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, deren Herz, bei dem geringsten Anschein von Delikatesse und Güte, sich mit neuen Hofnungen schmeichelte, ihm nochmals anbot zu bleiben. Allein seine Antwort verwundete sie wieder aufs Äusserste; er sagte ihr in Gegenwart seines Bedienten, dass ihre Anwesenheit ihm unerträglich wäre, war aber doch schonend genug, um sich einer fremden Sprache zu bedienen, indem er hinzusetzte: "ich bin auf glühenden Kohlen, so lange Sie hier sind."

Mit der Ruhe, die ein gutes Gewissen gibt, bereitete sich also Luise zur Abreise. Vielleicht beleidigte diese Ruhe seine Eigenliebe, vielleicht ging sein Hass gegen sie so weit, dass er sie nicht allein unglücklich, sondern auch verzweifelnd sehen wollte. Er ergriff wenigstens das beste Mittel um diesen Zweck zu erreichen; er suchte sie mit ihrer Mutter zu entzweien. Gelang ihm dieses, so war ihre letzte Stütze dahin, so hatte sie ihren einzigen Trost, mit dem Segen ihrer Mutter abzureisen, verloren. Er wusste, dass Madame N. Luisens Kind mit aller Zärtlichkeit einer Grossmutter liebte, und sich mit dem grössten Schmerz von demselben losriss. Er bot ihr an, es zurück zu behalten, und um Luisens Brüder zu gewinnen und zu überreden, dass in der Schrift, die er Luisen gegeben, von dem kind die Rede nicht sei, wollte er ihnen die Erziehung desselben anvertrauen. Als Hauptursache dieser Grausamkeit schützte er eine Besorgniss vor, dass Luisens Schwermut auf das Kind Einfluss haben könnte. Er bevollmächtigte seine Schwäger, im Fall dass Luise sich widersetzen möchte, ihr das Kind sogar mit Gewalt zu entreissen. Gewalt gegen eine Mutter, die noch schwach war von ihren Leiden bei der Entbindung von eben diesem kind! Gewalt, um Bande zu zerreissen, an denen die natur, so lange, so unbegreiflich arbeitet! Man sollte ein schwaches Weib misshandeln, weil sie keine unnatürliche Mutter sein wollte; man sollte sie für ihre Zärtlichkeit strafen! – Blachfeld schrieb seiner Frau ein Billet, das ihr seinen Willen in Absicht auf das Kind bekannt machte, und verliess das Haus ehe es ihr übergeben wurde; er hatte den Mut nicht, Zeuge von der wirkung seiner Grausamkeit zu sein. Luise ward bei Eröffnung des Zettels von konvulsivischen Bewegungen ergriffen. Die Magd, die ihr die abscheuliche Botschaft überbrachte, sah sie an Gesicht und Händen blau werden, ja ihre Zunge wandelte sich in dieselbe Farbe, und konnte nur gebrochen die Worte stammeln: "Mein Kind! ach mein Kind!" – Es war in diesem Augenblicke schon in den Händen seiner Räuber: Luisens Mutter hatte es an dem nämlichen Morgen abholen lassen. gewöhnlich vertraute es Luise ausser dem haus nie einer fremden Aufsicht, aber heute war sie mit dem Einpacken beschäftigt gewesen, und hatte es ihrer Mutter geschickt, der sie zugleich sagen liess, dass sie den Mittag bei ihr speisen würde. Es regnete stark, Blachfelds Pferde durfte sie nicht zu brauchen wagen, und ihre ängstliche Ungeduld erlaubte ihr nicht, die Ankunft der zur Mittagsstunde bestellten Sänfte abzuwarten. Sie eilte also, trotz des stürmischen Wetters, zu Fuss durch die Strassen, stürzte in das Zimmer ihrer Mutter, zu ihren Füssen, bat, flehte, sagte alles was ihr Zärtlichkeit und Angst eingaben um sie zu rühren, um ihr Kind wieder zu bekommen. Umsonst! Madame N. hörte nur die stimme des Vorurteils und ihrer eignen Wünsche, sie war taub gegen das Flehen ihrer Tochter. Endlich liess sich Luise von der Verzweiflung hinreissen. "Um Ihnen zu gefallen, rief sie, habe ich mein Glück, alle meine liebsten Neigungen geopfert. Mein Kind soll kein neues Opfer werden!" – – Man fing an auf sie zu hören, sie bot jedes Unterpfand an, dass sie ihre Abreise in diesem Augenblick aufschieben würde, und eilte mit ihrem schwer erkämpften Schatze, mit ihrem kind im Arm, nach ihrer wohnung zurück. Hier erwartete sie Blachfelds Zurückkunft, in einem Zustande, der nicht beschrieben werden kann. Welche Gedanken zerrissen ihr Gemüt! Von der einen Seite empfand sie die grimmigste Erbitterung, sich, ein geschöpf das nie auf eines Menschen Schaden gesonnen hatte, auf allen Schritten ihres Lebens, in allen ihren Gefühlen, mit dem eifrigsten Hass verfolgt zu finden: – von der andern zerfleischte Reue ihr Herz, dass sie sich abermals gegen ihre gute wohlmeinende Mutter vergangen, und am Tage vor einer Reise, die sie vielleicht auf ewig von ihr trennte, ihren Zorn auf sich geladen hatte. "Ewige Vorsicht! rief sie in der Angst ihres Herzens, du kanntest die Reinheit meiner Absicht; wie konntest du mich durch die Umstände zum Verbrechen hinreissen lassen?" Einige Augenblicke darauf schien es ihr, als hätte Gott diese quälende Reue sie erfahren lassen, um ihr eine grössere zu ersparen, die sie sich durch ihre Abreise vorbereitet hätte. Sie wollte nun ihre Mutter nicht verlassen, sie wollte bleiben um wieder gut zu machen, was sie heute begangen hatte. Mit dieser idee war sie beschäftigt, als Blachfeld ihr durch die Magd sagen liess, dass sie das Kind auf ihrer Reise mitnehmen sollte. Luise glaubte nun, sich in ihrer Auslegung des göttlichen Willens geirrt zu haben, und hielt diese neue Willensänderung ihres Gemahls für einen Wink der Vorsehung, bei ihrem ersten Vorsatz zu bleiben. Aber Blachfelds Betragen fühlte sie so tief, dass sie sich nicht entalten konnte, nachher zu ihm zu sagen: "Sie haben die Ruhe meines Lebens unwiederbringlich zerstört, indem Sie mich in einen