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Blachfelds Sachwalter war ein Rabulist, den man beschuldigte, schon mehr als einen gütlichen Verein zwischen Eheleuten verhindert zu haben. Dieses gelang ihm zwar nicht in Blachfelds Sache; allein er legte Luisen eine Schrift zur Unterzeichnung vor, die ganz zu Blachfelds Vorteil abgefasst war. Luise gestand darin ein, dass sie ihren Mann durch unverträgliche Laune zu einer Trennung gezwungen hätte, und dass er, wenn die Dinge je wieder auf diesen Punkt kämen, von jeder Verbindlichkeit gegen sie freigesprochen sein sollte. Luise fand diese Klausel höchst abgeschmackt Unter allen Klagen welche ihr Mann gegen sie geführt hatte, war Unverträglichkeit und üble Laune nicht mitbegriffen gewesen, und er hatte sogar mehrmals von ihr gesagt, dass sie von Eigensinn und Launen ganz frei wäre. Allein was konnte Luise in diesem Augenblick beschliessen? Blachfeld hielt sie in seinen Armen, und bat sie zu unterschreiben, um diesen Wohnsitz der Chikane so schnell als möglich zu verlassen. Luisens Advokat sagte ihr ins Ohr: "Unterzeichnen Sie nur: es sind hier Zeugen genug gegenwärtig, welche im Fall der Not beweisen können, dass Sie überredet wurden." Luise unterschrieb endlich ihren Namen, und der Friede war geschlossen. Allein wie ängstlich und unsicher war dieser Friede? wie abhängig von den Launen eines Mannes, dessen Härte und Wankelmut sie nur zu deutlich kennen gelernt hatte? Ein Mittel wäre noch gewesen. ihre Unschuld und ihr Recht geltend zu machen. Es gab in jenen land einen Gerichtshof, dessen unbestechliche Unparteilichkeit allen Tribunälen zum Muster dienen sollte; an diesen zu appelliren stand Luisen frei: allein ihre Mutter hing zu fest an dem hergebrachten Vorurteil. Sie zitterte, den guten Ruf ihrer Tochter durch einen längeren Rechtsstreit leiden zu sehen, und ohne sie zu einer Aussöhnung zu überreden, beschwor sie Luisen, sich nicht bei einer höhern Instanz zu melden. Diese Bitten wirkten mächtiger als jeder andre Zwang, um ihre Aussöhnung zu stand zu bringen, und ihre Mutter hatte von neuem hoffnung, dass die Ehe ihrer Tochter eine glücklichere Wendung nehmen würde.

Blachfeld hatte indessen einige Schulden gemacht. Um sie mit mehrerer Leichtigkeit bezahlen zu können, verstand sich Madame N. dazu, ihre Tochter noch auf sechs Monate zu sich ins Haus zu nehmen, und Blachfeld liess es dabei bewenden, ihr eine Kleinigkeit für Holz und wohnung zu zahlen. Bald aber sah sich Luise mit einem neuen Rechtshandel bedroht. Die Bürgschaft welche sie, wie schon gemeldet worden ist, vor ihrer Heirat geleistet hatte, erforderte jetzt eine schleunige Zahlung; und um ihre Verlegenheit zu vermehren, äusserte ihre Mutter, wenn gleich mit vieler Sanftmut, dass sie die Blachfelden vorgestreckte Summe zurück zu haben wünschte. Ihr blieb in dieser peinlichen Lage nur ein Mittel, das sie mit Zutrauen ergriff. Sie schrieb an den Fürsten, in dessen Diensten ihr Vater gestanden hatte, und erinnerte ihn an das Versprechen, das er ihrem Vater gegeben hatte, für seine Tochter, als das einzige seiner Kinder, deren Talente ihr nicht zum Broderwerb dienen könnten, vorzüglich zu sorgen; sie entdeckte ihm ihr jetziges Bedürfniss. Der gute Fürst schickte ihr die erforderliche Summe, und ausserdem die Anweisung auf eine jährliche Pension von dreihundert Talern. Manches Weib hätte vielleicht diese gelegenheit eifrig ergriffen, um sich von ihrem mann unabhängig zu machen; aber Luisen war dieser Wunsch so fremd, dass sie unverzüglich eilte, Blachfelden zum unumschränkten Herrn der Pension zu machen, und sich nur das kleine Kapital vorbehielt, um ihre und Blachfelds Schulden zu bezahlen. Um den Eindruck dieses günstigen Vorfalls und ihrer Uneigennützigkeit bei Blachfelden auszulöschen, musste sich ein unglückliches Missverständniss in den Weg stellen. Luise hatte ihm kurz vorher einen zärtlichen Brief geschrieben, in welchem sie aber die Unvorsichtigkeit beging, ihn auf eine feine Art darüber aufzuziehen, dass er, wie man ihr versichert hatte, allentalben behauptete, eine Stelle ausgeschlagen zu haben, die niemand den Einfall gehabt hatte ihm anzubieten. Dieser Scherz war bei dem Verhältnisse der beiden Eheleute gewiss so unschicklich, als gegen einen Mann überhaupt übel angebracht: allein Blachfelds ungestümer Verdruss strafte Luisen noch härter als sie es verdient hatte. Er schickte ihr die zerrissenen Stücke ihres Briefes zurück. Diese Härte verhinderte Luisen nicht, ihm den neuen Beweis der Gnade ihres Fürsten zum Opfer zu bringen. Es lag in ihrem charakter, dann am sanftesten und nachgebendsten zu sein, wenn das Glück ihr lächelte. Blachfeld hatte indess gefühlt, dass Luisens übereilter Scherz keine so harte Strafe verdiente, und schrieb ihr einen zweiten Brief, in welchem er sie um Verzeihung bat, und ihr meldete, er würde selbst nach D. kommen, um die Aussöhnung zu versiegeln. Durch einen Zufall kam der Brief zu spät in Luisens hände, so dass sie nicht mehr Zeit hatte vor Blachfelds Abreise darauf zu antworten. Blachfeld hielt also Luisens zweiten Brief, in welchem sie ihm das Geschenk des Fürsten meldete, für die Antwort auf sein reuiges Schreiben, und fand in ihrer Grossmut nun weiter gar kein Verdienst, sondern ward noch obendrein empfindlich, dass sie über seinen bevorstehenden Besuch keine Freude bezeugte. Luise erwartete ihn indessen mit Ungeduld, und ging ihm bei seiner Ankunft so eilig entgegen, dass sie strauchelte, und einen Fall tat, der, ausser dass er sie schmerzlich verwundete, ihr die gefährlichsten Folgen hätte zuziehen können, da sie sich in dem Anfange einer Schwangerschaft befand. Blachfeld, zu ungestüm, um mit einer andern idee als der des ihm vermeintlich getanen Unrechts beschäftigt zu sein, überhäufte sie mit Vorwürfen,