kennen mich nicht."
Blachfelds Schwester schüttete noch Öl ins Feuer, indem sie Luisen versicherte, dass ihres Bruders Gemütsart nie dazu getaugt hätte: das Glück einer Frau zu machen; man würde daher auch lieber gesehen haben, wenn sich sein jüngerer Bruder statt seiner verheiratet hätte: und von ihm hätte man zu sagen gepflegt, er träte in die Fusstapfen seines Vaters, der zwei Weiber sehr unglücklich gemacht, und sich dessen in Gegenwart seiner Söhne öfters gerühmt hätte, worauf der ältere immer mit Freuden zu hören geschienen. – Nach ihrem tod beweint zu werden, war endlich aller Trost, den sich Luise versprechen konnte: denn sie erfuhr von einem Mitgliede der Familie, dass Blachfelds Mutter ein Engel an Duldung und Güte gewesen war, und dass ihr Tod den alten Blachfeld heftig genug angegriffen hatte, um ihn selbst lange auf das Krankenlager hinzustrecken.
Ehe Luise das Ziel erreichte, das sie fürs erste ihrer Reise gesteckt hatte, empfing sie die wohltätigste Beruhigung durch einen sehr zärtlichen Brief ihrer Mutter. Das Schicksal schien ihr nunmehr überhaupt, nach so langen Leiden, einen Augenblick Frieden zu gönnen. Sie hatte alle Orte in B. vermieden, wo Menschen lebten, die sie vor ihrer Heirat gekannt hatte, um ihrem mann nicht zu missfallen, indem sie den Umgang mit ihnen erneuerte. Sie mietete sich in ein kleines Dorf ein, dessen stille heitre Lage ihrer Stimmung sehr zu hülfe kam. Unter den vortrefflichen Menschen, die ihr hier den Zutritt in ihrem Zirkel verstatteten, hob sich ihr Geist nach und nach aus dem trüben Nebel empor, in dem er versenkt gewesen war; heitre Bilder der Zukunft schwebten ihr vor: – ihre Mutter war die Gotteit, der sie ihr Leben weihte. Unaufhörlich beschäftigte sie ihr Bild; bald dachte sie sich ihre Rückkehr zu ihr, wie sie zu ihren Füssen stürzen, ihr Kind in ihre arme führen, wie diese geliebte Mutter sich über die Fortschritte ihrer Enkelinn freuen würde. Dann schwärmte sie, wie sie, von Blachfeld ganz getrennt, mit ihrer Mutter auf dem land leben, die Abendstunden an ihrer Seite zubringen würde, nachdem sie sich den Tag über mit der Erziehung ihrer Tochter beschäftigt hätte. Bald stahl sich wieder Liebe und Zärtlichkeit gegen Blachfeld in ihre Brust: sie stellte sich vor, wie sie mit ihm versöhnt in M. leben würde, wie sie gemeinschaftlich über das Wohl ihres Kindes wachen, sich gegenseitig bemühen wollten, alle finstern Weissagungen ihres Schicksals zu Schanden zu machen; wie ihre Mutter sie dort besuchen, und sich ihres häuslichen Friedens erfreuen, und ihren Segen zwischen Kindern und Enkeln teilen würde. In ihrer kindischen Phantasie rief sie sich die Gerichte zurück, von denen ihre Mutter am liebsten ass, und dachte darauf, sie ihr eines nach dem andern zuzubereiten, oder sie sann auf die Personen, die sie einladen wollte, um ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten.
Ein zufälliger Umstand hatte sie in dem Gefühl, dass sie jedes Opfers, und jedes erlittne Unrecht zu vergessen fähig sein würde, um ein solches Glück zu erreichen, vorzüglich bestärkt. Bei ihrer Ankunft in B., ehe sie noch den Ort ihres Aufentalts bestimmt hatte, erhielt sie den Besuch eines Mannes, der ehemals in dem nämlichen Dienste wie Blachfeld gestanden hatte, und jetzt sein väterliches Erbteil anbaute. Er erzählte ihr, wie glücklich er mit seiner Frau und seiner Mutter auf seinem Gute lebte, und lud sie ein, ihn dort zu besuchen, und wenn es ihr in seiner Familie gefiele, in Kost bei ihm zu treten. Ein stiller, einsamer, ländlicher Aufentalt war gerade das Ziel von Luisens Wünschen: sie eilte also diesen Ort zu sehen, und fand ihn ganz nach ihrem Geschmack. Was sie aber am meisten dabei rührte, war das Bild, das ihr die gute alte Mutter von dem häuslichen Glück der beiden Eheleute, seit des Mannes Abschied aus den Kriegsdiensten, entwarf. Von der ganzen Welt vergessen, und der ganzen Welt nicht bedürfend, schränkten sich ihre Freuden auf sich selbst und ihr zweijähriges Kind ein, um dessen Liebkosungen sie sich stritten. Die Darstellung dieses allein wünschenswerten, und für sie auf ewig verlornen Genusses, erfüllte Luisens Herz mit Trauer. Sie erinnerte sich, dass ihr Blachfeld vor ihrer Heirat angeboten hatte, den Dienst zu verlassen, und mit ihr auf dem land zu leben. Sie hielt ihn damals für zu jung, um diesen Entschluss ohne Reue zu befolgen, sie setzte aus Klugheit dessen Ausführung auf einen späteren Zeitpunkt hinaus, und verscherzte ein so kostbares Glück dadurch auf immer. Der Besitzer dieses Gutes war auch jung, stark, in der Blüte seiner Gesundheit, aber statt das geringste Missfallen an seiner Lebensart zu äussern, unterhielt er Luisen von nichts als dem Reiz, den die beständige Gesellschaft seiner Frau für ihn hätte, und von der Annehmlichkeit der ländlichen arbeiten. Seine Frau war auf einige Tage zu ihren Eltern zum Besuch gegangen, und er wollte ihr den folgenden Tag entgegenreiten, um sie heimzuholen. Die alte Mutter sagte freundlich zu Luisen: "Wie sehr wünschte ich, dass Ihnen der Frieden bald ein Glück wiedergäbe, dessen Wert Sie so lebhaft fühlen!" Im nämlichen Augenblick da Luise von ihrem gütigen Wirte Abschied nahm, empfing er einen Brief von seiner Frau: sie sah ihn vor Freude zittern. – Der Anblick so vieler Zärtlichkeit führte sie auf allzutraurige Vergleichungen, sie eilte zu ihrem Wagen, und sagte dem jungen mann, dass sie wiederkommen würde,