du bist jetzt reicher, und deine Brüder würden es ausserdem nicht gern sehen." Luise unterwarf sich noch einmal dem Willen ihrer Mutter, die über diese Nachgiebigkeit so gerührt ward, dass sie, auf den Rat der Ärzte, ihrem mann den Vorschlag tat, Luisen in ein Bad zu schicken, um die Hypochondrie, von welcher sie seit Herrn O.'s Abreise litt, zu heilen. Luisens Vater trennte sich ungern von ihr; er mochte sie nicht einmal gern einen ganzen Nachmittag ausser dem haus wissen: da aber ihre Mutter das Beispiel eines ihrer Brüder hatte, welcher dem L .. Bade seine Gesundheit verdankte, so foderte sie für Luisen die erlaubnis dahin zu reisen. Indem sich ihre Eltern bemühten eine Reisegesellschaft für sie zu finden, besuchte sie ein Verwandter ihres Vaters, der in B .. lebte. Er wollte im Frühjahr wieder dahin zurückkehren, und tat einer Dame, deren Schwester in diesem land verheiratet war, den Vorschlag, ihn zu begleiten, um ihren Verwandten bei dieser gelegenheit einen Besuch abzustatten. Man sprach in Gegenwart von Luisens Mutter über diesen Plan: und da der Arzt wenige Tage vorher gegen sie geäussert hatte, die Reise würde Luisen noch mehr Vorteil bringen als der Gebrauch des Bades, so überredete man sie, diese gelegenheit für ihre Tochter zu benutzen. Das arme Mädchen hatte es nicht gewagt daran zu denken: sie nahm den Vorschlag mit Entzükken und Dank auf. Kaum war diese Reise beschlossen, so zeigte sich ein neuer Freier für Luisen. Dieser hatte die Eigenschaften, welche Luisens Mutter an einem Schwiegersohn wünschte: allein sie konnte doch eine Reise nicht rückgängig machen, die auf ihre Veranlassung unternommen, und von den Ärzten als unentbehrlich für Luisens Wiederherstellung angesehen wurde. Luise freute sich, ihrer Mutter die schmeichelhafte Aussicht einer Heirat nach ihren Wünschen zu geben: sie versicherte, wenn die Reise sie so weit herstellte, dass sie die Frau eines Mannes wie Blachfeld werden könnte, der nicht Vermögen genug hatte, um für eine kranke Frau zu sorgen, so wollte sie ernstaft darauf denken. Die Mutter fürchtete immer, Luise möchte auf dieser Reise Herrn O. sehen, und wünschte herzlich, dass sie sich vor ihrer Abreise verloben möchte. Das junge Mädchen hatte eine unüberwindliche Abneigung vor diesem Schritte. Sie wollte bei dem Antritt ihrer Reise ungebunden sein, und eine alte Tante bestärkte sie darin, indem sie ihr sagte: "liebes Kind, man muss die Welt nicht durchziehen, wenn man nicht frei wie ein Vogel ist." Luisens Mutter hatte neben den edelsten Eigenschaften, neben dem reinsten Herzen, der mildtätigsten, mitleidigsten Denkart, einen Fehler, den man ihrem Geschlechte vorwirft: sie drehte sich beständig, auf tausenderlei Weisen, immer um denselben Gedanken herum. Wenn die Familie versammelt war, erklärte sie feierlich, sie habe ihrem mann versprochen, Luisen nicht zu zwingen, und ihre Wahl sei also frei; war sie mit ihrer Tochter allein, so wiederholte sie ihr unaufhörlich: "Wenn du keinen Widerwillen gegen ihn hast, solltest du ihm doch etwas sagen, das ihn wegen deiner Reise beruhigte, das ihn einigermassen bände, damit man dir ihn nicht abspenstig macht." – "Aber desto besser, liebe Mutter: wenn man ihn abspenstig machen kann, so ist es ja ein Zeichen, dass er auch nachher seinen Sinn ändern könnte; ich will frei sein, es ist billig, dass er es auch bleibe." Darauf beschuldigte die Mutter sie, dass sie noch Herrn O. zu begegnen, und seine Liebe zu gewinnen hoffe; machte ihr die grausamsten Vorwürfe; und sagte, sie möchte ihn nur heiraten, aber es würde ihrer Mutter das Leben kosten. Zu andern zeiten schimpfte sie auf Luisens Freunde, und beschuldigte sie, an ihren romantischen Grillen, und ihrem Widerwillen gegen Blachfeld, Schuld zu sein. Luise welche sich der Unschuld ihrer Freunde bewusst war, grämte sich über diesen Verdacht, bestand aber bis zu ihrer Abreise unerschütterlich auf ihren Entschluss. Hierauf schrieb sie ihrer Mutter einen rührenden Brief, in welchem sie ihr ganzes Herz aufschloss, und fügte einen abgesonderten Zettel hinzu, worin sie Blachfeld ihre Hand versprach, und zugleich erklärte – (denn das hatte Madame N. zu Beruhigung ihres Gewissens verlangt,) dass sie nicht dazu gezwungen wäre.
Kaum war Luise in B .. angelangt, wo sie die Verwandten ihres Vaters kennen lernte, welcher zu einer ansehnlichen Familie dieses Landes gehörte, als ihr verschiedne vorteilhafte Vorschläge getan wurden. Einer darunter war von einem mann, den ihr Herz auszeichnete. Er war einziger Sohn, besass ein artiges Vermögen, eine höchst interessante Gestalt, und über alles dieses ein vortrefliches Herz, das durch häusliches Leiden gebildet war. Seine Jugend war so unglücklich wie Luisens frühere Jahre gewesen: und Unglück das man durch eigene Erfahrung kennt, flösst immer lebhafteres Mitleid ein. Blachfeld hingegen war seinem väterlichen haus immer fremd geblieben; von der Wiege an sein eigner Herr, ward sein Herz durch das krieges-Handwerk verhärtet; er kannte weder das Leiden einer fühlenden Seele, noch die Bande des häuslichen Lebens. Ein Freund machte Luisen darauf aufmerksam, und bat sie mit Eifer, sich nicht durch einen misverstandenen Heroismus unglücklich zu machen. Er stellte ihr vor, dass ein Mann, der wie Blachfeld sich an den Umgang einer Frau gewöhnt hatte, die als Gesellschafterin und Magd mit ihm lebte, sich nie würde in die achtung finden können, die man