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Luisen den Rat, ihnen zu schreiben, ihnen ihre Besorgnisse wegen ihres Zustandes zu entdecken, und sie um ihre Fürsprache bei ihrer Mutter wegen einer Gunst zu bitten, welche diese gute Mutter selbst sehnlich zu gewähren wünschte. Luise hatte vor allen versteckten Planen und abgekarteten Anschlägen einen Abscheu; sie hatte ausserdem Ursachen sich über diesen Gegenstand nicht weitläuftig gegen ihre Brüder auszulassen. Wie sehr wurde sie betroffen, als ihr, da es endlich zur Sprache kam, ihre Brüder vorwarfen, durch ihre Zudringlichkeit ihrer Mutter diese Last aufzubürden, vor welcher sie sich bei ihrem Alter und ihrer Kränklichkeit so sehr scheute, dass sie ihre Einwilligung nie gegeben hätte, wenn es möglich gewesen wäre, ihren Forderungen auf eine andere Weise ein Ende zu machen. Es ward Luisen sehr schwer, sich so unverdient der Zudringlichkeit, der Selbstsucht zeihen zu lassen; aber um ihre Mutter nicht bloss zu stellen, musste sie es geduldig leiden und schweigen. Ihre Brüder rieten ihr, an Blachfelden zu schreiben, damit er ihr erlaubte, eine wohnung in der Stadt zu mieten. Wenn ich, setzte einer von ihnen hinzu, auf dem Punkt stände Vater zu werden, würde ich wenigstens dafür sorgen, dass es meiner Frau nicht an der nötigen hülfe gebräche. Der Rat war gut; allein in Rücksicht auf Blachfelden sehr übel angebracht. Luise wusste, dass er während ihrer Gemütskrankheit sich geweigert hatte eine wohnung zu bezahlen, die ihre Mutter in D. bei einer sehr verdienstvollen Frau mieten wollte, deren gutes Herz so sehr litt, als sie die unbarmherzige Art erfuhr, mit welcher man Luisen auf dem Gute begegnete, dass sie sich äusserte, sie gern für das Dritteil des geforderten Preises zu sich genommen zu haben, wenn sie das hätte voraussehen können. Nach dieser Erfahrung wagte es Luise nicht, ihrem mann einen ähnlichen Vorschlag zu tun, sondern sie quälte sich einige Tage mit den ängstlichsten Besorgnissen. Ihre Unruhe wirkte so sichtbar auf sie, dass einige Freunde ihre Mutter davon benachrichtigten, welche darauf mit ihren Söhnen sprach, und es dahin brachte, dass sie Luisen einstimmig nach D. einluden. Innigst von der Güte ihrer Mutter und der Nachgiebigkeit ihrer Brüder gerührt, beschloss Luise nun keinen Gebrauch davon zu machen, und das frohe Leben dieser jungen Leute nicht durch ihr Krankenbett zu stören. Sie schob ihre Reise auf, verhehlte sogar den Anfang ihrer Schmerzen, und kam auf dem Gute der Mutter mit einer Tochter ins Kindbett. Es gehörte ein an Leiden und Vernachlässigung gewöhntes geschöpf dazu, um alle Unannehmlichkeiten ih, rer Lage zu ertragen. Ihr Bett war in D. zurecht gemacht; auf dem Gute hatte sie nichts als eine unbequeme Schlafbank, die in einem Zimmer stand, welches ihr in jeder Rücksicht verhasst sein musste, da sie dort die qualvolle Epoche ihrer Gemütskrankheit verlebt hatte. Dieses Zimmer befand sich zwischen dem Vorsaal und einer Vorratskammer, in welcher alle Bedürfnisse des Haushalts aufbewahrt wurden, so dass es dem Hausgesinde jeden Augenblick zum Durchgang diente. Man trat ohne die geringste Vorsicht auf, dass der Fussboden zitterte; man warf die Türen, dass Luise erschrocken aus jedem Schlummer auffuhr. Ihre Nerven, die von ihrer Krankheit her sehr geschwächt, und bei ihrer Niederkunfe um so mehr angegriffen waren, als sie sechs Stunden litt, ehe sie hülfe begehrte, konnten sich unter diesen Umständen nicht erholen. Ihre Mutter, die es herzlich gut meinte, glaubte dass Luisens Schwäche aus Mangel an Nahrung entstünde, und zwang sie unaufhörlich Speise zu sich zu nehmen; allein jedesmal wenn Luise ihren Eckel überwand, und um ihrer Mutter die Vorstellung, als faste sie aus Eigensinn, zu benehmen, etwas ass, ergriff sie ein so heftiges Erbrechen, dass ihre Kräfte vollends unterlagen.

Nie fühlte ein Weib so lebhaft wie Luise das Glück Mutter zu sein; ihr liebenswürdiges Kind schien ihre Liebkosungen schon durch sein süsses Lächeln zu erwiedern. Sie drückte es an ihre Brust, mit dem brennenden Wunsche es daraus zu nähren: allein ein strenges Verbot ihrer Mutter verhinderte sie daran; sie sei zu schwach, hiess es. Grausames Vorurteil! wo die natur Kraft zu schaffen hat, fehlt ihr nie die Kraft zu ernähren. Luise hatte sich während ihrer ganzen Schwangerschaft geschont, um diese heilige Mutterpflicht zu erfüllen. Es war ihr gelungen einen Überfluss von Milch zu haben; sie war rein, gesund, – umsonst, man vertrieb sie mit Gewalt. Luise litt unsäglich, die Milch trat in das Blut, warf sich auf ihre Nerven, und verursachte ihr ein Fieber, das ihre Kräfte drei Monate lang verzehrte. Ihre Niederkunft war glücklich gewesen; man glaubte also für nichts weiter sorgen zu dürfen, man beobachtete keine Art Schonung gegen sie. Einige Stunden nach ihrer Niederkunft las man ihr einen Brief ihres Bruders vor. Sie glaubt dass er Glückwünsche rutalten wird: nein, er schreibt, dass er das Fieber hat, dass er nach seiner Mutter verlangt; er äussert Unzufriedenheit darüber, dass seiner Schwester Wochenbett alles aus seinem gewöhnlichen Gange bringt. Die Mutter weint, spricht von dem nahen tod ihres geliebten Sohnes, und Luise bittet sie eifrig zu ihm zu eilen, und ihn mit eignen Händen zu pflegen. Sie reist ab, nimmt die Kammerfrau und Köchinn mit, und lässt Luisen mit der Wärterinn, welche den Haushalt versehen muss, und einer unerfahrnen Amme allein. Dieses verkehrte geschöpf war über die Untreue ihres Liebhabers, der sie verführt hatte, in Verzweiflung; sie benetzte ihren Säugling unaufhörlich mit Tränen