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ihre Augen, und sie musste die Gesellschaft verlassen. Ein andermal begegnete sie, auf der Treppe eines Wirtshauses, einer ältlichen Dame, die von rheumatischen Zufällen gelähmt, von ihren zwei Mägden in ihren Wagen getragen wurde. Die zärtliche Sorgfalt der beiden Mägde, ihre herrschaft bequem zu halten, ihre Aufmerksamkeit, sie von den Vorübergehenden nicht anstossen zu lassen, durchbohrten Luisen das Herz. Mietlinge sah sie hier mit emsiger Liebe Pflichten ausüben, die sie gegen ihre Mutter versäumt hatte. Alles Zureden mitleidiger Freunde, alle Gründe ihrer kälteren Vernunft sind vergeblich: ihr Herz klagt sie an, die Mörderin ihrer Mutter zu sein, und der Frieden der Seligen, wenn er ihr noch werden könnte, hätte keinen Reiz mehr für sie.

Unglückliche Luise! Als Tochter und als gattin gleich unglücklich! Wo soll sie einen Ruhepunkt finden für ihre umherschweifenden Gedanken, die umsonst einen Lichtstrahl suchen, um ihren Geist zu erhellen? Wohin sie kommt, ist der blutige Krieg, welcher Blachfelds Leben täglich in Gefahr setzt, der Gegenstand des Gesprächs. Bald mit müssiger Neugier, bald mit wahrem Mitleid, heften die Menschen ihre Augen auf sie, auf ihr Kind, die sie jeden Augenblick als Witwe, als Waise zu sehen glauben, und nur zu oft denken sie, guterzig zudringlich, sie trösten zu müssen. O wie beneidet sie in solchen Fällen die Frau des letzten Soldaten in Blachfelds Haufen, deren Angst sich mit ihrem Gatten beschäftigt! Die verlöre Unterhalt, Liebe, Trost, und die Stütze ihrer Kinder, wenn eine feindliche Kugel den Treuen träfe: aber die wüsste auch, dass sein Weib, seine Kinder, der letzte Gedanke seines blutenden Gehirns gewesen wären. Mit Schamröte hört Luise die Teilnehmung fremden Mitleids; ängstlich schlägt sie die Augen nieder, wenn man unbefangen nach ihrem Gemahl fragt. Sie weiss ja nicht wo er ist; er würdigt sie ja nicht, ihr anzudeuten wohin ihre Wünsche, ihre Gebete ihm folgen sollen; er würde fallen, ohne seinem weib, seinem kind seinen letzten Gedanken zu weihen; er würde mit tausend andern verscharrt werden, ehe das öffentliche Gerücht ihr zuriefe: "Luise, du hast keinen Gemahl, dein Kind hat keinen Vater mehr!" Wie oft zerreisst dieses Kind ihr müdes Herz, durch die rührende Liebe, mit welcher es das Andenken eines Vaters bewahrt, den ihm Luise stets zu ehren gebietet! Erhält die Mutter einen gleichgültigen Brief, so ergreift ihn die Kleine, und wiederholt mit kindischer Leichtigkeit, was man sie einst wohlmeinend lehrte, indem sie den Brief küsst, an ihr kleines Herz drückt, und ruft: "Von Papa, von Papa!" Nein, Verwaiste, ohne die Hand des unerbittlichen Todes, durch die Härte deines Vaters und den Jammer deiner Mutter verwaist, – denn was ist sie dir, diese Mutter, die der Gram langsam aufzehrt? – nein, er ist nicht von ihm, der Brief! E r schreibt nicht, er denkt nicht an die, die zu besitzen er einst seine grösste Glückseligkeit nannte! – Einmal hielt sich Luise zur Mittagszeit in einem wirtshaus auf, ein lahmgeschossener Soldat trat in das Zimmer, und bat um ein Almosen; das Kind erblickte ihn, reichte mit den beiden Armen nach ihm, und rief: "Papa, Papa!" Luise schauderte zusammen, sie erkannte ** Uniform, sie bemerkte wirklich die entfernte Ähnlichkeit, welche die Kleine irre führte. Gerührt liess sie den alten Krieger neben sich sitzen, und an ihrem Mahle teilnehmen; liess sich von ihm erzählen, wo er ihren Mann gesehen, wo er gefochten. Das Kind verlangte auf des Soldaten Schooss, lehnte sich an ihn, und wollte nicht von ihm: die Ähnlichkeit hatte ihm alle Scheu vor dem Fremden benommen, die natur wollte sich an diesem Scheinbilde ergötzen. Der Soldat küsste das Kind, und bedauerte Blachfelden, der diese Freude entbehrte; der so fern von einer zärtlichen Frau, von einem liebenswürdigen kind, sein gefährliches Handwerk triebe. Er bot Luisen an, sie zu ihm zu führen; er sagte, wo ihr Mann auch sein möchte, sie könnte ihm ruhig folgen, er wollte sie sicher bis zu seinem Zelte geleiten. Einen Augenblick war Luise von diesem Gedanken ergriffen; sie fühlte sich versucht, zu ihm zu eilen, sich mit seinem kind in seine arme zu werfen, ihm zuzurufen: Wir sind dein, mache mit uns was du willst! Aber bald verdrängte die Erinnerung an seine Grausamkeit diesen Entschluss. Hatte er sie nicht oft zurückgestossen? nicht verhöhnt? dem Spotte, dem Mutwillen ihres eignen Gesindes preisgegeben? Er würde sie auch jetzt verläugnen; er würde es vor den Augen seiner Kriegsgefährten, vor der gaffenden Menge kund tun, dass die Bande der natur ihn nicht fesseln, die stimme des Mitleids ihn nicht rührt. Diesen Augenblick würde Luise nicht überleben. Lieber wollte sie in unbekannter Einsamkeit, mit dem Bilde ihres Jammers vor ihren Augen, mit der Erziehung ihres Kindes beschäftigt, des Augenblicks harren wo der Tod oder Blachfelds Rückkehr ihre Leiden endigen würden. Ist es noch hoffnung, die in ihrem müden Herzen spricht, wenn sie wehmütig nach Gesundheit sich sehnt, und den Augenblick fürchtet, wo Blachfeld sich sagen müsste: "Die Zeit, ihr Unglück zu lindern, ist vorüber; der ich an meiner Seite Glück versprach, die musste einsam in das Grab sinken, um den Frieden wiederzufinden, den ich ihr raubte?" Nein! Die schwarze