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Jean Paul

Leben des Quintus Fixlein

aus funfzehn Zettelkästen gezogen;

nebst einem Mussteil und einigen

Jus de tablette

Billett an meine Freunde

anstatt der Vorrede

Kaufleute, Autoren, Mädchen und Quäker nennen alle Leute, mit denen sie verkehren, Freunde; und meine Leser sind also meine Gast- und Universitätsfreunde. Nun beschenk' ich zwar so viele hundert Freunde mit ebenso vielen hundert Freiexemplarenund die Buchhandlung hat den Auftrag, jedem nach der Messe seines auf Verlangen auszuliefern gegen ein elendes Gratial und don gratuit für Setzer, Drucker und andere Leute –; aber da ich die ganze Auflage nicht wie die französischen Autoren zum Buchbinder schicken konnte: so fehlt natürlich vornen das leere Buchbinderblatt, und ich konnte also dem Empfänger des Geschenks nichts Schmeichelhaftes daraufschreiben. Ich liess deswegen nach dem Titel einige leere Blätter einziehen; auf diese wird hier gedruckt.

Mein Buch zerfällt, wie die Busse, in drei Teile.

Den ersten oder sogenannten Mussteil, der aus zwei Erzählungen besteht und den die Reichserbküchenmeisterin der Phantasie mit Blumenwerk und Blumenmehl (wenigstens bestellt' ichs so) garnieren sollte, bescher' ich, lieben Freunde, bloss lieben Freundinnen: wahrhaftig mit beiden Erzählungen werde' ich ihnen eine ebenso grosse Freude machen, als brächt' ich ihnen von Leipzig anstatt dieses Messpräsentes ein ganzes Ohrrosen-Bouquet oder Visitenbilletts auf holländischem Papier silbern gerändelt mitoder ein Trauernegligé oder doch einen Fächer von Sandelholz mit einem Medaillon. Sie sind geborne Blumistinnen und selber gut gezeichnete Blumenstücke und lieben mitin auch in Büchern, was sie so oft begiessen, stikken und brechen, – Blümchen. Das Schicksal, als Weginspektor, bestecke damit auch euere staubige Lebens-Kunststrasse, und Freudenrosen sollen euere Wegmesser und Werstenzeiger sein: ich wüsste keinen bessern Einhaucher oder inhalery gegen tiefere Brustschmerzen, als der Wundarzt Mudge mit der Maschine jenes Namens lindert, keinen bessern Einhaucher, sag' ich, als eueren tröstenden Mund; und eben darum schenke euch der Himmel, indes unsere Fusssohlen im heissen Sand an dem Krater des bürgerlichen Lebens waten, tiefer unten die stille fruchtbare blumige Region an diesem Vesuv und setze besonders euern Männern oder Vätern, wie die Kalendermacher der Sonne, ein menschliches Antlitz an, das auf eine schöne Weise das männliche wie das solarische Blenden mildert.

Der zweite und grösste teil des Buches entält das Leben eines Schulmanns, dasneun oder zehn Kapitel ausgenommenschon weniger für Mädchen passet: desto besser für sie und für mich, wenn ich mich über die sechs oder fünf andern Kapitel betrüge. Mit dieser Biographie will nun der Verfasser euch, lieben Freunde, nicht sowohl ein Vergnügen machen als euch lehren, eines zu geniessen. Wahrlich Xerxes hätte nicht auf die Erfindung neuer Freuden, sondern auf eine gute Metodologie und Haustafel, die alten zu geniessen, Preismedaillen bieten sollen.

Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher (nicht glücklich) zu werden, auskundschaften. Der erste, der in die Höhe geht, ist so weit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, dass man die ganze äussere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füssen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. – Der zweite ist; – gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und Regenschirm ist. Der dritte endlichden ich für den schwersten und klügsten halteist der, mit den beiden andern zu wechseln. –

Das will ich jetzt den Menschen recht gut erklären.

Der Heldder ReformatorBrutusHowardder Republikaner, den bürgerliche Stürme, das Genie, das artistische bewegenkurz jeder Mensch mit einem grossen Entschluss oder auch nur mit einer perennierenden leidenschaft (und wär' es die, den grössten Folianten zu schreiben), alle diese bauen sich mit ihrer inneren Welt gegen die Kälte und Glut der äussern ein, wie der Wahnsinnige im schlimmern Sinn: jede fixe idee, die jedes Genie und jeden Entusiasten wenigstens periodisch regiert, scheidet den Menschen erhaben von Tisch und Bett der Erde, von ihren Hundsgrotten und Stechdornen und Teufelsmauern – – gleich dem Paradiesvogel schläft er fliegend, und auf den ausgebreiteten Flügeln verschlummert er blind in seiner Höhe die untern Erdstösse und Brandungen des Lebens im langen schönen Traume von seinem idealischen Mutterland.... Ach! wenigen ist dieser Traum beschert, und diese wenigen werden so oft von fliegenden Hunden1 geweckt! –

Diese Himmelfahrt ist aber nur für den geflügelten teil des Menschengeschlechts, für den kleinsten. Was kann sie die armen Kanzleiverwandten angehen, deren Seele oft nicht einmal Flügeldecken hat, geschweige etwas darunteroder die gebundnen Menschen mit den besten Bauch-, rücken- und Ohrenflossfedern, die im Fischkasten des Staates stille stehen und nicht schwimmen sollen, weil schon der ans Ufer lang gekettete Kasten oder Staat im Namen der Fische schwimmt? Was soll ich dem stehenden und schreibenden Heere beladener staates-Hausknechte, Kornschreiber, Kanzelisten aller Departements und allen im Krebskober der staates-Schreibstube aufeinandergesetzten Krebsen, die zur Labung mit einigen Brennesseln überlegt sind, was soll ich solchen für einen Weg, hier selig zu werden, zeigen? –

Bloss meinen zweiten; und das ist der: ein zusammengesetztes Mikroskop zu nehmen und damit zu ersehen, dass ihr Tropfe Burgunder eigentlich ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauengefieder, der Schimmel