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. Luise zitterte für ihr geliebtes Kind; sie beschwor die Amme, es in solchen Augenblicken von Gemütsbewegung nicht an die Brust zu legen. Das Weib bestand eigensinnig darauf, und geriet in die heftigste Wut. Luisens Angst und Unruhe stieg so hoch, dass sie in Gefahr stand, ihren Verstand aufs neue zu verlieren. Sie wusste dass es dem kind besser wäre, bei Milch und wasser aufgezogen zu werden; aber aus Furcht vor ihrer guten Mutter, deren Vorurteile über diesen Punkt sie kannte, wagte sie diese Veränderung nicht. Um ihr Kind zu retten, blieb Luisen kein anderes Mittel, als den Launen jenes Drachen nachzugeben; denn sobald die Amme ihrer Gewalt über Luisens furchtsame Mutterliebe sicher war, legte sie ihren Leidenschaften keinen Zügel mehr an. Von der einen Seite machte sie die Ungewohnheit einer müssigen, weichlichen Lebensart übermütig; von der andern reizte sie die Misshandlung ihres brutalen Liebhabers täglich zum Ärger, und diese Misshandlung selbst schien sie doch täglich mehr an ihn zu fesseln. Um dieses unleidliche geschöpf, dem Luise doch genötigt war ihr Kind zu überlassen, durch einen ungewöhnlichen Lohn zu einer grösseren Sorgfalt für ihren Säugling zu bewegen, schlug man Luisen vor, die einzige Magd welche sie unterhielt, ein junges Mädchen, das ihr sehr ergeben, und von ihr selbst geliebt war, abzuschaffen. Es war grausam, von ihr zu fordern, dass sie das einzige geschöpf, das ihr nicht fremd war, entfernen sollte; denn so sehr ihre Mutter sie liebte, konnte sie wegen der Krankheit ihres Sohnes nur wenig bei ihr sein. So oft diese wohlmeinende Frau auch Luisens zu zartes Gefühl verwundete, und ihr besonders jetzt merken liess, dass ihre Krankheit ihr zur Last fiele, war sie doch zu gütig, um nicht diesesmal ihrer Tochter Bitten nachzugeben. Sie erlaubte ihr die Magd zu behalten, obschon sie ihr persönlich zuwider war; wie denn Luise das Unglück überhaupt hatte, dass alle Menschen welche sie liebte, ihrer Mutter missfielen: dies ging so weit, dass sogar Blachfeld nach dem Maasse wie er in Luisens Herzen Fortschritte machte, ihr unangenehm zu werden angefangen hatte.

Luise hätte alles Ungemach ihrer Lage mit Freuden ertragen, wenn Blachfeld ihr die mindeste Teilnahme bezeugt hätte; allein Luisens Prophezeihung vor ihrer Heirat traf nun ein: das Geräusch der Waffen übertäubte sein Herz, die Vaterfreude war ihm überdem nicht neu, und dieses Gefühl, welches oft den wildesten Sinn bezähmt, glitt leicht an dem seinigen vorbei. Er schrieb seinem weib nicht einmal, um ihr für das Geschenk, welches sie ihm mit seinem kind gemacht hatte, zu danken. Eine kalte Antwort auf den Brief, den er bei dieser gelegenheit von seiner Schwiegermutter bekam, entielt diese Worte: "Ich bitte Sie, meine Frau meiner Liebe zu versichern." Von allem was Blachfeld für Luisen hätte fühlen können, wäre ja Liebe die letzte Empfindung gewesen, die sie jetzt von ihm forderte; Teilnahme wünschte sie. Hätte er zum Beispiel geschrieben: wie befindet sich Luise? hat diese Krisis eine gute wirkung auf ihre Gesundheit gehabt? gewinnt die Freude Mutter zu sein die Überhand über ihre gewöhnliche Schwermut? Bedenken Sie, liebe Mutter, wie schädlich ihr jetzt jede Gemütsbewegung wäre. Sie kennen die Reizbarkeit ihrer Nerven, ihr gar zu zartes Gefühl: ich beschwöee Sie darauf Nücksicht zu nehmen, und meiner ewigen Dankbarkeit versichert zu sein, u.s.w. Hätte er nur so geschrieben, Luise wäre zufrieden gewesen. Die drohenden Folgen von Luisens Kindbett, welche durch Vertreibung der Milch entstanden, hatte ihm Madame N., aus Furcht ihn zu beunruhigen, erst nach vorübergegangener Gefahr geschrieben. In seiner Antwort berührte er diesen Umstand mit keiner Silbe, aber er kam dafür auf die Vergangenheit zurück, und beklagte sich über die Beschwerlichkeiten, die er vorigen Winter durch die häufigen Reisen zwischen seiner Garnison und D. erlitten hätte. Er hatte also völlig vergessen, dass die ganze damalige Einrichtung mit seinem Beifall und zu seinem Besten getroffen worden war. Luise blieb jenen Winter über bei ihrer Mutter, um ihn, da er den Tisch bei seinem General hatte, und also keiner eignen Wirtschaft bedurfte, die Abtragung seiner Schulden zu erleichtern. Wankelmut und Laune schienen aber in seinem Betragen gegen seine Frau einmal die Oberhand zu haben, und alle Bemühungen seinen Unmut zu entwaffnen, blieben vergeblich.

Luise war, aus Anraten der Ärzte, welche eine Ortsveränderung für das einzige Rettungsmittel bei der ihr nach ihrem Nervenfieber drohenden Auszehrung hielten, in die Stadt gezogen. Der Wunsch, ihres Mannes häusliche Umstände endlich durch die strengste Sparsamkeit völlig ins Reine zu bringen, vermochte sie aber, sobald ihre Gesundheit hergestellt war, der rauhen Jahreszeit zum Trotze, denn es war im Anfange des Winters, mit ihrem kind das Gut ihrer Mutter zu beziehen. Dieses Opfer war um so grösser, als sie dort ohne allen Umgang war. Die Nachbarschaft bot ihr, so wie der Ort selbst, keine Gesellschaft dar, und ihre Mutter brachte den ganzen Winter in D. zu. Ihre Schwäche erlaubte ihr keine Spaziergänge zu Fuss, und Pferde zu mieten liessen die grenzen nicht zu, die sie ihren Ausgaben vorgeschrieben hatte. Sie hatte das Vergnügen ihren Zweck zu erreichen, indem sie eine Summe abzahlte, welche Blachfeld aufgenommen hatte, um sie in die Wittwenkasse einzukaufen. Diese Schuld schien ihr für einen Ehrenmann um so drückender, als sein Gläubiger die Grossmut so weit getrieben hatte, keine Interessen für dieses kleine Kapital nehmen