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als Blachfeld hereintrat. Seine erste Bewegung war zu fliehen; sie hielt ihn aber zurück, und bat um Gehör. Das Buch fiel ihr aus der Hand; Blachfeld hob es auf, und da er den Titel erblickte, nahm er gelegenheit ihr Verweise zu geben, indem er sagte: dieses Buch verdrehe allen jungen Leuten den Kopf, und habe den ihrigen auch verdreht. Er hatte vergessen, wie sehr er ihr ehemals anlag, dieses Werk mit ihr lesen zu dürfen. Luise hatte es unter ihres Vaters Aufsicht gelesen, und neue Liebe für die Tugend, und Abscheu gegen das Laster daraus geschöpft. Was Blachfeld jetzt sagte, bewies Luisen nur, wie sehr er sich an ihr irrte; und es gab ihr zugleich hoffnung, ihn zurück zu bringen, weil alle seine Irtümer aus dieser Quelle fliessen konnten. Sie hörte ihm also geduldig und mit Ergebung zu, und gab ihm in allen seinen Vorwürfen Recht. Er erlaubte ihr dagegen eine Magd zu mieten, und bat sie, zu ihrer Mutter auf das Gut zu gehen, von wo er sie selbst nach der Garnison abholen wollte; er dankte ihr sogar, den Brief an ihre Mutter zurückbehalten zu haben. Luise eilte seinen Wünschen nachzukommen, und ihrer Mutter die günstige Wendung ihrer Angelegenheiten mitzuteilen.

Blachfeld kehrte indess nach M. zurück, wo er Zeit hatte, sein eben gegebenes Versprechen zu bereuen. Er sah dass seine Waffenbrüder, unter denen die meisten brave Hausväter waren, sich alle überflüssigen Ausgaben, alle unnützen Lustbarkeiten versagten, um für das Beste ihrer Familie zu sorgen. Diese Einschränkung missfiel ihm, zumal da er seit den achtzehn Monaten, wo ihm der Unterhalt seiner Frau gar nichts kostete, deren entwöhnt war, und seit seiner Reise noch mehr Geschmack an Zerstreuung bekommen hatte. Er schrieb dem zu Folge an seine Schwiegermutter, dass Luise seinen ersten Brief an sie aufgehalten, dass er sie seitdem zwar gesprochen hätte, aber durch ihre Vorwürfe nur noch mehr erbittert worden wäre. So kam Luise wieder unter die Aufsicht der Madame N., die jetzt durch alle diese Umstände gegen das arme Weib so aufgebracht war, dass sie ihrer Mutter Herz, ihre einzige letzte Stütze verlor. Umsonst beteuerte Luise ihre Unschuld: man war überzeugt, dass sie Blachfelden bei ihrer letzten Zusammenkunft seine Untreue vorgeworfen hätte, welches doch so falsch war, dass sich Blachfeld selbst gegen einen seiner Freunde rühmte, er hätte diese stolze Seele endlich gedemütigt. War es nicht genug, ein harmloses geschöpf aus dem Schoosse des Überflusses zu reissen; durch tausend schöne Raisonnements, tausend wohl angebrachte Anmerkungen über die Fehler anderer Ehemänner, sich endlich das Zutrauen des truglosen Herzens zu erwerben: musste er sie noch, nachdem sie Annehmlichkeit des Lebens, Gesundheit, Vernunft und Glück geopfert hatte, endlich gar verstossen? sie fühlen lassen, dass sie geringer als der letzte Knecht geachtet würde? Denn wenn dieser im Dienst erkrankt wäre, so hätte Blachfeld ihn verpflegt! Der Anblick des mütterlichen Kummers zerfleischte Luisens Herz. Sie wagte noch einen Versuch, und schrieb an Blachfeld. Seine Antwort bewies ihr, wie vergeblich alle hoffnung war: er fuhr fort seiner Schwiegermutter die bittersten Vorwürfe darüber zu machen, dass sie ihm nicht bei zeiten entdeckt hätte, wie Luise einer Gemütskrankheit ausgesetzt wäre, indem dieses Bewusstsein ihn von aller weitern Bewerbung abgehalten haben würde. Und doch hatte ihm Luise über diesen Gegenstand alles gesagt, alles geschrieben, was die erfahrensten Ärzte ihm hätten sagen können. Sie hatte ihm die umständlichste Beschreibung ihrer Schwermut gemacht: aber gewöhnt, sich von seinen Leidenschaften beherrschen zu lassen, hatte er sie aus einem Anfall von Laune zu seinem weib gemacht, und nun machte er sie zu seinem Opfer. Endlich langte ein dritter Brief bei der Mutter an, worin Blachfeld fortfuhr ihre Tochter in einem gehässigen Lichte darzustellen, indem er um eine Zusammenkunft bat, und es zur Bedingung machte, (ein Beweis wie wenig er selbst seiner guten Sache traute) dass Luise nicht gegenwärtig sein sollte. Madame N. hatte die Schwäche, sich dazu zu verstehen. Die Zusammenkunft fand statt, und Blachfeld legte die Bedingungen vor, unter welchen er seine Frau wieder aufnehmen wollte. Das unglückliche Weib sollte auf dem nämlichen fuss in seinem haus wohnen, den sich seine Maitressen hatten gefallen lassen. Wie Luise diesen demütigenden Vorschlag erfuhr, stürzte sie ihrer Mutter zu Füssen, und gelobte, lieber wie Magd zu dienen, als um diesen Preis in ihres Mannes haus zu leben. Blachfeld schwor sich für diese Weigerung zu rächen. Ein Abgrund von Abscheulichkeit öfnete sich nun vor Luisen. Blachfeld schleppte sie von Gerichtshof zu Gerichtshof; er setzte sie den bittersten Kränkungen aus. Er las öffentlich ihre Briefe vor, die sie ihm in der Zeit geschrieben hatte, wo sie auf seine Redlichkeit als auf ihre unerschütterlichste Stütze vertrauend, ihm alle ihre geheimsten Gedanken, ja sogar die Träume, über welche sich ihr furchtsames Gewissen Vorwürfe machte, mitgeteilt hatte. Abscheu und Mitleid bemächtigten sich selbst der Richter, und machten sie zu ihren Verteidigern. Endlich wurden Blachfeld und seine Frau gegen einander verhört. Blachfeld erblickte Luisen, und seine Tränen flossen. Sie sah seine Rührung, und alles war vergessen. Sie warf sich in seine arme und versprach jeden Vorschlag einzugehen; und Blachfeld war grossmütig genug, Luisens Bedingungen jetzt anzunehmen, und feierlich zu unterzeichnen. Luisens Ruhe wäre vielleicht in diesem Augenblick auf immer begründet worden, wenn die Einmischung eines dritten ihr nicht neuen Kummer zubereitet hätte.