vergraben weiss, wo es dann rettungslos austoben mag; dahingegen jeder mögliche Schritt, es zu verbessern, das allgemeine Skandal nur vermehren, und auch in der Tat, durch die Konvenienz, wesentlich unwirksam gemacht würde. Wenn einzelne feinere Seelen sich entsetzen, dass unter solchen Menschen solche Gräuel vorgehn, wenn sie gar dem Schein von Schwärmerei und Bizarrerie, von Don Quixottismus, genug trotzen um helfen zu wollen, so finden sie doch gar bald, dass dieser Schein nicht umsonst auf ihr Bestreben geworfen ist, dass er deswegen da ist, damit es ihnen unmöglich sei, in solchen Dingen etwas gut zu machen. Und die kleinere Anzahl von vertrauten Freunden oder Angehörigen des Hauses, denen selbst das Publikum das Recht zugestehen würde, sich um die Angelegenheiten desselben zu bekümmern: – o wie wenig hätte die Konvenienz ihren Vorteil verstanden, wenn sie nicht auch deren Recht so beschränkt und verklausulirt hätte, dass es ihrer herrschaft nicht gefährlich würde! Schwerlich wird ein unbefangener Leser der folgenden geschichte sich entbrechen auszurufen: War denn kein Mensch barmherzig genug, um Luisen aus den Händen ihrer Henker zu erlösen? Hätte man der Mutter, welche mit alrer Zärtlichkeit für ihre Tochter sie ihrem Stolze aufgeopfert hatte, und von den Ruten fühlloser Mietlinge zerreissen liess, da ihr Zustand sie der Nachsicht, der Pflege die man keinem Säuglinge versagt, bedürftig machte, hätte man ihr nicht ihre Pflicht mit strengem Ernst vorhalten sollen? Konnte denn kein einfaches vernünftiges Weib schon vorher, zur rechten Zeit, zu Luisen sagen: "Junge Frau, mit dieser romanhaften Zärtlichkeit, dieser Ebbe und Flut von Gefühlen, fesselt man wohl einen jungen unbärtigen Liebhaber; aber sie beglückt keinen Ehemann, der nicht von Zeit zu Zeit Sonn- und Festtagskost, sondern in seinem haus täglich seine behagliche physische und moralische Existenz sucht, und fordern darf?" gibt es für diejenigen, die den platonischen Vertrag zwischen Luisen und ihrem Gemahl kannten, und ein Recht hatten drein zu sprechen, eine Entschuldigung, dass sie ihn jemals zugaben? Dass Blachfeld ihn einging, war so natürlich, dass er ein fühlloser Wilder gewesen wäre, wenn er es nicht getan hätte; aber ein Tor, oder etwas, selbst nach platonischen Begriffen die das Verdienst doch wohl in der Überwindung setzen, höchst verdienstloses wäre er gewesen, wenn er nicht, indem er sein Wort gab, sicher gerechnet hätte, dass natur Liebe und Pflicht ihn vor Ablauf der Frist davon lossprechen würden. War aber die Veranlassung zu diesem Vertrag unwiderruflich in Luisens charakter, vielleicht gar in ihren physischen Anlagen gegründet, so war die Ehe ihre Bestimmung nicht, und man musste sie nicht verheiraten: war sie bloss die Geburt überspannter Gefühle, verkehrter Begriffe von Liebe und Glück, oder falscher Besorgnisse wegen ihrer Gesundheit, so musste das unerfahrne Mädchen eines Bessern belehrt werden, ehe ihr erlaubt wurde Pflichten zu übernehmen, die für sie um so schwerer und heiliger waren, als weder Neigung noch Vernunft, sondern Eitelkeit und Konvenienzen die Heirat schlossen; und also weder Kopf noch Herz, sondern der kahle dürre Buchstabe bürgerlicher Pflicht, über das Glück dieser Ehe zu wachen hatte. Das Ansehen, welches die gute Luise am meisten ehrte, mischte sich gerade hierin nicht: die stimme der Freundschaft, – Leidet die Konvenienz denn Freundschaft? Unter Jünglingen trifft man zuweilen noch eine Spur von dem Urbilde der Freundschaft, gegenseitiges Mitteilen, und Beistehen mit Geist Herz und Beutel: aber das reifere Alter, welches uns immer als das Ziel der Weisheit angerühmt wird, und welches die Konvenienz zum grab der schönen Menschlichkeit gemacht hat, trennt dieses Band. Ein vernünftiger Mann hat keine Freunde mehr, er hat Kollegen, er hat standesmässigen Umgang, und wenn die Frau barmherzig ist, so darf er wohl gar Tisch- und Trinkgenossen haben, aber einen Freund? – welch ein Romanenbegriff! Wenn man Weib und Kinder hat, vergeht einem das schon von selbst. Weiberfreundschaften aber tragen nicht einmal eine Jugendblüte; sie sind die Geburt des elterlichen Drucks, der Eitelkeit, der Gewohnheit, der leeren Empfindelei, öfters der Intriguensucht, und je grösser der Ort, je höher der Stand, je reifer das Alter, desto seelen- und herzloser werden sie. Wie würde das Tribunal der guten Gesellschaft sich empört haben, wenn ein wohlmeinendes Weib sich Luisens noch vor ihrer Heirat angenommen, und zu ihr gesagt hätte: "Prüfen Sie sich, und finden Sie sich stark genug, um Ihrer Mutter Missfallen zu ertragen, finden Sie, dass es bloss Vorurteil und Hochmut ist, was sich der Wahl Ihres Herzens entgegen setzt, so bleiben Sie bei dieser, beweisen Sie durch das Glück Ihrer Ehe, durch Ihre Verdienste als Weib, dass ihre Eltern irrten, zwingen Sie so Ihre gute Mutter, sich Ihres Glückes zu erfreuen; wo nicht, so müssen Sie doch immer mit Ernst und Kraft jedes Mittel erforschen und anwenden, um auch in diesem verhältnis nicht unglücklich zu sein; so dürfen Sie nicht l e i d e n , und indem Sie sich für Ihre Mutter zu opfern wähnen, sie durch Märtirertum für den Zwang, den sie Ihnen antat, strafen!" Wehe der Kühnen, die eine solche Alternative aufgestellt hätte! der Stab ward über sie gebrochen. Als nun aber Luise zu ihrer Heirat beredet war, hätte man ihr nicht auch dann noch richtigere Begriffe von der Autorität ihrer Mutter, von dem Einfluss ihrer übrigen Familie auf ihr eigenes Tun, beibringen können? Hätte man sie