Unterhaltung war unendlich abwechselnd, aber immer gleich interessant; seine Sprache war schön, seine stimme wohlklingend und sanft; sie fand die schwache Seite von Luisens Herzen. Die Gewissensbisse wegen ihrer Neigung für ihren Freund verschwanden, sie fing an, Liebe von Freundschaft zu unterscheiden: aber sie ahndete nicht, dass diese neue erkenntnis ihr die Ruhe des Lebens kosten würde. Ihr kam nun alles darauf an, zu wissen ob sie geliebt wäre. Es ist nicht bekannt, ob Herr O. dieses Nachforschen bemerkte, aber gewiss ist es, dass er nicht für gut hielt, ihr darüber einen Aufschluss zu geben. Luise hatte sich nie verstellen können: ihre Eltern wurden ihre Neigung bald gewahr. Sie stand der Familie nicht an. Der Vater setzte sich mit Strenge die Mutter mit Heftigkeit dagegen, die Brüder griffen sie mit dem bittersten Spott an. Das väterliche Haus wurde ihr zur Hölle. Ihr furchtsames Gewissen verriet sich jedesmal, wenn sie Herrn O. gesehen hatte, und es kam endlich so weit, dass sie nicht mehr über die Schwelle gehen durfte.
Bei der furchtsamen zärtlichen Liebe, welche Luise für ihre Mutter hatte, musste es ihr unendlich weh tun, ihre Neigung in einem so hartnäckigen Streit mit den Wünschen der Madame N. zu finden. Sie las einmal im Tom Jones, und kam an die Stelle, wo Madame Miller zum erstenmal die Freude hat, ihre Tochter als Mistress Nightingale zu begrüssen. Fielding schildert die Empfindung dieser zärtlichen Mutter, mit der ihm eignen unnachahmlichen Wahrheit, und in Luisen erwachte dabei die peinliche Erinnerung, dass ihre Mutter, ausser allen ihren triftigeren Gründen gegen diese Verbindung, auch einen entschiednen Abscheu vor dem Namen des Mannes hatte, den Luisens Herz begünstigte. Sie stellte sich vor, wie ihrer Mutter die Freude, ihr Kind verheiratet zu sehen, schon durch diesen Umstand verbittert werden würde. Sie bat Gott kniend und mit Tränen, ihr Gemüt von einem gegenstand abzulenken, der ihrer Mutter unangenehm war; sie verbrannte einen Schattenriss des Mannes, den sie ohne sein Wissen besass; und nahm sich ernstlicher wie jemals vor, den Absichten ihrer Eltern zu willfahren. Herr O. suchte sie nicht auf, sie sah ihn also nicht mehr, aber er wich nicht aus ihrem Gedächtnisse. Indessen tat man Luisen Heiratsvorschläge, die weit über ihre Erwartung waren, und ihrer Mutter sehr gefielen: sie kamen von einem mann, der Luisen nicht missfallen konnte; aber sie liebte Herrn O., und würdigte den Vorschlag keiner Aufmerksamkeit. Der Mann bekleidete eine ansehnliche Stelle, deren Aufwand er durch die Gewissheit einer reichen Erbschaft bestreiten konnte. Luisens Mutter verzieh ihr diese Weigerung nie, und warf sie ihr, hinter dem rücken des Vaters, oft als einen Beweiss ihrer romantischen Neigung für Herrn O. vor. Luise bereute sie indessen nicht. Bald hernach erhielt Herr O. einen auswärtigen Ruf: er reiste ab, und Luise hat seinen Verlust empfunden, bis der Tod ihres Vaters, durch wirklichen Kummer, diesen eingebildeten verlöschte. Luise ward von ihrem Vater zärtlich geliebt, keine Heirat schien ihm vorteilhaft genug, und, so lange er lebte, versagte er sie allen Freiern. Die Mutter dachte anders: sie fürchtete so sehr, dass Luise wegen dessen was sie romantische denkart nannte, in ihrer Wahl die Konvenienz beleidigen möchte, dass sie herzlich wünschte, sich dieser sorge, durch eine schickliche Heirat, zu entledigen. Um ihrentwillen begünstigte Luise zuweilen Anträge, welche ihres Vaters Rat, und Herrn O.'s Andenken sie nachmals verwerfen machten. Das väterliche Haus missfiel ihr indessen; und ob sie gleich nicht wagte sich es zu gestehen, wünschte sie sich doch aus demselben heraus. Die Familie brachte, seitdem der Vater sein Amt abgegeben hatte, acht Monate des Jahres in einem kleinen dorf zu, dem kein Mann sich näherte, ausser wenn Freunde von Luisens Brüdern hinkamen, und dann trieben sie unter einander Spiele, an denen Luise nicht teilnehmen konnte, oder machten so weite Spatziergänge, dass es ihr unmöglich war ihnen zu folgen. Sie sah sie also nur bei Tische, wo sie sich zuweilen mit witzigen Einfällen und kleinen Neckereien belustigten; sobald aber die Unterhaltung lärmend ward, pflegte der Vater Stillschweigen zu gebieten. So traurig für Luisen diese Einsamkeit war, so schien sie es ihr doch nicht so sehr, als das Schicksal, einem mann, den sie nicht schätzte, ihre Hand zu geben. Dieser Gedanke quälte sie um so mehr, als die Begriffe ihrer Mutter, in diesem Punkte, von den ihrigen sehr verschieden waren. Eines Tages, als diese traurigen Bilder sie beschäftigten, erhielt sie einen Brief von einem mann, für den sie viel Hochachtung hatte. Sie wusste, dass ihre Eltern ihn ebenfalls ausserordentlich schätzten: dieser Mann bat um ihre Hand. Er war nicht jung: aber anstatt darüber zu erschrekken, dankte Luise der Vorsehung mit glühendem Eifer, sie so wunderbar von ihrer Furcht erlöst zu haben. Triumphirend brachte sie ihrer Mutter diesen Brief; wurde aber sehr in ihrer Erwartung getäuscht, als Madame N. ihr ungefähr dieselbe Antwort gab, die sie bei gelegenheit des Herrn O. von ihr gehört hatte. "Aber, liebe Mutter," rief die erstaunte Luise, "ehemals sagten Sie, wenn es dieser wäre, den du liebtest, so könnte ich es dir noch verzeihen." – "Das kann sein," antwortete Madame N., "aber die Umstände sind verändert: