neben mir zwei Seelen abgerissen und steigen lassen. Ich bin auch gestorben, ziehe nur meine glühende Seele aus ihrem knienden kalten Leichnam!" –
Sie blickte mit einer wahnsinnigen Unruhe im leeren Himmel herum. Plötzlich entbrannte in seiner stillen Wüste ein Stern und schlängelte sich gegen die Erde zu. Sie breitete ihre entzückten arme aus und glaubte, der Engel der Ruhe schwinge sich hinein. Ach der Stern verging, aber sie nicht. "Noch nicht? Sterb' ich noch nicht, Allgütiger?" – seufzete die arme.
In Osten richtete sich eine Wolke empor – fuhr über den Mond hinauf und zog einsam am heitern Himmel heran – und stand über der gequältesten Brust der Erde. Diese bog das Haupt zurück und zu ihr hinauf und bat flehend den Blitz: "Schlag ein in diese Brust und erlöse mein Herz!" – Aber als die Wolke finster über das zurückgedrückte Haupt hinüberging und den Himmel hinunterfloh und hinter den Gebirgen versank: so rief sie mit tausend Tränen: "Sterb' ich nicht, sterb' ich nicht?"...
Du arme, nun rollte sich der Schmerz zusammen und tat den erzürnten Schlangensprung an deine Brust und drückte alle seine Giftzähne hinein. Aber ein weinender Geist goss das Opium der Ohnmacht über dein Herz, und die Krämpfe der Pein zerflossen in ein sanftes Zucken.
Ach sie erwachte am Morgen, aber zerrüttet; sie sah noch die Sonne und den Toten, aber ihr Auge hatte alle Tränen, ihr zersprungenes Herz gleich einer zerborstenen Glocke alle Töne verloren: sie murmelte bloss: "Warum darf ich nicht sterben?" – Sie ging kalt in die Hütte zurück und sagte nichts weiter als diese Worte. Jede Nacht ging sie eine halbe Stunde später zum Leichnam und traf jedesmal mit dem aufgehenden zerstückten mond zusammen und sagte, indem sie ohne Tränen das Trauerauge an seine Dämmerungsauen andrückte: "Warum darf ich nicht sterben?"
Jawohl! warum darfst du es nicht, gute Seele, da die kalte Erde aus allen deinen Wunden den heissen Gift ausgesogen hätte, womit das Menschenherz unter sie geleget wird, wie die Hand in der Erde vom Bienenstich geneset? Aber ich wende mein Auge weg von diesem Schmerz und sehe hinauf auf den schimmernden Mond, wo Eugenius die Augen aufschlägt unter lächelnden Kindern, und sein eigenes fället geflügelt auf sein Herz.... Wie ist alles so still im dämmernden Vorhof der zweiten Welt – ein Nebelregen von Licht übersilbert die hellen Gefilde des ersten himmels, und Lichtkügelchen hängen statt des funkelnden Taues um Blüten und Gipfel – das Blau des Himmels19 blähet sich dunkler über die Lilien-Ebenen, alle Melodien sind in den dünnern Lüften nur zerflossene Echo – nur Nachtblumen duften und gaukeln wankend um ruhige Blicke – die schwankenden Ebenen wiegen die hier zerstossenen Seelen, und die hohen Lebenswogen fallen gleitend auseinander – da ruht das Herz, da trocknet das Auge, da verstummet der Wunsch – Kinder flattern wie Bienengetöne um die noch pochende, in Blumen eingesenkte Brust, und der Traum nach dem tod spielet das Erdenleben, wie ein hiesiger Traum die hiesige Kindheit, magisch, stillend, kummerfrei und gemildert nach....
Eugenius blickte aus dem mond nach der Erde, die an dem langen Mondstag aus zwei Erdenwochen wie eine weisse dünne Wolke im blauen Himmel schwebte; aber er erkannte sein altes Mutterland nicht. Endlich ging auf dem mond die Sonne unter, und unsere Erde ruhte unbeweglich, gross und schimmernd am reinen Horizont des Elysiums und übergoss wie das Wasserrad einer Aue den wehenden elysischen Garten mit fliessendem Schimmer. Da erkannte er die Erde, auf der er in einer so geliebten Brust, ein so bekümmertes Herz zurückgelassen, und seine in Wonne ruhende Seele wurde voll Wehmut und voll unendlicher sehnsucht nach der Geliebten des alten Lebens, die noch drunten litt. – "O, meine Rosamunde! warum ziehest du nicht aus einer Kugel fort, wo dich nichts mehr liebt?" und er blickte bittend den Engel der Ruhe an und sagte: "Geliebter! nimm mich aus dem land der Ruhe und führe mich hinab zu der treuen Seele, damit ich sie sehe und wieder Schmerzen habe, damit sie nicht allein sich quäle."
Da fing plötzlich sein Herz gleichsam ohne Banden zu schwimmen an – Lüfte flatterten um ihn, als wenn sie ihn im Fliehen höben und ihn schwellend verwehten und in Fluten verhüllten er sank durch Abendröten wie durch Blumen, und durch Nächte wie durch Lauben, und durch einen nassen Dunstkreis, und sein Auge wurde darin voll Tropfen – dann lispelte es um ihn, als kämen alte Träume aus der Kindheit wieder – dann zog eine Klage aus der Ferne näher, die alle seine geschlossenen Wunden aufschnitt – die Klage wurde Rosamundens stimme – endlich stand sie selber vor ihm, unkenntlich, allein, ohne Trost, ohne Träne, ohne Farbe....
Und Rosamunde träumte auf der Erde, und ihr war, als wenn die Sonne sich beflügle und ein Engel werde – und der Engel, träumte ihr, ziehe den Mond hernieder, der ein sanftes Angesicht werde – und unter dem annähernden Angesicht bilde sich endlich ein Herz – – Es war Eugenius; und seine Geliebte hob sich entgegen, und als sie entzückt ausrief: "Nun bin ich gestorben!" verschwanden die zwei Träume, der ihrige und der seinige, und die zwei Menschen waren wieder getrennt.
Eugenius erwachte droben, die schimmernde Erde stand noch am Himmel, sein Herz war beklommen