. Sich mit ihnen beschäftigen, ihre Spiele teilen, sie liebkosen, waren die süssesten Freuden dieser liebenden Seele, die endlich ihre rechte Bestimmung entdeckt hatte. Wenn sie sich mit den Kindern gefiel, so unterrichtete sie sich bei den Eltern, und versäumte keine gelegenheit sie zu sehen. Ihr junges Herz war geschmeichelt, sich bei Menschen von so viel reiferem Alter, von so anerkanntem Verdienste, als Freundinn aufgenommen zu sehen. Diesem Reize widersteht man in der Jugend nicht; es war für sie die reinste, die entzückendste Empfindung, die aber nicht lange ungetrübt blieb: Luise sog unter diesem gastfreien Dach ein langsames aber tödliches Gift ein. Das Glück dieser beiden Gatten stellte zum erstenmal, und unter einer mehr rührenden als wahren Gestalt, das Bild einer ehelichen Verbindung vor ihre Augen. Nach einer sechsjährigen Ehe war der Mann noch immer der Liebhaber seiner Frau. Da weder Ehrgeiz noch Eigennutz dieses Band geknüpft hatten, so fanden die Ursachen seines Wohlgefallens an ihr immer noch statt: und überdem war er nicht, wie die meisten Männer, von seiner Gestalt und seinen Verdiensten, so vorzüglich diese auch waren, eingenommen; sondern gestand es ein, dass ein Mann, wie glänzend seine Eigenschaften auch sein möchten, einem weib immer Dank schuldig sei, die oft mit nicht geringeren Talenten, ihr Leben kleinlichen Beschäftigungen widmet, seine Suppe kocht, für seine Wäsche, seine Kleidung sorgt, und ihm auf Kosten ihrer Gesundheit von Zeit zu Zeit den Genuss verschaft, ein Kind zu liebkosen, das er nur in den schönsten Augenblicken sieht, indess die Mutter allein alle Sorgen, alle Last, alle Gefahren erträgt, die von ihrer Lage unzertrennlich sind. Diese Betrachtungen bewogen Luisens Freund, seine Frau mit noch mehr Achtsamkeit und Sorgfalt zu behandeln, wie er als Liebhaber getan hatte; denn damals, pflegte er zu sagen, hatte sie noch nichts für mich getan, und konnte tun und lassen, was ihr gefiel; ich habe wirklich zu viel Eigenliebe, setzte er lachend hinzu, um sie den Verlust dieser Freiheit bedauern zu lassen. Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf Luisen: unwillkührlich wünschte sie, ihr Schicksal möchte dem ihrer Freundin gleichen; und die Unmöglichkeit, diesen Wunsch erfüllt zu sehen, brachte jene schmachtende Stimmung in ihr hervor, welche die Seele durch Untätigkeit entnervt, und indem sie immer nach einem geliebten Hirngespinnst strebt, solche gegen alles wirkliche Gute was sie umgiebt, mit Widerwillen erfüllt.
Luise hatte nun das Alter erreicht, wo junge Leute ihrer Religion gewöhnlich die erste Kommunion empfangen. Ihr Freund ward ihr Lehrer und Beichtvater; er hatte eine vorzügliche Gabe zum Unterricht der Jugend. Ausser der Kunst sich ganz nach ihrer Fassungskraft zu richten, besass er die glückliche Gabe der hinreissendsten Überredung. Seine Schüler ehrten ihn wie das Ebenbild des Gottes. den er ihnen predigte, und liebten ihn wie einen Vater. Näher als manche seiner Amtsgenossen mit den menschlichen Schwächen bekannt, bezeugte er ihnen mehr Teilnehmung. Man denke sich die erhabensten Tugenden der Religion von einem mann vorgetragen, der selbst von ihrem wichtigen Einflusse auf unser Glück heilig überzeugt war, und dessen ganzes Leben diesen Wahrheiten zum Belege diente; man denke sich, sage ich, die wirkung welche dieser lebendige Unterricht auf Luisens Herz haben musste. Ihr war kein reines Glück beschieden. Indem ihre Mutter und ihre Brüder sie über den Entusiasmus, mit welchem sie von ihrem Freunde sprach, aufzogen, versetzten sie ihrer Ruhe einen tödlichen Streich; sie wurde misstrauisch gegen diese unschuldigste leidenschaft, und der Frieden wich aus ihrer Secle. Ein kleiner Vorfall trug noch mehr dazu bei, sie in diesem unglücklichen Irrtume zu bestärken. Luise hatte ihren Freund in Pastell gemahlt: eines Tages zeigte sie dieses Bild einer ihrer Bekannten, einer Frau von vielem Geist, und der einzigen mit welcher ihr Vater ihr gestattete umzugehn. Indem jemand aus der Gesellschaft die Bemerkung machte, wie Schade es sei, dass diese Art Mahlerei so schnell verlösche, näherte sich Madame E**, der sie das Gemählde zuerst gezeigt hatte, Luisens Ohr, und sagte: "Ich weiss nicht, ob die Zeit etwas über dieses Bild vermag; wäre ich aber Ihr Liebhaber, so würde ich es kaum hoffen." Luise schlug errötend die Augen nieder; dieser Moment liess sie einen schrecklichen blick in ihr Inneres werfen. Der Ruf ihres Vaters zog viele junge Leute in ihr Haus; manche von ihnen hatten Luisen mit schmeichelhafter Auszeichnung behandelt, sie war äusserst gleichgültig dagegen gewesen, und hatte sich bis jetzt dessen gerühmt; jetzt glaubte sie die Ursache davon erraten zu haben, und schauderte vor Schrecken zurück. Die finstersten Gedanken stürmten auf sie ein; sie durfte die Augen nicht mehr zu der Gattin ihres Lehrers aufschlagen; sie durfte seine Kinder nicht mehr liebkosen; wie Kain floh sie die Menschen, und hatte keine Ruhe mehr.
Dem Anschein nach floss Luisens Leben wie ein Bach zwischen blühenden Ufern hin; aber ihre traurige Stimmung ungerechnet, hatte sie auch schon nagenden Kummer gekannt. Ihre Mutter, deren herrschender Hang Mitleid und Wohltun war, hatte ein Weib aufgenommen, die mit dem falschesten Herzen alle Fehler einer niedrigen knechtischen Erziehung verband. Diese person hatte sich in das Vertrauen der Madame N. einzuschleichen, und sich unentbehrlich zu machen gewusst, indem sie doch ihre Wohltäterin von mehr als einer Seite betrog. Luise hatte das Alter erreicht, wo sie ihren Eltern die Augen hätte öffnen können, das Weib fürchtete und hasste sie also in gleichem Grade;