zu versuchen, ob vielleicht der Zauber der Musik ihren verwirrten Geist zurückriefe. Guter Mann, was hatte jetzt dein Herz gestählt? Konntest du ohne eigne Untersuchung, auf den Bericht eines Menschen hin, der seiner Frau in ihrer Krankheit nie so viel Güte als du bewiesen hatte, deine Schwester so lange Zeit mit dem hartnäckigsten Misstrauen behandeln? Wusstest du nicht, dass dein kaltes Mitleid weit beleidigender als tröstend war?
Luise war jetzt in einer sehr traurigen Lage. Ihr Gemahl sagte sich von ihr los, und sie hatte doch um seinetwillen alle Vorteile verloren, die ihr das väterliche Haus sonst darbot. Alle Zimmer bei Madame N. waren besetzt: allein lieber als auf das Gut zurückzugehen, begnügte sich Luise mit einer kleinen dunkeln kammer, wo sie aus Mangel an Luft fast erstickte. Wie die Jahreszeit herankam, wo ihre Mutter auf das Gut musste, um die persönliche Aufsicht über ihre Arbeiter zu führen, hatte Luise zwar mehr Platz; aber sie war ohne Magd zur Aufwartung, und um ihre Kränkung zu vollenden, traf es sich, dass der einzige Bediente eines ihrer Brüder, welcher ihr aus Mitleid das Essen aus der Garküche holte, in den ersten glücklichen Tagen ihrer Ehe bei Blachfelden gedient hatte, welcher ihn oft mit Stockschlägen misshandelte, und endlich mit der Beschuldigung, ihn bestohlen zu haben, fortjagte. Luisens Bruder hatte ihn seitdem in seine Dienste genommen, und nach Art dieser armen Leute, deren Erziehung nicht dazu gemacht ist, ihr Gefühl zu berichtigen, liess er sie nun ihres Mannes Härte entgelten, verweigerte ihr oft seine Dienste, und sie musste es selbst mit anhören, dass er zu seinen Kameraden sagte: "Die Zeit ist vorbei, wo ihr Mann mein Herr war!" Mit Geld kann man alle Herzen gewinnen; aber dieses Mittel stand nicht oft in Luisens Gewalt. denn sie hatte zur Bestreitung ihres ganzen Unterhalts nichts als das Taschengeld, welches ihr als Mädchen ausgesetzt worden war, und von ihrem mann mit keinem Pfennige vermehrt wurde. Wenn die Winke, die man Luisen damals gab, dass er dieselbe Zeit, wo sie einsam fast gegen Mangel kämpfte, in Lustbarkeiten und Wohlleben hinbrächte, einigen Grund hatten, so musste sein ehemals so edles Gefühl schon sehr ausgeartet sein.
Das Betragen von Luisens älterem Bruder kann sehr tadelhaft scheinen: allein es entstand nur aus menschlicher Schwäche. Seine fortwährende Furcht vor einem neuen Anfall von Wahnsinn hielt ihn ab, mit seiner Schwester zu speisen, und lag ihm so am Herzen, dass er selbst, wenn er Damengesellschaft hatte, sie nie einlud. Er bewarb sich damals um ein sehr reizendes Frauenzimmer, und die Zerstreuung welche dieser Plan ihm gab, trug sehr dazu bei, seine Teilnahme an seiner Schwester zu schwächen, Ausserdem glaubte er, dass eine Vereinigung zwischen Luisen und ihrem Gatten um seines eigenen Glückes willen notwendig sei, und hoffte durch Kränkungen und Vernachlässigung sie so weit zu bringen, dass sie endlich von selbst darnach verlangen sollte. Luise wat nicht verzärtelt: wenn sie aber ihren Bruder täglich in einer glänzenden Kutsche von zwei Lakaien begleitet ausfahren sah, indess sie, deren arme schwache Beine sie kaum fortschleppten, zu fuss ausgehen, oder bei dem schönsten Wetter eingesperrt bleiben musste, stieg wohl Bitterkeit in ihrem Herzen auf. Sie konnte sich dann nicht entalten zu denken: Würde ich mehr leiden müssen, wenn ich mich geweigert hätte, meine Neigung euren Vorurteilen zu opfern? Indessen zürnte sie ihrem Bruder deswegen nicht: er hatte ihr ehemals zu viele Beweise seiner Zärtlichkeit, seines unbegränzten Zutrauens gegeben. Jetzt war er nur mit seiner Liebe zu sehr beschäftigt, um an sie zu denken. Aber Blachfeld, für den sie alles geopfert, für den sie Leben und Seligkeit gegeben hätte, – dieser schrieb ihr nicht einmal ein Wort. Zu ihr kommen konnte er nicht, denn der Fürst hatte ihn mit einem Auftrage verschickt; aber zu schreiben hielt ihn nichts ab. Indessen hätten die Grundsätze, die er in dieser Zeit über Ehe und Freiheit der Neigungen äusserte, Luisen auf den Schlag der sie bedrohte, vorbereiten können. Menschen die ihn damals sich mit seinen grundsätzen brüsten hörten, konnten kaum glauben, dass es derselbe Mann wäre, der sich so hartnäckig und mit so zahllosen Mitteln um die Hand einer Frau bemüht hatte, die er jetzt zu verstossen wünschte.
Endlich erhielt sie einen Brief von ihm: aber Gott, welchen Brief! Er forderte sie zur Scheidung auf, und legte einen Zettel an ihre Mutter bei, den aber Luise nicht das Herz hatte abzugeben. Sie wusste, dass diese wohlmeinende Frau ihr höchstes Glück in diese Ehe gesetzt hatte; sie wusste, wie sehr sie durch den übeln Erfolg ihres Planes litt. Es war ihr unmöglich, ihr die Botschaft zu bringen, welche die völlige Vernichtung aller ihrer Hofnungen entielt. Luise erfuhr jetzt, dass ihr Mann in D. angekommen war. Sie schlich von Wirtshaus zu Wirtshaus um ihn aufzusuchen. Die Hitze erschöpfte sie bis zur Ohnmacht: sie sah sich genötigt einen Mietswagen zu nehmen um ihre Nachforschungen fortzusetzen, und fand endlich den Gastof, wo Blachfeld abgestiegen war. Er war ausgegangen. Sie liess sich auf sein Zimmer führen, wo sie drei fürchterliche Stunden in einer Spannung zubrachte, die keine Feder beschreibt. Ihr Zustand wurde ihr endlich so unerträglich, dass sie ein Buch forderte, um sich zu zerstreuen: man gab ihr eine elende deutsche Übersetzung der neuen Heloise, und sie hatte sie in Händen,