in der Morgenstunde des Lebens mit Wiegenliedern ein – zwei arme tragen euch und euern kleinen Sarg, und an einer Blumenkette gleitet euer Leib mit zwei Rosenwangen, mit einer Stirn ohne Gram-Einschnitte und mit weissen Händen in die zweite Wiege herab, und ihr habt die Paradiese nur getauscht. – Aber wir, ach wir brechen zusammen unter den Sturmwinden des Lebens, und unser Herz ist müde, unser Angesicht zerschnitten von irdischem Kummer und irdischer Müh', und unsere Seele klammert sich noch erstarret an den Erdenkloss!
Du wende dein Auge weg von Rosamundens durchstechendem Schrei, starrendem blick und versteinernden Zügen, du, wenn du eine Mutter bist und diesen Schmerz schon gehabt hast – schaue nicht auf die Mutter, die mit sinnloser Liebe die Leiche hart an sich quetschet, die sie nicht mehr erdrücken kann, sondern auf den Vater, der seine Brust über sein kämpfendes Herz schweigend deckt, ob es gleich der schwarze Kummer mit Otterringen umzog und mit Otterzähnen vollgoss. Ach als er den Schmerz davon endlich weggehoben hatte, war das Herz vergiftet und aufgelöst. Der Mann verbeisset die Wunde und erliegt an der Narbe – das Weib bekämpft den Kummer selten und überlebt ihn doch. – "bleibe hier" (sagt' er mit überwältigter stimme) – "ich will es zur Ruhe legen, eh der Mond aufgeht." Sie sagte nichts, küsste es stumm, zerbröckelte seinen Blumenring, sank an die Sonnenuhr und legte das kalte Angesicht auf den Arm, um das Wegtragen des Kindes nicht zu sehen.
Unterweges erhellete das Morgenrot des Mondes den wankenden Säugling; der Vater sagte: "Brich herauf, Mond, damit ich das Land sehe, wo Er wohnet. – Steig empor, Elysium, damit ich mir darin die Seele der Leiche denke – o Kind, Kind, kennst du mich, hörst du mich – ach hast du droben ein so schönes Angesicht wie deines da, einen so schönen Mund – o du himmlischer Mund, du himmlisches Auge, kein Geist zieht mehr in dich."- Er bettete dem kind statt alles dessen, worauf man uns zum letzten Male legt, Blumen unter; aber sein Herz brach, als er die blassen Lippen, die offnen Augen mit Blumen und mit Erde überdeckte, und ein Strom von Tränen fiel zuerst ins Grab. Als er mit der grünenden Rinde der Erdschollen die kleine Erhebung überbauet hatte: fühlte er, dass er von der Reise und dem Leben müde sei und dass in der dünnen Bergluft seine kranke Brust einfalle; und das Eis des Todes setzte sich in seinem Herzen an. Er blickte sich sehnend nach der verarmten Mutter um – diese hatte schon lange hinter ihm gezittert –, und sie fielen einander schweigend in die arme, und ihre Augen konnten kaum mehr weinen. –
Endlich quoll hinter einem ausglimmenden Gletscher der verklärte Mond einsam über die zwei stummen Unglücklichen herauf und zeigte ihnen seine weissen unbestürmten Auen und sein Dämmerlicht, womit er den Menschen besänftigt. – "Mutter! blick auf," (sagte Eugenius) "dort ist dein Sohn – sieh, dort über den Mond gehen die weissen Blütenhaine hin, in denen unser Kind spielen wird." – Jetzt füllete ein brennendes Feuer verzehrend sein Inneres – sein Auge erblindete am mond gegen alles, was kein Licht war, und im Lichtstrome walleten erhabene Gestalten vor ihm vorüber, und neue Gedanken, die im Menschen nicht einheimisch sind und die für die Erinnerung zu gross sind, hörte er in seiner Seele, wie im Traume oft Melodien vor den Menschen kommen, der im Wachen keine schaffen kann. – – Der Tod und die Wonne drückten seine schwere Zunge: "Rosamunde, warum sagst du nichts? – Siehst du dein Kind? Ich schaue hinüber über die lange Erde, bis dahin, wo der Mond angeht: da flieget mein Sohn zwischen Engeln. Hohe Blumen wiegen ihn – der Erden -Frühling weht über ihn – Kinder führen ihn – Engel lehren ihn Gott liebt ihn – O du Guter, du lächelst ja, das Silberlicht des Paradieses fliesset ja himmlisch um deinen kleinen Mund, und du kennst niemand und rufest deine Eltern – Rosamunde, gib mir deine Hand, wir wollen kommen und sterben." – –
Die dünnen Körperfesseln wurden länger. Sein ziehender Geist flatterte höher an den Grenzen des Lebens. Er fassete die Betäubte mit zuckender Kraft und lallete erblindend und sinkend: "Rosamunde, wo bist du? Ich fliege – ich sterbe – wir bleiben beisammen."
Sein Herz zerriss, sein Geist entflog. Aber Rosamunde blieb nicht bei ihm, sondern das Schicksal riss sie aus der sterbenden Hand und warf sie lebendig auf die Erde zurück. Sie fühlte seine Hand an, ob sie totenkalt sei: und da sie es war, so legte sie sie sanft auf ihr Herz, fiel langsam auf ihre brechenden Knie, hob ihr Angesicht unaussprechlich ausgeheitert gegen die Sternennacht hinauf, ihre Augen drangen aus den tränenleeren Höhlen trocken, gross und selig in den Himmel und schaueten darin ruhig nach einer überirdischen Gestalt umher, die herunterfliegen und sie emportragen werde. Sie wähnte fest, sie sterbe sogleich, und betete: "Komm nun, Engel der Ruhe, komm und nimm mein Herz und bring es meinen Geliebten hinauf – Engel der Ruhe, lass mich nicht so lange allein unter den Leichen – o Gott! ist denn nichts Unsichtbares um mich? – Engel des Todes, du musst hier sein, du hast ja erst