Er blickte im milden Weinen und warm in Liebe strahlend auf die trüben Seelen nieder – wie die Sonne auf einen Regenbogen – und sagte: "Ich will euch beschützen." Es war der Genius der Religion. Die wallende Riesenschlange gerann vor ihm, und versteinert stand sie auf der Erde und am Mond, ein Pulverturm mit stillem schwarzem Tod gefüllt.
Und die Sonne warf einen grösseren Morgen in des Jünglings Angesicht, und er hob sein Auge gross zu den Sternen und sagte zu dem Unendlichen: "Vater, ich gehe mit meinen Schwestern hinab ins Leben und beschirme alle, die mich dulden. Bedecke die äterische Flamme mit einem schönen Tempel: sie soll ihn nicht entstellen und verwüsten. Schmücke die schöne Seele mit dem Laube aus Erdenreizen, es soll ihre Früchte nur beschirmen, nicht verschatten. Gib ihr ein schönes Auge, ich will es bewegen und begiessen; und leg in die Brust ein weiches Herz: es soll nicht auseinanderfallen, eh' es für dich und die Tugend geschlagen. Und unbefleckt und unzerrüttet will ich die Blume, in eine Frucht verwandelt, aus der Erde wiederbringen. Denn auf die Berge und auf die Sonne und unter die Sterne will ich fliegen und sie an dich erinnern und an die Welt über der Erde. In das weisse Licht dieses Monds will ich die Lilie meiner Brust verwandeln und in das Abendrot der Frühlingnacht die Rosenknospen in meinem Kranz und sie an ihren Bruder erinnern – in den Tönen der Musik will ich sie rufen und von deinem Himmel mit ihr reden und ihn auftun vor dem harmonischen Herzen – mit den Armen ihrer Eltern will ich sie an mich schliessen, und in die stimme der Dichtkunst will ich meine verbergen und mit der Gestalt ihres Geliebten meine verschönern – Ja mit dem Gewitter der Leiden will ich über sie ziehen und den leuchtenden Regen in ihre Augen werfen und ihre Augen nach den Höhen und nach den Verwandten richten, von denen sie kommt. O ihr Geliebten, die ihr eueren Bruder nicht verstosset, wenn euch nach einer schönen Tat, nach einem harten Sieg ein süsses Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternennacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprechlichen Wonne zergeht, und euer ganzes Wesen sich hebt und sich aufwärts drängt und liebend und ruhig und unruhig und weinend und schmachtend die arme ausbreitet: dann bin ich in euern Herzen und geb' euch das Zeichen, dass ich euch umarme und dass ihr meine Schwestern seid. – Und dann nach einem kurzen Traume und Schlafe brech' ich dem Diamant die Rinde ab und lass' ihn als lichten Tau in die Lilien des Mondes fallen. – – O zärtliche Mutter der Menschen, blicke deine geliebten Kinder nicht so schmerzlich an und scheide froher, du verlierst nur wenige!" –
Die Sonne loderte unbedeckt vor dem Mond, und die ungebornen Seelen zogen auf die Erde, und der Genius der Tugend ging mit ihnen – und wie sie der Erde entgegenflogen, dehnte sich ein melodisches Flöten durch das Blau, wie wenn Schwanen über Winternächte fliegen und in den Lüften Töne statt der Wellen lassen.
Die Riesenschlange senkte sich im weiten Bogen einer glühenden fliegenden Bombe und endlich gekrümmt zum zündenden Pechkranz auf die Erde zurück, und wie eine hereingebogene Wasserhose über einem Schiffe zerbricht, so fiel sie über die Erde und flocht sich, in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, erwürgend und fangend durch alle Völker der Welt. Und das Richtschwert zuckte wieder, aber das Nachtönen des durchflognen Äters währte länger. –
*
Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen, die sich unwillkürlich gegen den hellern Mond und seine weiten Flecken aufhoben. Ich schied von ihr – und der Wunsch, den ich hier für alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein letztes Wort an sie: "Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingnacht des Lebens verfliesse dir ruhig und hell – der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir – Nachtviolen unter dir – einige Nachtgedanken in dir – und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht!" –
Hof im Voigtland, den 22. August 1796.
Jean Paul Fr. Richter.
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1. Der Tod eines Engels18
Zum Engel der letzten Stunde, den wir so hart den Tod nennen, wird uns der weichste, gütigste Engel zugeschickt, damit er gelinde und sanft das niedersinkende Herz des Menschen vom Leben abpflücke und es in warmen Händen und ungedrückt aus der kalten Brust in das hohe wärmende Eden trage. Sein Bruder ist der Engel der ersten Stunde, der den Menschen zweimal küsset, das erstemal, damit er dieses Leben anfange, das zweitemal, damit er droben ohne Wunden aufwache und in das andere lächelnd komme, wie in dieses Leben weinend.
Da die Schlachtfelder voll Blut und Tränen standen und da der Engel der letzten Stunde zitternde Seelen aus ihnen zog: so zerfloss sein mildes Auge, und er sagte: "Ach, ich will einmal sterben wie ein Mensch, damit ich seinen letzten Schmerz erforsche und ihn stille, wenn ich sein Leben auflöse." Der unermessliche Kreis von Engeln, die sich droben lieben, trat um den mitleidigen Engel und verhiess dem Geliebten, ihn nach dem Augenblick seines Todes mit ihrem Strahlenhimmel zu umringen, damit er wüsste, dass es der Tod gewesen; – und sein Bruder, dessen Kuss unsere er starrten Lippen wie der