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Schwester ihres verstorbenen Vaters, hatte ihr den Rat gegeben, ihren Mann durch Liebkosungen zu gewinnen, und dieses Mittel konnte von einem weib, das so gern geliebt hätte, mit herzlich gutem Willen befolgt werden. Sie hofte an diesem Tage, Blachfelds üble Laune würde vorübergehend sein; und indem sie ihm mit zärtlichem blick ihre Hand reichte, bot sie ihm ihre Wange zum Kusse dar. Wie traurig ward ihre hoffnung getäuscht, da er ihr diesen innigen Ausdruck ihres Gefühls als Falschheit und Künstelei auslegte! W a s musste die arme leiden, als sie, die keine grössere Glückseligkeit kannte, als geliebt zu sein, sich so missverstanden, so zurückgestossen sah! Ihr eigenes Gefühl hatte sie freilich bis jetzt darauf geführt, dass Zurückhaltung ihres Mannes Liebe verdoppeln würde; und wie notwendig wäre es, ein unerfahrnes reines Mädchenherz über den Punkt zu belehren, wo ihre schwärmerische Delikatesse dem graderen, nicht vernünftelnden, sondern einfach begehrenden Gefühl eines Mannes nachgeben muss! jetzt war es zu spät: das häusliche Missverständniss wurde immer unheilbarer, und die Banden ihrer Herzen zerrissen immer unwiederbringlicher.

Ein äusserst schmerzlicher Rheumatismus war die Folge dieser Unpässlichkeit, er warf sich auf die Brust, und Luise musste ein Blasenpflaster gebrauchen, dessen wirkung bei der Reizbarkeit ihres Körpers sie unendlich leiden machte; sie bat Blachfelden bei ihr zu bleiben, er schützte aber Dienstpflichten vor. Bei seiner Rückkehr erzählte er lachend, dass er bei einer artigen Frau Kaffe getrunken, und wie die Teestunde herangekommen wäre, zwar fortgewollt, aber sich so gut da befunden hätte, dass er bis spät Abends geblieben wäre. Luise hatte einen Jugendfreund gehabt, der vorzügliche Talente zum Vorlesen besass; es war ihrer Mutter und ihr, bei ihren Krankheiten, oft eine Erleichterung gewesen, ihm zuzuhören. Blachfeld las indessen auch gern vor, und aus einer sehr verzeihlichen Schwachheit hatte er gegen Luisen geäussert, dass es ihm lieber sein würde, jenen Mann nicht mehr zu sehen: sie machte sich eine Freude, ihm nachzugeben, und opferte den Umgang mit ihrem alten Bekannten, unter irgend einem Vorwande, auf. So oft aber Luise ihren Mann seitdem bat, ihr vorzulesen, stellte er sich beschäftigt, und es kam nie dazu. Er stellte sich so; denn als seine Frau einst gegen ihre Mutter ihn bedauerte, dass er so viel zu tun hätte, antwortete diese: "Immer ist das wenigstens nicht der Fall, wenn er dich verlässt; denn gestern, zum Beispiel, hat er den ganzen Tag bei uns zugebracht, und Abendsobgleich unter der beständigen Versicherung dass er sehr beschäftigt wäre, – in der Karte gespielt. Jetzt da Luise an ihrer Brustkrankheit einsam darnieder lag, hörte sie ihn oft im benachbarten Zimmer laut lesen: sie bat ihn die Tür offen zu lassen, damit sie zuhören könnte; er schlug es ihr aber mit einer Härte ab, die von jedem mann gegen jedes Weib, vorzüglich aber von einem Gatten gegen seine kranke Frau, unverzeihlich war.

Luise ward endlich geneigt, seinen Unmut, und besonders seine Verweigerung den Arzt bezahlen zu helfen, einer dringenden Geldverlegenheit zuzuschreiben. Aber es ereignete sich bald ein Umstand, der ihr diesen Irrtum benahm. Blachfeld kam eines Abends, unter noch heftigerem Fluchen wie gewöhnlich, von der Maskerade nach haus. Luise erkundigte sich nach der Veranlassung seines Verdrusses, und hörte, dass man ihm sechzig Pistolen aus der tasche gestohlen hätte. Sie bot ihm ihren Schmuck an, um einen Verlust, der ihm so nahe zu gehen schien, einigermaassen zu ersetzen; er sagte aber lachend: "Das wäre das geringste! er hätte über dreimal so viel in seiner Chatulle." Der Widerwille gegen sein Weib stieg endlich so hoch, dass er sein Zimmer ganz vor ihr verschloss, und sie dadurch nötigte, in dem Kinderzimmer, dem einzigen das ihr übrig blieb, eingeschlossen zu bleiben, da zu schlafen, zu speisen, den ganzen Tag zuzubringen. Das Haus war nun ein Bild der traurigsten Zerrüttung. Die Bedienten, welche mit der ungestümsten Härte behandelt wurden, wären nie bei ihrem Herrn geblieben, wenn er ihnen nicht dafür die untätigste und zügelloseste Lebensart verstattet hätte. Hauswäsche, Leinenzeug, Geräte, alles wurde verschleppt, gestohlen, verdorben; und da Luise, durch ihren Mann selbst, ihres Ansehens als Hausfrau beraubt war, musste sie allen diesen Unfug vor ihren Augen dulden. Sie verlor in sechs Wochen mehr Wäsche, als sie durch ein jahrlanges Bemühen und arbeiten angeschafft hatte.

Je mehr sich Luise mit Sanftmut, Ergebung und Geduld bewaffnete, je mehr Kränkungen sie verschluckte, je mehr Beleidigungen sie stillschweigend hingehen liess, je tirannischer wurde Blachfelds Betragen. Sie konnte sich noch nicht überreden, dass alle ihre Opfer vergeblich wären. Es war Karneval: die ganze Nacht wartete sie, durch das Geräusch der Wagen am Schlafe verhindert, und bei einem jeden der vorbeifuhr bildete sie sich ein, er brächte ihren Mann zurück. Wie schlug ihr Herz von banger hoffnung, wenn endlich einer vor der tür hielt, wenn sie den immer noch geliebten Mann zu haus und in ihrer Nähe wusste! Eine Stunde wohl brachte sie dann in der süssen Erwartung zu, wenn er ausgekleidet wäre, wenn er seinen Bedienten fortgeschickt hätte, würde er ihr gute Nacht sagen: denn die Sorgfalt welche ihr Kind forderte, hatte ihr eine hinreichende Ursache geschienen, abgesondert zu schlafen, und sein Verdacht, als wäre dieses nur ein Vorwand, war eine der zahllosen Ungerechtigkeiten die sie