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sich meistens auf den kleinen Zirkel einer Familie anwenden. So lange der Vater lebt, bemüht sich ein jeder der etwas bei ihm sucht, der Tochter zu gefallen; bleibt die Frau nach seinem tod unverheiratet, so schmeichelt man ihren Söhnen, die nunmehr die aufgehende Sonne sind. Statt eines Herrn, herrschten deren jetzt mehrere in Luisens väterlichem haus; und obschon sie für Magd und Kind wohnung brauchte, hatte doch der Bediente eines ihrer Brüder ein ihr gehöriges Zimmer in Besitz genommen; das zweite war von einer Freundinn, die eben bei Luisen zum Besuch war, bewohnt; in dem dritten sehr kleinen, musste sie sich mit Magd und Kind aufhalten. Bei der drückenden Hitze und der beständigen Wartung, die ihre Gesundheit erforderte, ward ihr diese Einrichtung höchst lästig. Luisens Mutter versprach ihr das Zimmer des Bedienten wieder einräumen zu lassen; allein da sich ihre Söhne widersetzten, schlug sie den Weg ein, den man gewöhnlich geht, wenn man sein Wort nicht zu halten gedenkt; sie erzürnte sich gegen die person, der sie es gegeben hatte. Man liess Luisen merken, dass man nicht so genau auf alles halten dürfte, wenn man nur aus gefälligkeit in einem haus aufgenommen wäre. Sie hatte sich mehrmals zu einem Kostgelde erboten: da aber ihre Mutter wusste, dass sie, durch die vor kurzem vorgenommene neue Meublirung von Blachfelds wohnung in M., wieder in Schulden geraten war, so wollte sie nichts davon hören. Jetzt wiederholte sie ihren Brüdern ihr Anerbieten; sie antworteten ihr aber, dass ihre Mutter fürchtete, ihre Forderungen möchten durch diese Einrichtung noch höher steigen. Wie wenig kannte man Luisen! Als Kostgängerinn würde sie sich mit allem begnügt haben; als Kind vom haus tat es ihr wehe, so mancher Demütigung ausgesetzt zu sein. Das Hausgesinde kannte ihre eingeschränkten Umstände, und man schien ihr nur aus Mitleid aufzuwarten. Bei Tische, wo jeder ihrer Brüder, so wie ihre Mutter, einen eigenen Bedienten hatte, ward sie oft ganz übergangen, weil es ihr allein daran fehlte. Ihre Brüder, und Mutter meinten es selbst viel zu herzlich mit ihr, um diese Kränkungen zu bemerken, und Luise, welche errötete sie darauf hinzuweisen, litt das alles stillschweigend. Derjenige von Luisens Brüdern, welcher in dieser Sache den meisten Eifer wider sie bewies, ward jedoch von Bewegungsgründen angeregt, die seiner Redlichkeit zum Ruhm gereichten: er war seiner Mutter Geschäftsmann; und hätte es seinen persönlichen Vorteil betroffen, so wäre er gewiss weniger nachsichtslos gegen seine Schwester gewesen. Er nahm auch in dieser Zeit gelegenheit, Luisen die Summe vorzuwerfen, welche ihr ehemals zur Entschädigung zugestanden worden war, als ihre Mutter Blachfelden an ihren Tisch zu nehmen abschlug. Dieser Vorwurf war äusserst ungerecht: die Heirat war der Wunsch der ganzen Familie gewesen, und ohne diesen Zuschuss hätte Blachfelds damalige Lage sie unmöglich gemacht. Ihr ältester Bruder, der viel Edelmut im charakter hatte, nahm sich seiner Schwester eifrig an, und sagte, dass man Menschen, die man in eine unangenehme Lage versetzt hätte, auch wieder heraushelfen müsste. Warum bringen es doch unsere Sitten mit sich, dass eine Tochter, durch ihre Verheiratung, dem väterlichen haus ganz entfremdet wird, und alle Vorteile eines Kindes verliert? Luisens Brüder waren durch ihre Talente im stand, ihr Brod zu verdienen, und hatten doch Tisch, wohnung, Wäsche, Aufwartung bei ihrer Mutter vor wie nach, Luise war durch ihre Heirat in keinem Stücke versorgt, und schien doch das Gnadenbrodt bei ihrer Mutter zu essen. Der Vorwurf wegen ihres jährlichen Zuschusses kränkte Luisen zu tief, als dass sie nicht gesucht hätte, die Veranlassung dazu zu heben. Sie bat Blachfelden in einem ihrer Briefe um die erlaubnis, auf diese Summe Verzicht tun zu dürfen, und versprach ihm, dass ihr Unterhalt ihm deswegen um nichts höher kommen sollte, indem der Aufentalt in der kleinen Stadt, welche er ihr angewiesen hätte, wohlfeil genug sein würde, um mit sehr wenigem auszukommen. Blachfelds Antwort war voll Ungestüm und Zorn: er befahl ihr, durchaus nicht eher abzureisen, als bis sie sich der ganzen Pension versichert hätte, da doch nie die Rede davon gewesen war, sie ihr mit Gewalt zu nehmen. Er schrieb: dass ihm jeder Ort wo sie lebte gleichgültig wäre, dass er ihr keinen vorgeschrieben hätte, und ihr nicht riete, ihren Wohnplatz an einem ganz fremden Orte aufzuschlagen. Zu eben der Zeit hatte Luise das Unglück, um eine ziemlich ansehnliche Summe bestohlen zu werden. Die wohlmeinende Mutter schrieb darüber an ihren Schwiegersohn, aus Furcht, dass er Luisen beschuldigen möchte, diesen Verlust durch ihre Nachlässigkeit verschuldet zu haben. Er wütele in seiner Antwort gegen seine Frau, warf ihr vor, das letzte Geschenk des Fürsten, das er ihr auf ihre Bitte zur Bezahlung ihrer Bürgleistung gemacht, für sich allein behalten zu haben, und erinnerte sich nicht, dass er in Gegenwart der ganzen Familie jeden Anteil daran von sich abgelehnt hatte; und was noch mehr war, dass Luise es zum teil zur Tilgung seiner eignen Schulden angewendet hatte. Um die Mutter welche, wie die meisten Mütter unter diesen Umständen, ihr Kind sehr ungern abreisen sah, völlig gegen Luisen aufzubringen, sprach er von dieser Reise in die Winterquartiere, wie von einem lächerlichen Einfall Luisens, dem er sich immer widersetzt hätte. Statt aller Antwort auf diese Beschuldigung, holte Luise drei aufeinander folgende Briefe ihres Mannes, in welchen er sie auf das dringendste und zärtlichste