der aufgeflogenen Heldenseele stellte den sanften Engel unter die harten Menschen – unter ihre Ungerechtigkeiten – unter die Verzerrungen des Lasters und der Leidenschaften auch seiner Gestalt wurde der Stachelgürtel von verbundnen Zeptern angelegt, der Weltteile mit Stichen zusammendrückt und den die Grossen immer enger schnüren – er sah die Krallen gekrönter Wappentiere am entfiederten Raube hacken und hörte diesen mit matten Flügelschlägen zucken – er erblickte den ganzen Erdball von der Riesenschlange des Lasters in durchkreuzenden, schwarzbunten Ringen umwickelt, die ihren giftigen Kopf tief in die menschliche Brust hineinschiebt und versteckt – – Ach, da musste durch sein weiches Herz, das eine Ewigkeit lang nur an liebevollen warmen Engeln gelegen war, der heisse Stich der Feindschaft schiessen, und die heilige Seele voll Liebe musste über eine innere Zertrennung erschrecken: "Ach," sagt' er "der menschliche Tod tut wehe." – Aber es war keiner: denn kein Engel erschien.
Nun wurde' er eines Lebens, das wir ein halbes Jahrhundert tragen, in wenig Tagen müde und sehnte sich zurück. Die Abendsonne zog seine verwandte Seele. Die Splitter seiner verletzten Brust matteten ihn durch Schmerzen ab. Er ging, mit der Abendglut auf den blassen Wangen, hinaus auf den Gottesacker, den grünen Hintergrund des Lebens, wo die Hüllen aller schönen Seelen, die er sonst ausgekleidet hatte, auseinandergenommen wurden. Er stellte sich mit wehmütiger sehnsucht auf das nackte Grab der unaussprechlich geliebten, eingesunkenen Braut und sah in die verblühende Abendsonne. Auf diesem geliebten Hügel schaute er seinen schmerzenden Körper an und dachte: "Du würdest auch schon hier dich auseinanderlegen, lockere Brust, und keine Schmerzen mehr geben, wenn ich dich nicht aufrecht erhielte." – Da überdachte er sanft das schwere Menschenleben, und die Zuckungen der Brustwunde zeigten ihm die Schmerzen, mit denen die Menschen ihre Tugend und ihren Tod erkaufen und die er freudig der edlen entflohnen Seele dieses Körpers ersparte – – Tief rührte ihn die menschliche Tugend, und er weinte aus unendlicher Liebe gegen die Menschen, die unter dem Anbellen ihrer eignen Bedürfnisse, unter herabgesunknen Wolken, hinter langen Nebeln auf der einschneidenden Lebensstrasse dennoch vom hohen Sonnenstern der Pflicht nicht wegblicken, sondern die liebenden arme in ihrer Finsternis aufbreiten für jeden gequälten Busen, der ihnen begegnet, und um die nichts schimmert als die Hoffnung, gleich der Sonne in der alten Welt unterzugehen, um in der neuen aufzugehen – – Da öffnete die Entzückung seine Wunde, und das Blut, die Träne der Seele, floss aus dem Herzen auf den geliebten Hügel – der zergehende Körper sank süssverblutend der Geliebten nach – Wonne-Tränen brachen die fallende Sonne in ein rosenrotes schwimmendes Meer – fernes EchoGetöne, als wenn die Erde von weitem im klingenden Äter vorüberzöge, spielte durch den nassen Glanz – Dann schoss eine dunkle Wolke oder eine kleine Nacht vor dem Engel vorbei und war voll Schlaf Und nun war ein Strahlenhimmel aufgetan und überwallete ihn, und tausend Engel flammten; "bist du schon wieder da, du spielender Traum?" sagte er. – Aber der Engel der ersten Stunde trat durch die Strahlen zu ihm und gab ihm das Zeichen des Kusses und sagte: "Das war der Tod, du ewiger Bruder und Himmelsfreund!" – Und der Jüngling und seine Geliebte sagten es leise nach.
2. Der Mond
Phantasierende geschichte
Dedikation an meine Pflegeschwester Philippine
Ich habe mich noch in keinem buch darüber aufgehalten, gute Pflegeschwester, dass ihr Mädchen aus dem mond so viel macht, dass er der Joujou eueres Herzens ist und das Nestei, um das ihr die andern Sterne herumlegt, wenn ihr Phantasien aus ihnen aussitzt. Er soll auch ferner das Zifferblattsrad der Ideen bleiben, auf die euer Gesicht als eine Monduhr zeigt (denn unseres ist eine Sonnenuhr), da er wie ein blinkendes Stahlschild im schwarzen Atlasgürtel des himmels steht – da er nichts schwärzt – da er vielmehr ein Licht wirft, gegen das man keinen Schleier überhängen muss, weil es selber wie einer auf dem gesicht liegt – da er überhaupt die Sanftmut und Liebe selber ist. Aber über etwas anders könnte man zanken – darüber, dass ihr den guten Mond und seinen da ansässigen Mann mehr lieben und sehen als kennen lernen wollt, wie ihrs auch bei Männern unter dem mond tut. Es ist leider kein Geheimnis, beste Schwester, dass schon tausend Mädchen kopulieret und beerdigt worden, die jene silberne Welt droben wirklich für nichts anders gehalten haben als für einen recht hübschen Suppenteller von himmlischen Zinn, das mit dem Monds-Mann, wie das englische mit einem Engel, gestempelt ist. Beste, es ist sogar die Frage, ob du es selber noch weisst, dass der Mond um wenige Meilen kleiner ist als Asien. Wie oft musst' ich dirs am Fensterstocke vorsingen, ehe du es behieltest, dass nicht nur sein Tag einen halben monat währt, sondern auch – was sich noch eher hören lässt – seine Nacht, so dass also da ein lustiges Mädchen, das von der Mutter schon um Mitternacht vom Balle nach Haus gezerret wurde, doch wenigstens seine guten andertalbhundert Stunden gewalzt und geschliffen hätte! – Sage mir einmal, Philippine, ob du es noch im kopf hast, dass der Mond oder vielmehr seine Leute in einer so langen Nacht so gut wie wir sehen und promenieren wollen und dass sie also einen grösseren Mond bedürfen als wir, wenigstens keinen schmalern, als ein mässiges Kutschenrad ist! Ich hab' es von guter Hand, dass du es nicht mehr weisst, was der