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, und setzte noch so viele heftige aufbringende Dinge hinzu, dass Luise völlig ausser Fassung, und in ihre ganze vorige Erbitterung zurückgeworfen, von neuem abzureisen beschloss. Sie wollte aber durchaus ihren Mann noch einmal sehen. Sie schleppte sich erschöpft in sein Zimmer, und flehteum was? – dass er sie betrügen möchte! Er schlug ein lautes Gelächter auf: "Glauben Sie denn, Madame, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, sobald das Mädchen es zufrieden wäre?" – "Ach Blachfeld, antwortete Luise, möchte sie doch Ihre Maitresse sein, wenn ich mir nur noch schmeicheln könnte, Ihre achtung zu besitzen! Nein, das ist es nicht: aber dass Sie die Schwäche Ihrer gattin verrieten, und an wen? an ihre Magd verrieten; dass Sie dieses Mädchen zum offenen Streit mit dem weib das Ihren Namen trägt, mit der Mutter Ihres Kindes berechtigten; – das ist zu viel, meine Abreise ist beschlossen!"

Als Madame N. diesen Vorgang erfuhr, munterte sie selbst ihre Tochter auf, einen Ort zu verlassen, wo jeder Gegenstand ihren Kummer erneute. Sie umarmte Luisen, die sich nicht von ihr losreissen konnte, und immer wieder in ihre arme zurückkehren wollte; sie drückte ihre Enkelin an ihr Herz. Das Kind sah erstaunt dem rührenden Auftritte zu. – "Warum blickt mich das Kind so an?" fragte Madame N. betroffen. "Weil es Sie weinen sieht, Mutter!" antwortete Luise schnell, um einer traurigen Ahndung auszuweichen, der sie mehr Gehör hätte geben sollen. Endlich verliess sie das Haus, die Stadt wo ihr Jugendglück verblüht, und ihr Dasein vernichtet worden war, und trat zum zweitenmal den Weg nach ihres Vaters Geburtslande an.

Ihre Reise verschafte ihr das Vergnügen, Blachfelds Vater kennen zu lernen. Sie ward mit Güte und achtung in seinem haus empfangen, und fand an ihm einen liebenswürdigen Greis, dem ein langer Umgang mit der grossen Welt den feinen ehrerbietigen Ton gegen das weibliche Geschlecht gegeben hatte, durch welchen man dessen Beifall nie verfehlt. Luise hatte sich von ihrem Vater her gewöhnt, die Männer überhaupt zu ehren: die achtung, die Aufmerksamkeit, die sie dem alten Blachfeld erwies, floss also aus ihrem Herzen, und ihre Liebkosungen hatten keinen eigennützigen Grund; denn sie hofte nichts von seinem Einfluss auf seinen Sohn. Durch die liebenswürdige Enkelin, die sie ihm zuführte, gewann sie vollends sein Herz. Im ersten Augenblick war die Zusammenkunft zwar etwas kalt, allein Luise erschien nicht als Verbrecherin, sie hatte nichts getan das sie des Namens seiner Tochter unwürdig machte, und der alte Mann gab ihr bald mit voller Freude diesen Namen. Am folgenden Morgen sagte er ihr sehr verbindlich, dass er sich nicht entschliessen könnte, von ihr zu scheiden; und er schlug ihr vor, die Sinnesänderung ihres Mannes bei ihm abzuwarten. "Ich bin gewiss, sagte er, dass meine Tochter in diesen Wunsch mit einstimmt." Allerdings! stotterte Blachfelds Schwester, ward rot und umarmte Luisen. Allein dieser war auf den ersten blick der Grund dieses Errötens nicht entgangen: sie war eifersüchtig auf des guten Greises Zuneigung und Wunsch, seine Schwiegertochter bei sich zu behalten. Als er ferner darauf bestand, verschafte sie ihr sogar gelegenheit, heimlich fortzureisen. Ohne diese Stimmung ihrer Schwägerin, welche bei Mädchen sehr natürlich ist, die, über die Jugendjahre hinaus, jüngere Weiber preisen höeen, würde Luise des alten Blachfelds gütigen Vorschlag mit Freuden angenommen haben. Seine stille ruhige Lebensart harmonirte mit ihrer gegenwärtigen Gemütslage, und sie hätte Mittel gefunden, ihre Schwägerin für die etwanigen Kosten ihres Aufentalts zu entschädigen. Sie beschäftigte sich einen Augenblick mit dem Projekt, in der Stadt wo ihr Schwiegervater lebte, eine wohnung zu mieten, und ihre eigne Wirtschaft zu führen: wie sie aber ihre Schwägerin darüber zu Rate zog, schlug ihr diese eine benachbarte Stadt vor, um das Projekt auszuführen. Luise lächelte über diese ungeschickte Verschlagenheit, und antwortete höflich, ehe sie sich in einer ganz fremden Stadt niederliesse, wollte sie lieber nach B. gehen, wo sie sich schmeicheln könnte, von Verwandten und Freunden aufgenommen zu werden. Man hätte denken sollen, dass es Luisen nur darauf ankäme, eine Stadt zu finden, da es ihr doch bloss um eine freundschaftliche Seele zu tun war. Ihr Schwiegervater hatte eine solche, und mancher kleine Zug machte ihn Luisen sehr teuer. Da sie gewahr wurde, dass er im grund die zärtlichste Liebe für seinen Sohn hatte, packte sie ihr Reisepult aus, um ihm Blachfelds Brustbild zu zeigen, das sie bei sich hatte. Er dankte ihr, und bat um die erlaubnis, es küssen zu dürfen. Luise fühlte die ganze Feinheit dieses Betragens. "Ich will mehr tun, antwortete sie, ich will Ihnen darin zuvorkommen." Sie reichte ihm alsdann das Bild, und rief, indem sie sich in seine arme warf: "Lieben Sie ihn; er verdient es durch den Ruf seiner Tapferkeit, und mehr noch durch seine Zärtlichkeit für Sie." – Er würde es nicht mehr verdienen, wenn er Ihnen sein Herz nicht wieder zuwendete, sagte der Alte gerührt. – "Nein, das kann nie mehr geschehen. Damit er Mitleid für mich empfände, müsste er wissen, was ich fünf Jahre hindurch um seinetwillen litt, und ihm das zu sagen, ist keines Menschen Vorteil noch Absicht. Ihr eigenes zeugnis würde unvollständig sein, denn Sie