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, wie sie ihre Pferde sattelten oder einspannten, und von einer unbestimmten Unruhe verzehrt, blickte sie dann sehnsuchtsvoll in die Gegend hin, wo sie ihrem Auge entschwanden. Es ist nicht genug, dass man die Mädchen in der Einsamkeit erzieht; man muss sie auch lehren, Gefallen daran zu finden: und zu diesem Endzweck muss man sie ohne Aufhören beschäftigen, durch alle möglichen häuslichen Freuden erheitern, und, durch die Wahl und Abwechselung ihrer Beschäftigungen, vor Überdruss schützen.

Bei so vielen Unannehmlichkeiten in ihrer häuslichen Lage war es sehr natürlich, dass Luise, bei ihrer Zurückkunft von ihrem Freunde, den Vorteilen nachdachte, welche sie bei einer Verbindung mit dem neuen Schullehrer finden könnte. Von der Zucht einer alten bösslaunigten Magd befreit, einem eignen Hauswesen vorzustehen, diese Aussicht musste einem tätigen geist schmeicheln. Sie sah sich schon an der Spitze ihrer kleinen Republik. Mit einiger Betriebsamkeit war es leicht, ihrem mann alle Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen, die Kunst ihm zu gefallen sogar zu verfeinern, und dabei noch Notleidenden zu helfen, glückliche zu machen: Welch ein Glück für Luisen! Bald studirte sie mit ihrem mann, bald besuchten sie beide ihre Eltern, und die Frauenwürde hatte Luisen zu dem Range einer Freundin bei ihrem Vater, ihrer Mutter erhoben; sie liebkosete sie, sie führte ihnen ihre Kinder zu, und beide genossen und teilten ihr Glück.

Mehrere Wochen verflossen unter diesen süssen Träumen. Eines Abends, wie der Geistliche und seine Frau bei Luisens Eltern speisten, meldete man den Besuch des eben angekommenen Schullehrers; er tritt ein, Luise steht auf um ihn zu begrüssen, blickt ihn an, – und ihr Traum verschwindet. Sie fand ein kaltes, abgemessnes Wesen, unregelmässige Züge; kurz, nichts was dem Bilde entsprach, das ihrer Fantasie vorgeschwebt hatte. Sie setzte sich wieder an ihren Platz, und wie sie ihn kaltblütiger beobachtete, fiel ihr Urteil günstiger aus. Er hatte die Art von Welt, welche Männer nur durch Reisen erlangen, und die bis jetzt Luisen noch ziemlich unbekannt war; eine lehrreiche Unterhaltung, die um so angenehmer wurde, wenn er mit Frauenzimmern sprach, weil er sie zu unterrichten wusste, ohne sie zu demütigen. Der Abend verstrich Luisen wie ein Augenblick; und dieser Mann, den sie nur mit dem äussersten Widerwillen geheiratet hätte, schien ihr dennoch sehr liebenswürdig. Luise hatte an demselben Tage häuslichen Verdruss gehabt; ihre Augen waren von Weinen geschwollen; es war gar nicht zu verwundern, dass sie keinen Eindruck auf Herrn O. machte: er suchte daher eben so wenig ihr zu gefallen, sein übrigens sehr geistreiches Gesicht belebte sich nicht. Sie sahen sich nachmals wieder, sie wollte seine Aufmerksamkeit nicht anziehen; indessen war es in den Gesellschaften, wo sie zusammen kamen, natürlich, dass ihr mit einiger Auszeichnung begegnet wurde. Mehr tat auch Herr O. nicht, aber er wusste diesen kleinen Bemühungen eine Wendung zu geben, welche sie, für ein Mädchen von Luisens zartem Gefühl, schmeichelhaft machte. Man hatte ihr oft angenehme Dinge gesagt, aber nie waren sie so wohl angebracht, so geistreich gewesen. Er behandelte sie nicht wie ein hübsches Mädchen, sondern wie ein vernünftiges Wesen, dessen Unterhaltung man schätzt; ein Unterschied für welchen Luise ihm wohl Dank wusste. Eines Morgens, wie sie der gattin ihres Freundes einen Besuch abstatten wollte, fand sie diese mit ihrer ganzen Familie und Herrn O. im Begriff nach *** zu einer Madame R. zu fahren. Man schlug ihr vor, von der Gesellschaft zu sein, worauf sie die notwendigkeit ihrer Eltern erlaubnis zu erhalten einwendete. Herr O. eilte fort, und brachte diese erlaubnis zurück. Solche Dienste sind von grosser Würkung. Ein anderer hätte sich mit der faden Bemerkung begnügt, dass ihre Eltern sich freuen würden, sie in so guter Gesellschaft zu wissen, dass sie eine so liebenswürdige Tochter zu sehr schätzten, um ihr dieses Vergnügen zu versagen, und dergleichen. Man fuhr ab, indem Herr O., um die Frauenzimmer nicht im Wagen zu belästigen, zu Fuss voraus ging. Man langt an, geht spatzieren, und Herr O. bietet Luisen den Arm an. Das furchtsame Mädchen schlägt ihn aus. Er ist erstaunt, beleidigt, und gibt ihn einer andern, mit diesen Worten: "Ich hoffe, dass ich nicht noch eine Weigerung erfahren werde." So lässt er Luisen zur Strafe ihrer Prüderie allein im Sande waten. Und er tat ihr Unrecht: es war nicht Prüderie. Sie war die jüngste der Gesellschaft; sie war bescheiden, und fürchtete, sich in den Augen der übrigen Frauenzimmer lächerlich zu machen, wenn sie Herrn O. auf diese Weise in Beschlag nähme. Die Furcht ihn beleidigt zu haben, beunruhigte sie indessen. Sie fühlte dass es ihr an Welt fehlte; sie ahndete, wie kindisch sie in seinen Augen erscheinen müsste, wie sehr er ihr überlegen wäre. Als sie ihn vor sich hergehen sah, und den Anstand seiner Gestalt bemerkte, konnte sie nicht umhin, schmerzlich darüber nachzudenken. Er war wohl gebaut, und sehr gross: ein Vorteil der dem weib immer den Begriff gibt, Schutz und Verteidigung bei so einem mann zu finden. Herr O. war diesen Tag sehr munter; er wollte sich geltend machen, und es gelang ihm. Nachmittags streifte man wieder umher. Luise nahm seinen Arm an; man verirrte sich, blieb lange unterwegs. Herrn O.'s