. Blachfelds eigenes Zimmergerät war nur nur zum Luxus und Glanze, keinesweges zur Bequemlichkeit eingerichtet, und alles was ihm Luise als Ausstattung zugebracht hatte, war während ihrer Krankheit verkauft worden. Das Essen wurde aus dem Speisehause geholt: allein da Luisens Gesundheit noch sehr hinfällig war, befand sie sich bei dieser Lebensart so schlecht, dass sie einst, als Blachfeld über die Teure des Speisewirtes klagte, ihn bat, ihr Geld zur Führung einer eignen Wirtschaft zu geben. Kaum hatte sie ausgeredet, so liess er einen Wagen kommen und fuhr weg. Luisen war dieses Betragen von einem mann, der so oft seine Ungeschicklichkeit in Haushaltungsgeschäften selbst eingestanden hatte, unbegreiflich: er hatte sie ehemals selbst gebeten, alle Ausgaben zu übernehmen, und hatte sich nur eine kleine Summe als Taschengeld vorbehalten. Diese Einrichtung war zwar durch die nichtswürdige Klatscherei einer unvorsichtigen Frau, welcher Luisens damaliges Ansehen bei ihrem Gemahl (denn diese Ordnung fand vor ihrer Gemütskrankheit statt) wahrscheinlich Neid eingeflösst hatte, bald zerstört worden: doch hatte ihr Blachfeld in den Dingen, die eine Frau besser verstehen muss, auch noch seitdem freie Hand gelassen. Das Nachdenken über sein jetziges Betragen hatte so wenig tröstliches für sein Weib, dass sie bald nach ihm auch ausging. Die Ungewohnheit der freien Luft zog ihr aber so grausame Zahnschmerzen zu, dass sie zwei Nächte kein Auge schloss. Blachfeld fuhr an demselben Tage in Begleitung seines Bedienten nach D., und liess sie mit dem Nähemädchen ganz allein. Diese, die in der Garnison eben so fremd wie Luise war, gab eine schlechte Krankenwärterinn ab, so dass es ihr auch erst nach zwei Tagen glückte, Luisen einen Chirurgus zu verschaffen.
Nach einigen Tagen kam Blachfeld zurück, und ihm nach trat ein Mädchen, geputzt wie eine Operntänzerinn herein, die er seiner Frau als Köchinn vorstellte. Luise erkannte sie sogleich wieder: denn sie hatte sich ihr vor ihrer Abreise von ihrer Mutter Gute angeboten; aber Luise wollte sie damals, ungeachtet der Vorstellungen ihres Mannes nicht annehmen, weil man ihr gesagt hatte, dass das Mädchen in einem schlechten haus gelebt hätte. Blachfelds Betragen war Luisen nun leider zu deutlich. Sie hätte ihm seinen Geschmack an einem Mädchen das blühend und schön war, gern zu gute gehalten, da sein armes Weib ja krank und verkümmert aussah; aber er konnte das Mädchen anderswo unterbringen, nichts berechtigte ihn, seine Frau zu zwingen, dass sie ihre Nebenbuhlerinn in ihren Dienst nähme. Luise machte Gegenvorstellungen; statt einer bündigen Antwort half er sich, wie es immer geschieht wenn man eine schlechte Sache zu verteidigen hat, mit falschen Ausflüchten; und obgleich er die Veranlassung zum Streit gegeben hatte, klagte er doch über den Widerspruchsgeist seiner Frau, und wünschte sich hundert Meilen weit hinweg. Luisens Gefühl war zu zart, um ihres Mannes wohnung wider seinen Willen zu teilen: sie entschloss sich der Neuangekommenen ihren Platz zu überlassen, und bat Blachfeld sie zu ihrer Mutter zu schicken, die sie nun in drei Monaten nichr gesehen hatte. Sie erhielt leicht seine Einwilligung zu ihrer Abreise, allein ihm lag zu viel daran, bei Luisens Mutter sowohl als bei ihren Brüdern vor ihrer Ankunft Gehör zu haben: er gab also dem Kutscher heimlich Befehl, sie nicht nach D, sondern nach dem Gute zu führen. Er selbst aber schrieb an die Familie, und suchte sie auf alle mögliche Weise zu überreden, seine Frau sei noch so wenig bei Sinnen wie vorher, und ihr Zustand mache es ihm unmöglich mit ihr zu leben. Er fand nur zu leicht Glauben, wie man sogleich sehen wird. Luise verliess, in der überzeugung bald ihre Mutter zu umarmen, die Garnison, und man kann sich ihre Verzweiflung vorstellen, als der Kutscher auf dem Gute anhielt, und ihr ankündigte, dass sie hier zu bleiben hätte. Anfangs wollte sie durchaus nicht aussteigen. Der Ort wo sie die grausamsten Misshandlungen erlitten hatte, war ihr zum Abscheu geworden; allein man brachte sie mit Gewalt aus dem Wagen, und ihre Familie, durch Blachfelds Berichte irre geleitet, liess sie acht Tage in einer Einsamkeit, die um so fürchterlicher war, als sie nicht wusste, ob man sie nicht auf ewig dazu verdammt hätte. Endlich kam ihr ältester Bruder um sie abzuholen; aber diese Erlösung geschah auf eine Art, die sie nur noch schmerzlicher betrüben musste, weil sie aus allen seinen Reden merkte, dass man hartnäckig darauf bestand, sie für wahnsinnig zu halten. Er sagte ihr, die bauern des Gutes hätten ihm endlich erlaubt sie fortzuführen, aber nur unter der Bedingung, dass man sie bei dem ersten Anzeichen von Tollheit wieder ihrer Obhut übergeben sollte. Von Leiden gedrückt, antwortete Luise nichts, und begnügte sich mit dem Glücke, aus ihrem Gefängnisse befreit zu werden. Den Tag nach ihrer Ankunft in die Stadt wollte Luise in die Kirche fahren: man verweigerte ihr die Pferde, unter dem Vorwande, dass sich jedermann über sie erschrecken würde. Umsonst versicherte sie, auf dem Gute Besuche gemacht und angenommen zu haben: ihres Mannes Brief hatte zu gut gewirkt, als dass man auf sie gehört hätte. Sie musste endlich heimlich entwischen, um dem Lenker ihres Schicksals für die ihr wiedergeschenkten grössten Güter des Menschen, für Freiheit und Vernunft zu danken. Ihr ältester Bruder hatte sie sonst zärtlich geliebt; wie sie so elend krank vom Bade zurückkehrte, hatte er über ihr Leiden geweint; ja einmal kam er sogar mit seiner Violine an ihr Bett, um