nicht belehren können, dass sie als Gattin und Mutter ihrem Gemahl, dem Vater ihrer Kinder, aber in nichts, das ihre Ehe beträfe, ihrer Familie mehr angehörte? Hätte man ihr nicht den Mut geben können, das ehrwürdige Vorurteil ihrer kindlichen Liebe mit der Fackel wahrer Sittlichkeit zu beleuchten? – Können! Als ob der Begrif, was Freunde tun k ö n n e n , nicht schon längst dem verzehrenden Hauche der Konvenienz hätte unterliegen müssen, um auch hier das Wort auf den Trümmern der Sache herrschen zu lassen!
"Aber was wollt Ihr? Es bleibt doch beim Alten! So lasst auch Ihr es dabei!" – Und w i e alt ist denn das Alte? Nein, es war nicht von jeher so, und es kann und wird nicht immer so bleiben. Man darf es denen, die das Gegenteil behaupten, kühn überlassen, es zu beweisen.
Zuverlässig gibt es unter den Leiden, welche diese Unglückliche betrafen, nicht ein einziges, das nicht abgewendet worden wäre, wenn der Kreis von Indolenz, von Rücksichten, von Furchtsamkeit, von allen Verneinungen aller Tugenden, den man unter dem Namen K o n v e n i e n z der gesellschaftlichen Menschheit als oberstes Gesetz aufgedrungen hat, sie nicht umschlossen hätte. Wenn also Ein Leser von Luisens geschichte dadurch veranlasst wird, Ein Mittel zu finden, um sich durch die Verschanzungen der Konvenienz durchzustehlen, und Eines ihrer zahllosen Übel zu verhüten, so ist die Herausgabe dieser Blätter g u t gewesen. Luise war die Tochter eines Mannes, welcher in der Residenz des Fürsten von **, nicht weit von der Hauptstadt S .. s, eine ansehnliche Stelle bekleidete. Ihr Vater einer von den Menschen, welche die natur nur selten hervorbringt. Wenig Bedürfnissen unterworfen, blieb er von Geitz und von Habsucht gleich entfernt; ausschliessend mit den abstraktesten Wissenschaften beschäftigt, widmete er ihnen die ganze Zeit, die seine Amtspflichten ihm übrig liessen. Ohne Entusiasmus, kalt aus Temperament, kannte er weder Eitelkeit noch Ehrgeitz; aber eben deswegen war er auch jedes gespannteren feinen Gefühls unfähig. Seine Tochter glich ihm zu ihrem Unglück nur zu wenig; sie betete ihren Vater an, ohne es ihm sagen zu dürfen; denn wenig mitteilend wie er war, bot er ihr keine gelegenheit dazu; und ungeachtet seiner tiefen Menschenkenntniss, blieb ihm das Herz seiner Tochter verborgen. Er wollte ihr Glück, verfehlte aber die Mittel. Aus Furcht vor der Ansteckung des Zeitalters, schloss er sie von allem Umgange mit andern jungen Leuten aus. Sein hohes Alter und eine schwache Gesundheit dienten ihm selbst zum Vorwande, keine Besuche anzunehmen; und obgleich der Geschmack seiner Frau in diesem Stücke sehr von dem seinigen abging, so war sie doch vernünftig genug, sich darin zu finden, und beschäftigte sich einzig und allein mit ihrer Wirtschaft. Auf diese Weise blieb Luisen keine andere Gesellschaft, als die Bücher Sammlung ihres Vaters, die sie ohne alle Wahl mit heissem Eifer durchlas. Bei einem von natur zur Schwermut geneigten charakter, ergriff sie alles was ihre Melancholie nähren konnte. Youngs Nachtgedanken, Heloisens Brief an Abälard, Clarisse, Setos, waren ihre Lieblingsschriften, und brachten bald ein Chaos in ihrem kopf hervor, aus welchem sich der einzige feste Begriff entspann, dass die Tugend in dieser Welt auf kein Glück zu rechnen habe. Ihr Gefühl führte sie zur Frömmigkeit an: allein dieser heilige Trieb, welchen der Schöpfer zum Trost, und zur Erleuchtung in des Menschen Herz legte, ward ein Feuer für sie, das an ihrer Seele nagte, ohne sie zu erhellen. Da sie ohne einen andern Führer als die zarteste Gewissenscheu, verschiedene strenge Religions-Bücher gelesen hatte, ward sie von Reue gepeinigt, ehe ihre Seele die Schuld kannte; und die Ruhe der Unschuld war bei dem reinsten Herzen fern von ihr. Ihre Mutter, welche ihrem Hauswesen aus Geschmack und mit vollkommner Sachkenntniss vorstand, liess sich von Luisen wenig dabei helfen, und der Vater, weit entfernt sie von ihrem Geschmack an den Wissenschaften abzubringen, hatte vielmehr seine Freude daran. Luise machte auch wirklich einige Fortschritte, die aber ihrer Gesundheit nachteilig waren, und ihren angebornen Hang zur Schwermut noch vermehrten. Auch glaubt sie, dass ein unglücklicher Fall, den sie in der damaligen Zeit tat, den Grund zu ihrer nachherigen schrecklichen Krankheit, und zu dem daraus erfolgten Elend ihres Lebens gelegt haben mag. Sie stürzte nämlich in ihrem funfzehnten Jahre rücklings zwei Treppen herunter in einen Keller, mit dem Kopf auf die Steine; ihr Vater war sehr um sie besorgt, und obwohl keine sichtbare Beschädigung zurückblieb, obwohl jene Krankheit erst zehn Jahre darauf entstand, so empfand sie seitdem doch immer, bei jeder anhaltenden Beschäftigung des Geistes, oder bei äusserlichen Erschütterungen, wie z.B. vom Fahren, Schmerzen, die den bei ihrem Falle ausgestandenen ähnlich waren.
Luisens Vater ward bald genötiget, seines hohen Alters wegen, sein Amt aufzugeben; allein mit dem persönlichen Zutrauen seines gütigen Herrn beehrt, blieb er in dessen Nähe, und überliess sich nun einzig seinen Lieblingswissenschaften. Seinen sehr eingeschränkten häuslichen Umgang vermehrte damals ein Mann, der zu einer erledigten geistlichen Stelle berufen worden war, und dessen ganze Familie Luisen sehr interessiren musste. Der Mann sowohl als seine gattin zeichneten sich durch Geist und Kenntnisse aus, und beschäftigten sich mit der Erziehung von drei Kindern, an welchen Luise bald so zärtlich hieng, als hätte die natur sie zu ihrer Mutter gemacht