn sie jetzt hören, dass unser Quintus vom Senior, dem geistlichen Ortskurfürsten, unter dem Ausschütten des Klingelbeutels invitiert wird auf Nachmittag; und es wird ihnen so lieb sein, als invitierte der Senior sie selber. Was werden sie aber erst sagen, wenn sie mit dem Quintus zur Mutter und zum Esstisch, die beide schon den weissen gewürfelten Sonntagsanzug umhaben, nach haus kommen und den grossen Kuchen erblicken, den fräulein Tiennette (Stephanie) von der Backscheibe laufen lassen? Sie werden aber freilich zuallererst wissen wollen, wer die ist.

Sie istdenn wenn man (nach Lessing) eben über die Vortrefflichkeit der Iliade die Personalien ihres Verfassers vernachlässigte: so mag das wohl auf das Schicksal mehrerer Verfasser, z.B. auf mein eigenes passen; aber die Verfasserin des Kuchens soll über ihr Backwerk nicht vergessen werdenTiennette ist ein hausarmes, insolventes fräuleinhat nicht viel, ausgenommen Jahre, deren sie fünfundzwanzig hatbesitzt keine nahen Anverwandten mehrhat keine Kenntnisse (da sie nicht einmal den Werter aus Büchern kennt) als ökonomischelieset keine Bücher, meine gar nichtbewohnt, d.h. bewacht als Schlosshauptmännin ganz allein