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Zustand stürzten, wo die Verzweiflung mich gegen meine Mutter Worte ausstossen machte, die ich mir nie verzeihen werde." Blass und mit zerstreutem Haar, musste sie das Bild des bedauernswürdigsten Kummers sein; und wäre in Blachfelds Herzen noch menschliches Gefühl gegen sie gewesen, so hätte er einsehen müssen, wie sehr ein einziges tröstendes Wort ihr notgetan hätte. Statt dessen vergiftete er ihren Schmerz vollends, durch die kaltblütige Bemerkung, dass dieses ja nicht der erste Auftritt der Art wäre, den sie mit ihrer Mutter hätte. So sehr hatte die Zeit den Gesichtspunkt, aus welchem er Luisen betrachtete, verändert! Jetzt machte er ihr den Vorwurf, dass sie ihre Mutter schon eher beleidigt hätte; und ehemals, als er sechs Monate mitten unter ihrer Familie lebte, hatte er, – nicht nur gegen Luisen, denn das hätte Liebhabersprache sein können, – sondern gegen mehrere seiner Freunde geäussert, dass er Luisens Geduld im Ertragen des unaufhörlichsten, und dadurch unerträglichsten Widerspruchs, von Seiten ihrer Mutter bewunderte; dass er bei aller Festigkeit, deren er sich rühmen dürfte, nicht fähig sein würde es ihr gleich zu tun. Er war noch weiter gegangen: er war auf Luisens unermüdete Achtsamkeit gegen ihre Brüder eifersüchtig gewesen. "Sie würden von mir nicht so viel dulden, sagte er, als Sie sich von Ihren Brüdern gefallen lassen!" und wie Luise ihm antwortete: Sie weinen jetzt mit mir, und werden mir vielleicht einst meinen jetzigen Kummer vorwerfen; erwiderte er: "Nein, ich werde nie so niedrig und schändlich sein. Sie können gegen mich fehlen, aber ich kann nie Ihr Betragen gegen Ihre Familie vergessen, und dass Ihnen nie eine Klage über sie entfuhr. Ihre Mutter handelt nicht so, ob sie gleich weiss dass ihrer Tochter Schicksal in meinen Händen beruht, und ihre Reden Einfluss darauf haben könnten." – – Damals erschien ihm Luise als das Ziel seiner eigensinnigen Wünsche, und jede Erfüllung ihrer Pflicht zierte sie wie ein Verdienst: jetzt aber, verblüht durch Leiden und Krankheit, als Weib, als Mutter, für ihn nichts als eine lästige Fessel, gab ihm ihr Unglück selbst Stoff zum Vorwurf.

Doch es ist Zeit zu der letzten Epoche dieser traurigen geschichte zu eilen. Als Madame N. erfuhr, dass Blachfeld Luisen sein Kind lassen wollte, versicherte sie ihrer Tochter, dass sie ihre Übereilung von ganzem Herzem vergäbe, und sie nur angelegentlich bäte, sich das Leben nicht durch unnütze Selbstanklagen zu verbittern. Luise brachte den Abend zu den Füssen ihrer Mutter zu: bald bat sie um ihre Verzeihung, bald dankte sie für ihre Güte, und erhielt von neuem ihre Einwilligung und ihren Segen zur Reise. Sie war von diesem Abend so gerührt, dass sie, auf dem Heimweg und bei ihrer Rückkunft, ernstlich darauf dachte, die Verzeihung ihrer Mutter völlig zu verdienen, indem sie ihren Reiseplan ein für allemal aufgäbe. Sie befahl daher, die Pferde, welche für den nächsten Morgen bestellt waren, wieder abzubestellen. Jenes Mädchen, das erwähntermassen bei Luisens Abreise seinen Vorteil fand, wiederholte ihr nunmehr alle Gründe, die sie bestimmen sollten, ihrem ersten Entschluss getreu zu bleiben. Luise hörte sie schweigend an, und schickte sie alsdann fort, in der Absicht, bei Blachfelden einen neuen Versuch zu wagen, der sie über ihr Tun oder Lassen beruhigte. Sie klopfte an sein Zimmer, und bat um die erlaubnis mit ihm zu sprechen. Seine freundliche Antwort flösste ihr hoffnung ein, dass die Vorsehung ihr bei ihrem Vorhaben, das auf den tugendhaftesten Bewegungsgründen beruhte, behülflich sein wollte. Überzeugt, dass Blachfeld nur durch die unbedingteste Unterwerfung zu gewinnen war, nahm sie alles auf sich, bat um seine Verzeihung, und fragte ihn, was sie hoffen dürfte, wenn alles Vergangne vergessen würde, und sie ihrer Reise entsagte? ob er ihr dann auch seinerseits erlaubte, ohne die Dazwischenkunft einer Dritten, deren Treue ihr verdächtig wäre, mit ihm zu sprechen? Blachfeld suchte sie von dem Ungrund ihres Verdachtes auf das Mädchen zu überzeugen, und bat sie, nicht zu glauben, dass er ihre Abreise wünschte, um mit diesem Mädchen allein zu bleiben. "Sie würde nicht bleiben wollen, sagte Luise, sie ist ein rechtliches Mädchen." Blachfeld fuhr fort, in dem artigsten Tone mit seiner Frau zu sprechen, und Luise legte sich hierauf mit dem Bewusstsein nieder, den besten Weg eingeschlagen zu haben. Am folgenden Morgen wollte sie, aus Delikatesse, damit er nicht glauben möchte, dass sie sich auf die Rechte, welche die gestrige Versöhnung ihr gab, zu viel zu gute täte, nicht sogleich in sein Zimmer gehen; aber diese Bedenklichkeit kam ihr teuer zu stehen. Blachfeld sprach mit dem Mädchen, und sei es aus Neugierde, um ihre Tugend zu prüfen, oder aus einem noch weniger edlen Bewegungsgrund, er sagte ihr von der Eifersucht ihrer herrschaft, und dass ihr Ruf darunter leiden würde, wenn seine Frau von ihrer Reise abstände, indem diese allentalben sagen würde, sie hätte sich nicht getrauen dürfen, ihr Mädchen mit ihrem mann allein zu lassen. Das Mädchen eilte weinend zu Luisen, beschuldigte sie, dass sie ihren guten Namen zu grund richtete, stellte ihr vor, dass sie ausser diesem kein Gut, kein Mittel zu ihrem Fortkommen hätte. – "Und mein Mann, fragte Luise mit zitternder stimme, mein Mann hat ihr gesagt, dass ich sie in Verdacht habe?" Das Mädchen bejahte es