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um mit seiner Frau weitere Abrede zu nehmen. Am andern Tage erfuhr sie, dass dieser Brief, der mit so vieler Freude empfangen zu werden schien, ein Scheidungsbrief gewesen war. Die Frau hatte darin erklärt, dass sie sich mit ihrem kind bei ihren Eltern aufhalten würde, und dass man sich umsonst bemühen würde, ihren Entschluss zu verändern. Jemand, der sehr gut unterrichtet zu sein versicherte, schilderte ihren Gemahl zwar als einen rechtschaffnen, wohlmeinenden Mann; aber, wurde hinzugesetzt, der Kriegsdienst hat ihn verdorben: die tätigen Misshandlungen, mit welchen man da Untergebne züchtigen muss, geben eine nie abzuschleifende Rauhheit der Sitten. Unglücklicherweise vergass er sich gegen seine Frau, in einem Augenblick von Zorn, bis zu einem ähnlichen Betragen: sobald der Zorn verraucht war, fiel er zu ihren Füssen, und tat alles um seine Übereilung wieder gut zu machen. Sie, die einen festen Sinn hatte, stellte sich anfangs versöhnt; aber nach einigen Tagen verliess sie ihn, unter dem Vorwande eines Besuchs bei ihren Eltern, entschlossen ein Haus nicht wieder zu betreten, wo sie einerlei Behandlung mit den Jagdhunden zu befürchten hatte.

Die ganze Gesellschaft, in welcher dies erzählt wurde, lobte die kluge Standhaftigkeit der Frau. Vor zehn Jahren hätte Luise eben so gehandelt; sie dachte damals, dass keine Pflicht es einer Frau geböte, sich mehr als einmal von ihrem mann schlagen zu lassen. Erfahrung und Unglück hatten sie demütiger, nachsichtiger gemacht: sie fand den Entschluss der jungen Frau hart, und fühlte dass s i e hätte verzeihen können. Diese kleine Begebenheit bestärkte sie in ihrem Wunsche, häuslichen Frieden um jeden Preis zu erkaufen. – Zu spät! Er war fortan um keinen Preis zu erkaufen! Ein schreckliches Erwachen aus allen diesen wohltätigen Träumen stand ihr bevor: – sie erhielt die Nachricht von dem tod ihrer angebeteten Mutter. Es war also der Ratschluss des Ewigen, dass Ruhe und Freude ihre Seele auf immer fliehen sollten. Mühselige sehnsucht nach Glück sollte den Frühling ihres Lebens, und Reue, ohne einen Stral von Trost und hoffnung, dessen Überrest aufzehren. jetzt fühlte sie, dass sie eigentlich nie ein menschliches geschöpf geliebt hatte, ausser ihrer Mutter. Alles was sie je für andre empfunden hatte, verschwand vor ihrem Gedächtniss: alles Unrecht, das sie jemals gegen diese Mutter gehabt hatte, trat mit grellen Farben daraus hervor, und verfolgte sie mit unablässigen Vorwürfen. Sie erinnerte sich unzähliger Auftritte, bei denen sie sich eingebildet hatte, eine Märtirerin an Geduld gegen die Laune oder den Widerspruch ihrer Mutter gewesen zu sein; und jetzt hätte sie alle Güter der Welt hingegeben, um nur einen Augenblick zu ihren Füssen liegen, nur ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen vernehmen zu können. Die natur war für sie mit einem Schleier umhüllt, denn ihre Mutter erfreute sich nicht mehr ihrer Schönheit. Umsonst begrüsste die Lerche den Morgen, umsonst goss sich der Nebel in wallenden Schleiern um das Haupt der waldigen Berggipfel, umsonst vergoldeten die Sonnenstralen das reiche Tal: – sie konnte dabei nur denken, das Auge, ihrer Mutter sei auf immer geschlossen, und werde nie dieser Freuden geniessen. Alle Bequemlichkeiten des Lebens waren ihr zur Last: einmal sah sie einen schönen Reisewagen, den sie sich einen Augenblick wünschte, aber diesen Wunsch verleidete ihr plötzlich die Erinnerung an ihre Mutter, die den Wagen nie sehen würde. Jeder Gegenstand, der ihr die Gegenden, die Orte wo sie mit ihr gelebt hatte zurückrief, schärfte ihre Verzweiflung. Eine Hecke von wilden Rosen erinnerte sie an einen Weg in der Nähe von dem Gute ihrer Mutter, – ach! aber dieser Weg, und kein Weg auf Erden, konnte sie mehr zu ihr führen, in ihre arme führen! Sie hätte ihr eigenes Leben, ja sie hätte ihr Kind darum gegeben, einen nur von den Augenblicken, die sie mit ihr zugebracht hatte, und deren sie so viele ungenuzt hatte verschwinden lassen, zurückzurufen. Einsam und wehmütig sah sie die entwicklung des Kindes, dessen Liebenswürdigkeit, dessen aufkeimenden Geist: – die, für welche dieser Anbllck so erfreulich gewesen wäre, war nicht mehr! Das arme Weib, hätte sich einen Vorwurf daraus gemacht, fortan irgend einen frohen Eindruck zu empfangen. Sie hatte von jeher die Botanik geliebt, und bei ihres Vaters Lebzeiten, selbst wider den Willen ihrer Mutter, sich mit dieser angenehmen Wissenschaft beschäftigt. Ihre Mutter hielt dafür, dass ausser den weiblichen arbeiten, Lesen und Schreiben die einzigen Kenntnisse wären, deren ein Mädchen bedürfte; und sie sah es sehr ungern, dass Luisens Vater ihr einen ansehnlichen Gartenfleck auf dem Gute einräumte, den sie unter der Anleitung eines geschickten Botanikers mit seltnen Gewächsen anbaute. jetzt fand sie auf ihren einsamen Spaziergängen manche Blume wild wachsen, die sie in ihrem Garten mit Mühe gepflegt hatte; aber der Anblick durchbohrte jedesmal ihr Herz, sie verwünschte eine Neigung, die ihrer Mutter misfallen hatte, wie ein Verbrechen. Einmal befand sie sich in einer Gesellschaft an einem Spieltische; neben ihr sass eine junge Dame, die einen Stillstand benuzte um vom Spiel aufzustehen, indem sie mit einer liebenswürdigen Herzlichkeit sagte, sie müsste einen Augenblick ihre gute kranke Mutter besuchen. Diese Worte trafen Luisen mit der Gewalt eines blutigen Vorwurfs. Wie oft hatte sie ganze Abende in Gesellschaften verlebt, während dass ihre Mutter fern von ihr krank gelegen hatte! Sie gab sich alle Mühe, ihre Bewegung zu verbergen, aber die Tränen drängten sich unaufhaltsam in