den Verstand von neuem. Sie glaubte schwanger zu sein, und sagte zu der einen von diesen drei Weibern, die Haushälterin auf dem Gute war: "Mein Mann wird euch strafen, wenn ihr auch mein Kind umbringt." Unglücklicher Weise hatte sich dieses Weib in ihrer Jugend verführen lassen, und um ihren guten Ruf zu erhalten, hatte sie ihre Schwangerschaft vorsätzlich hintertrieben: sie glaubte jetzt, bei dem Nachdruck welchen Luise auf diese Worte legte, dass sie von ihrer geschichte unterrichtet wäre, und ihr böses Gewissen liess sie einen Vorwurf darin finden. Nichts bringt schlechte Menschen mehr auf, als verdiente Vorwürfe. Dieses Mädchen, denn sie war eine alte Jungfer geworden, war ausserdem im ganzen dorf für einen Teufel an Bosheit bekannt, und hatte also von dieser Seite keinen guten Namen zu verlieren. Sie zerriss Luisens nackten Leib mit Rutenstreichen, so dass das Blut von allen Seiten herablief, und fuhr so lange mit dieser fürchterlichen Behandlung fort, bis ihr Schlachtopfer sinnlos niedersank. Man hielt sie für tot, und brachte sie voll Schrecken zu Bette, wo man ihre Wunden verband, deren Narben noch nach achtzehn Monaten sichtbar waren. sechs Wochen darauf kam ein Freund von Luisens Brüdern auf das Gut, und diesem zeigte sie, so weit es die Sittsamkeit erlaubte, die Mahle ihrer erlittenen Misshandlungen. Er schauderte, und da er Luisen völlig bei verstand fand, unterrichtere er ihre Mutter davon, die vor Freude über diese glückliche Nachricht weinte. Sobald Luise Kraft hatte die Feder zu halten, war ihr erstes Geschäft ihr Testament zu machen, in welchem sie diesem Freunde ihrer Brüder, der sie von ihren Henkern befreit hatte, funfzehn hundert Taler als ein geringes Zeichen ihrer innigsten Dankbarkeit zusicherte. Luise hatte sich nie viel aus dem Gelde gemacht, wie es selbst die Wahl ihres Gatten bewies; aber in ihrer Krankheit hatte sie den Wert desselben kennen gelernt. Denn wäre sie im stand gewesen, ihre Wärterinn, die ihr oft welches abforderte, zu befriedigen, so hätte sie sich gewiss manche ruhige Stunde verschaft; allein Blachfeld hatte die Vorsicht gebraucht, sich vor seiner Abreise ihr Geld aushändigen zu lassen, und in der ganzen Zeit ihrer Krankheit, das heisst länger als ein Jahr, hatte er ihr nie einen Pfennig geschickt. Dieses kam ihr um so befremdlicher vor, als sie vor ihrer Abreise immer Geld in Händen gehabt hatte; denn seit ihrer Volljäh rigkeit erhielt sie jährlich vierzig Pistolen zu ihren willkührlichen Ausgaben, und hatte nie einen übeln Gebrauch davon gemacht.
Man benachrichtigte Blachfelden von der Wiederherstellung seiner Frau. Er konnte sich nicht länger weigern mit ihr zu leben; aber seine Liebe war erloschen. Luise begab sich also nach M., wo ihr Mann gewöhnlich lebte, und erkannte bald in jedem kleinen zug die Veränderung seiner Gesinnungen. Blachfelds häusliche Einrichtung war durch die traurigen Umstände seines ehelichen Lebens, in dem letzten Jahre ziemlich wieder in den eingeschränkten und unbequemen Zustand seiner Junggesellenzeit geraten. Er heizte nur ein Zimmer, und erklärte, dass er um seiner Frau willen kein zweites heizen würde. Luise stellte ihm mit Sanftmut vor, dass sie sich doch nicht in seiner Gegenwart, noch viel weniger vor seinen Bedienten und den vielen Offizieren, die ihn früh Morgens besuchten, ankleiden und aufstehen könnte. Er stampfte mit dem fuss, und rief, er wäre nicht reich genug, um eine doppelte Heizung zu bestreiten. Hätte er sein armes Weib noch geliebt wie ehemals, so würde er gefühlt haben, dass es in diesem Falle natürlicher gewesen wäre, seine Besuche im kalten Zimmer anzunehmen, und seiner kaum das Krankenlager verlassenden, schwächlichen Frau, das geheizte zu überlassen. Seit einem Jahre hatte nun Luise keinen ihrer alten Bekannten gesehen. Sie sehnte sich nach ihrer Freundinn in M.; da es aber regnete, bestellte sie einen Mietwagen, den Blachfeld zwar bezahlte, ihr aber zürnend vorwarf, dass es eine unnütze Ausgabe sei. Sie mochte entbehrlich sein diese Ausgabe: war es aber nicht ihr erstes Vergnügen, nach einem Jahre des bittersten Leidens, das ein fühlendes, denkendes Wesen nur befallen kann?
Luisens Vernunft war geheilt, aber ihr Körper noch sehr schwach; sie vermisste ein Arzneimittel, welches sie bei ihrer Abreise von dem Gute vergessen hatte. Da sie aber keine Auskunft wusste, um es sich zu verschaffen, hätte sie es entbehrt, wenn nicht Blachfelds Bedienter, voll Mitleid über den hinfälligen Zustand seiner herrschaft, sich erboten hätte, nach dem Gute hinüber zu reiten, um es zu holen. Sie nahm dies mit Freuden an, und entschuldigte sich bei ihres Mannes Nachhausekunft, seinen Bedienten ohne sein Vorwissen fortgeschickt zu haben. Blachfeld war ungerecht genug, ihr harte Vorwürfe darüber zu machen, und setzte hinzu, dass er gern Herr in seinem haus wäre. Wirklich er war es so sehr, dass Luise keine Magd hatte, und keine mieten durfte, da sie ihren Lohn nicht zu bestreiten wusste. Blachfeld hatte nur einen Bedienten, der bis zur Ankunft eines Nähemädchens, das ihre Mutter ihr endlich schickte, Luisens ganze Aufwartung war, Ihre Freunde hatten gleich Anfangs die notwendigkeit eingesehen, ihr eine Dienstmagd zu verschaffen; aber alle Mädchen die sich Blachfelden vorstellten, schickte er fort, unter dem Vorwande, dass seine Frau keine Magd gebrauche. Luise hätte sich gern alle Entbehrungen, sobald sie ihr Herz nicht angingen, gefallen lassen; aber sie war krank, und hatte keinen bequemen Stuhl, um sich auszuruhen, kein Kanape, um zu liegen