, sein Auge erhitzt von einer Träne, die nicht auf den Mond gefallen war. Rosamunde erwachte unten, und ein grosser warmer Tautropfen hing in einer Blume ihres Busens – da fiel der heisse Nebel ihrer Seele in einem leisen Tränenregen nieder, ihr Inneres wurde leicht und sonnenhell, ihr Auge hing sanft am tagenden Himmel, die Erde war ihr fremd, aber nicht verhasst, und ihre beiden hände bewegten sich, als führten sie die, die ihr gestorben waren....
Der Engel der Ruhe sah auf den Mond, er sah auf die Erde und wurde weich über die Seufzer der Menschen. – Er sah auf der Morgenerde eine Sonnenfinsternis und eine Verlassene, er sah Rosamunden in der vorüberfliegenden Nacht auf die Blumen, die unter der Verfinsterung einschliefen, und in den kalten Abendtau, der in den Morgentau fiel, umsinken und die hände ausstrecken gegen den eingeschatteten Himmel voll ziehender Nachtvögel und mit unendlichem Sehnen aufblicken zum mond, der bebend in der Sonne schwebte. – Der Engel sah auf den Mond, und neben ihm weinte der Selige, der die Erde tief unter einer Schattenflut schwimmend und in einen Feuerring geschmiedet erblickte, und dem die wimmernde Gestalt, die noch auf ihr wohnte, die ganze Seligkeit des himmels nahm. – Da brach dem Engel des Friedens das himmlische Herz – er ergriff Eugenius' Hand und des Kindes seine – riss beide durch die zweite Welt und trug sie auf die finstere Erde herab. – Rosamunde sah im Dunkel drei Gestalten wandeln, deren Schimmer an den Sternenhimmel anschlug und oben mit ihnen ging ihr Geliebter und ihr Kind flogen wie Frühlinge an ihr Herz und sagten eilend: "O Teuere, geh mit uns!" – Ihr Mutterherz zersprang vor Mutterliebe – das Erdenblut stockte – ihr Leben war aus – selig, selig stammelte sie an den zwei geliebten Herzen: "Darf ich denn noch nicht sterben?" "Du bist schon gestorben," sagte der freudig weinende Engel der drei Liebenden, "und dort steht die Erdkugel, aus der du kommest, noch im Schatten"... Und die Wellen der Wonne schlugen hoch über die selige Welt zusammen, und alle glückliche und alle Kinder sahen unsere Kugel an, die noch im Schatten zitterte.
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Ja wohl ist sie im Schatten. Aber der Mensch ist höher als sein Ort: er sieht empor und schlägt die Flügel seiner Seele auf, und wenn die sechzig Minuten, die wir sechzig Jahre nennen, ausgeschlagen haben: so erhebt er sich und entzündet sich steigend, und die Asche seines Gefieders fället zurück, und die entüllte Seele kommt allein, ohne Erde und rein wie ein Ton, in der Höhe an – – Hier aber sieht er mitten im verdunkelten Leben die Gebirge der künftigen Welt im Morgengolde einer Sonne stehen, die hienieden nicht aufgeht: so erblickt der Einwohner am Nordpol in der langen Nacht, wo keine Sonne mehr aufsteigt, doch um zwölf Uhr ein vergüldendes Morgenrot an den höchsten Bergen, und er denkt an seinen langen Sommer, wo niemals untergeht.
Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere
zeiten;
in funfzehn Zettelkästen
Erster Zettelkasten
Hundstagsferien – Visiten – eine Hausarme von Adel Egidius Zebedäus Fixlein war gerade acht Tage wirklicher Quintus gewesen und hatte sich warm dozieret, als das Glück ihm vier erquickende, mit Blumen und Streuzucker überschüttete Kollationen und Gänge auf den Esstisch setzte: es waren die vier Kanikularwochen. Ich möchte noch den Totenkopf des guten Mannes streicheln, der die Hundsferien erfand; ich kann nie in ihnen spazieren gehen, ohne zu denken: jetzt richten sich im Freien tausend gekrümmte Schulleute empor, und der harte Ranzen liegt abgeschnallet zu ihren Füssen, und sie können doch suchen, was ihre Seele lieb hat, Schmetterlinge – oder Wurzeln von Zahlen – oder die von Worten – oder Kräuter – oder ihre Geburtsdörfer.
Seines suchte unser Fixlein. Er rückte aber erst am Sonntage denn man will auch wissen, wie Ferien in der Stadt schmecken mit seinem Pudel und einem Quintaner, der seinen grünen Schlafrock trug, aus dem Stadttor aus: es tauete noch, und als er schon hinter den Gärten lief, stiessen erst die Waisenhauskinder mit einem Morgenliede in die Kehlen aus Trompetentextur. Die Stadt hiess Flachsenfingen, das Dorf Hukelum, der Hund Schill und die Jahrszahl 1791.
"Männlein,". (sagt' er zum Quintaner; denn er redete gern wie die Liebe, die Kinder und die Wiener in Diminutiven) "Männlein, gib mir den Bündel her bis ans Dorf – lauf dich aus und suche dir einen kleinen Vogel, wie du bist, damit du was zu ätzen hast unter den Ferien."- Denn das Männlein war zugleich sein Edelknabe Zimmerfrotteur – Stubenkamerad – Gesellschaftkavalier und Laufmädchen; und der Pudel war zugleich sein Männlein.
Er schritt langsam fort durch die mit kouleurten Tau-Glaskügelchen vollgehangenen, gekräuselten Kohlbeete und sah den Gebüschen zu, aus denen, wenn sie der Morgenwind auseinanderzob, ein Flug Juwelenkolibri aufzusteigen schien, so funkelten sie. Er zog von Zeit zu Zeit die Klingschnur des – Pfeifens, damit sich der Kleine nicht verspränge, und kürzte sich seine andertalbe Stunden dadurch ab, dass er den Weg nicht nach ihnen, sondern nach Dörfern ausmass. Es ist angenehmer für den Fussgänger – für den Geographen gar nicht –, nach Wersten als nach Meilen zu rechnen. Unterweges lernte der Quintus die wenigen Felder auswendig, worauf schon geschnitten war. –
Aber jetzt streife noch langsamer, Fixlein, durch den