sie fand es ihrem Interesse gemäss, Luisen das Vertrauen ihrer Mutter, das teuerste Gut welches sie besass, zu entziehen. Sie dachte über ihre Handlungen nicht nach; und so unermüdet sie Luisen verfolgte, so fehlte es ihr doch an Verstand, um zu fühlen, wie satanisch ihr Betragen war. Gescheute Leute können manchmal bei dem Bösen das sie tun, inne halten: Dummköpfe blicken nie hinter sich, um das Übel zu übersehen, das sie veranlassen. So böse dieses Weib war, so konnte sie doch keinen Armen, Nackten sehen, ohne ihm beizustehen, oder ihn zu kleiden. Wenn sie Luisen in solchem Zustande gesehen hätte, würde sie ihr ihren letzten Rock gegeben haben; aber in einer Lage, die ihr weit eher Neid als Mitleid zu verdienen schien, glaubte sie ihr allen Kummer und Verdruss antun zu können. Sie hatte sich durch ihre Talente, kleine Kinder zu pflegen, und der Wirtschaft vorzustehn, nun funfzehn Jahre in diesem haus erhalten, und sie konnte Luisen um so mehr Kummer machen, als diese jetzt in das Alter trat, wo man zu furchtsam ist, sich zu beklagen, und zu wenig Erfahrung hat, um zu wissen, dass dem Bösen wie dem Guten ein Ziel gesetzt ist. In späteren Jahren hatte Luise die Genugtuung, ihre Mutter, durch das eigene geständnis dieser Frau auf ihrem Todtbette, von ihrem Misstrauen gegen sie zurückkommen zu sehen. Die Sterbende klagte sich ihrer Härte und Verfolgungssucht, als des grössten Verbrechens ihres Lebens an, und Luise genoss das Vergnügen, ihre Mutter zu besänftigen, welche im Begriff stand, ihr harte Vorwürfe zu machen. Aber was ist Kummer und Verfolgung, gegen den nagenden Zahn des Gewissens? Luise nahte sich jetzt dem Augenblicke, der sie in den Schooss der Kirche, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufnehmen sollte: aber sie durchdrang nicht das Zutrauen eines zärtlich gehorsamen Kindes, sondern der Schrecken des Schuldigen, welcher sich der Gnade unwert fühlt, die ihm sein Richter verheisst.
Wenige Zeit nach dieser feierlichen Handlung, starb einer der vornehmsten Schullehrer an dem Orte wo Luise lebte. Da sich kein tüchtiger Mann zur Besetzung seiner Stelle in dem Ländchen fand, lud der Fürst einen Mann aus ** zu sich ein, der ihm von vielen sehr achtungswerten Personen empfohlen war. Wenig grosse Herren haben so vielen Eifer für die Erziehung ihrer Untertanen, als der Fürst von **. Er fand das gegenwärtige Geschlecht sehr weit zurück, und wollte daher für den Unterricht des nächstfolgenden, besonders aber für die Milderung ihrer Sitten sorgen. In einem kleinen Orte erregt alles Aufmerksamkeit. Die Nachricht von der Ankunft eines neuen Schullehrers beschäftigte Jedermann. Die Dame, deren ich schon einmal erwähnt habe, las Luisen einen Brief dieses erwarteten Fremden an ihren Mann vor. Er war schön geschrieben. Luise brachte den Abend bei ihrem Freunde zu, und sprach mit Beifall von diesem Briefe. "Meine Frau und ich, sagte dieser, haben oft bemerkt, dass in unserer Nähe kein Mann zu finden ist, der unsre liebenswürdige Luise verdient. Ich schmeichle mir fast, dass dieser Fremde eine Ausnahme machen wird." Luise antwortete nicht, aber sie errötete auch nicht. Der Gedanke an einen Gatten zwingt der Unschuld keine Röte ab.
Bei der beständigen Furcht, von einer strafbaren Neigung sich bemeistern zu lassen, ergriff Luise eifrig jede Zerstreuung, ungeachtet die denkart ihres Vaters wenig gelegenheit dazu darbot. Die beiden einzigen Häuser, welche sie besuchen durfte, waren das der Madame E**, und die Familie ihres geistlichen Lehrers. Der ersten verdankte sie einen teil ihrer Erziehung, und nach ihrer Mutter liebte sie niemanden mehr wie sie. In gewisser Rücksicht harmonirten ihre beiden Karaktere sogar besser: und Luise warf es sich oft vor, die Gesellschaft einer Fremden ihrer Mutter vorzuziehen. Ihr eigenes Haus hatte wenig anziehendes für sie. Ihr Vater, der sich, ungeachtet seines hohen Alters, noch immer mit den abstraktesten Wissenschaften beschäftigte, sprach wenig, und hatte nach und nach der ganzen Familie diese Gewohnheit beigebracht. Luisens Brüder waren ihr so unähnlich, dass ihr Hang zur lärmenden Freude eben so die grenzen überschritt, wie der Schwester Neigung zur Melancholie. Sie sah alle Dinge nur von der traurigen Seite, – die Brüder fassten nur die lächerlichen auf: und statt Luisen zu schonen, machten sie sich ein fest daraus, sie unbarmherzig aufzuziehn. Diese Auftritte endigten auf Luisens Seite mit Tränen und Gewissensvorwürfen; denn sie machte sich deren bei allen Veranlassungen: dessen ungeachtet hatte sie die zärtlichste Liebe für ihre Brüder, und ein hartes Wort von ihnen tat ihr weher, als alles was andere ihr sagen konnten. Die Brüder liebten sie auch, aber kannten sie nicht: und ohne sich die Mühe zu geben, einen charakter zu erforschen, den sie für unerklärlich hielten, trieben sie ihren Scherz damit. Sie kannten das Leben nur von seiner lachenden Seite. Ihr Vater, der sie für die Welt bestimmte, wollte sie frühzeitig zur Unabhängigkeit gewöhnen, damit sie späterhin keinen Misbrauch davon machten. Sie liefen den ganzen Tag mit ihren Freunden umher. Ihre Mutter betete sie an, und diente ihnen oft bei dem Vater zum Dollmetscher, wenn sie nicht Mut hatten, ihre törigten Einfälle selbst vorzutragen. Bei den glücklichsten natürlichen Anlagen machte ihnen das Lernen wenig Mühe, und füllte einen desto kleineren teil ihrer Zeit. Der Rest derselben ward zu körperlichen Übungen angewandt. Es gingen ganze Tage hin, wo sie Luise nur aus ihrem Fenster sah