erlitt. Dieser Gruss, dieser Beschluss des Tages, war das einzige Glück, nach welchem sie sich sehnte, und es ward ihr oft versagt. Traurig legte sie sich dann nieder, und hofte, dass es den nächsten Tag besser gehen würde. Kaum erschien dieser, so ging Blachfeld aus, kam nur um sich anzukleiden nach haus, und der Abend brachte die peinliche Spannung des vorigen Tages zurück. Es fehlte noch ein Tropfen in dem Kelche des Leidens, um ihn Luisen unerträglich zu machen; und diesen schüttete eine ihrer Freundinnen, vielleicht aus wohlmeinender Teilnahme, aber sicherlich sehr unvorsichtig und rücksichtslos, vollends hinein, indem sie eines Tages zu ihr sagte: man gäbe Blachfelden Schuld, ein Meister in der Verstellung zu sein, und so wäre es ja leicht möglich, dass seine heftige leidenschaft vor ihrer Ehe blosse Komödie gewesen sei. Diese Äusserung zerriss Luisens Herz. Also selbst die Erinnerung, vormals geliebt gewesen zu sein, war eine Täuschung? also war alles ihr Bemühen vergeblich, und Blachfelds Herz war jedes zärtlichen Gefühls durchaus unfähig? Fast verzweifelnd, eilte sie diesen neuen Kummer in ihrer Mutter Busen auszuschütten. Die gute Frau hatte, bei ihrem Gram über Luisens unglückliche Ehe, nicht Unbefangenheit genug, ihr in diesem Augenblick Beruhigung zu geben. Sie antwortete vielmehr, von Bitterkeit hingerissen: "Gewiss war seine heftige leidenschaft nichts als Heuchelei! Ich wundre mich, dass du es nicht gewahr wurdest. Wie hätte er auch ein immer in Tränen schwimmendes, schwermütiges geschöpf, in diesem Grade lieben können? Und doch schien es, als betete er dich, selbst um deiner Fehler willen, an! Ich sah gleich, dass er es nicht aufrichtig meinte" – "Sie sahen es, Mutter? rief Luise ausser sich. Sie sahen es, und gaben ihm Ihr Kind, und entreissen mir jetzt alle hoffnung?" Zum zweitenmal in ihrem Leben vergass die Unglückliche, was sie ihrer Mutter schuldig war, und überliess sich allem Ungestüm ihres Schmerzes. Hätte sie nachdenken können, wäre sie bei einem zu vergifteten Herzen einiger kalten Überlegung fähig gewesen, so hätte sie den Ungrund jener Bemerkung ihrer Freundinn selbst einsehen müssen. Blachfelds übrige Fehler schlossen die Falschheit gerade aus, wenigstens jedes zusammenhängende Gewebe von Falschheit. Ungestüm, launig, wankelmütig wie er war, hätte er eine seinem Herzen fremde Rolle, wenn auch allenfalls übernehmen, doch sicherlich nie ausspielen können. Wahrscheinlich hatte ihre Freundinn geglaubt, dass es die Artigkeit mit sich bringe, gegen eine Frau, die unglücklich mit ihrem mann lebte, aufs Geratewohl böses von ihm zu sprechen; und sie hatte nicht berechnen können, welchen Kummer sie Luisen bereitete.
jetzt oder niemals war es Zeit, ein Haus zu verlassen, wo sie weder mit Ehren noch zum Nutzen ihres verblendeten Gatten lebte, wo sie mit Gram und Demütigungen überhäuft wurde. Blachfeld betrachtete es kaum als seine Schlafstelle. Seit einem unbedeutenden Vorfalle, bei welchem Luise nur seinen Willen zu erfüllen geglaubt hatte, speiste er im wirtshaus; den ganzen übrigen Tag brachte er auswärts, oder in seinem Zimmer eingeschlossen zu; und, wenn er in Gesellschaft ging, erkundigte er sich erst sorgfältig bei Luisens Magd, ob er auch nicht in Gefahr käme seine Frau zu treffen? In dem grausamsten Kampf über einen Entschluss, bei welchem, in ihrer doppelten Eigenschaft, als Mutter und als gattin, natur, Sittlichkeit und Religion, bald für sie, bald für Blachfeld stritten, ging sie einst in die Kirche, um Stärkung und Leitung von Gott zu erflehen. Man sang eben ein schönes Lied über das zukünftige Leben. Der Sturm ihrer Seele ward durch die Gedanken, die dieses Lied erregte, besänftigt, ihre Bitterkeit gegen Blachfeld verschwand, und machte einem innigwehmütigen Gefühle der Nichtigkeit menschlicher Wünsche, Hofnungen und Plane Raum. Sie erinnerte sich, wie oft sie, auf ihren einsamen Spaziergängen, sich nach Blachfelds Zurückkunft gesehnt hatte, wie oft ihr seine freudige Teilnehmung bei den Fort schritten, bei der entwicklung ihres Kindes gefehlt hatte, wie oft sie bei ihrer Lektüre gedacht hatte: möchte doch Blachfeld mit mir lesen! Ihre Wünsche waren erhört worden, er war zurückgekehrt: aber keine der Freuden, die sie sich versprach, hatte ihn begleitet. Unmöglich aber konnte sein Herz auf ewig ihr verschlossen sein: vielleicht hatte sie nur den rechten Weg zu diesem Herzen noch nicht gefunden. – Sie beschloss, noch einen Versuch zu wagen, ihm noch einmal alle ihre Zärtlichkeit entgegen zu tragen. Mit diesem Vorsatz eilte sie nach dem Gottesdienst in Blachfelds Zimmer. In der Meinung, dass es sein Bedienter wäre, verhinderte er sie nicht hereinzukommen. Sie ergriff seine Hand, aber unfähig zu sprechen, überströmten Tränen ihr Gesicht; Blachfeld sah sie fliessen, und lächelte. Sie bemerkte dieses Lächeln wohl: es war nicht jene freundliche Weisheit, die tröstend über menschliche Schwäche lächelt; es war der zurückweisende Ausdruck eines verhärteten Herzens, das der Empfindung zu seinem Glücke nicht mehr bedarf, und sich freut sie in andern zu finden, die er darum mit desto besserem Erfolge quälen kann. Blachfeld genoss diese grausame Freude eine Weile lang in vollem Maasse, dann führte er, immer fortlachend, Luisen an die tür. "Was soll aber aus mir werden?" rief sie mit erstickter stimme. – "Das ist meine geringste sorge." – "Haben Sie Mitleid mit mir!" – "Ich habe mir vorgenommen, mit niemanden Mitleid zu haben, da niemand