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den Braten, verzehrte ihn hohnlachend vor Luisens Augen, und diese musste bis den folgenden Morgen fasten. Gegen den Mittag dieses Tages erhaschte sie endlich einen Augenblick, wo sie ohne Aufsicht war, und stahl sich bis zu ihrer Mutter. Sie fand solche allein. Seit langer Zeit in einen schmutzigen Winkel gesperrt, ward det arme verwirrte Sinn der Unglücklichen durch den Aufputz des schönen Zimmers verblendet, besonders freute sie sich über den Fussteppich, auf welchem sie sehr leise schritt; denn die lauten Tritte der Bedienten in ihrer kammer, verursachten ihr unsägliche Leiden. Sie warf sich ihrer Mutter in die arme, und bat auf die rührendste Art um erlaubnis, bei ihr zu bleiben, und vor den unzähligen Misshandlungen in Ruhe gelassen zu werden. Ihre Blicke wandten sich immer ängstlich nach der tür, aus Furcht, dass ihr Henker sie auffinden möchte. Ihre Sprache war schnell und bänglich, wie die Reden eines Menschen, der einen kurzen Augenblick zu benutzen hat. Ihre Mutter schien sich vor ihrer Gegenwart zu fürchten. Eine Mutter, die sich vor ihrem unglücklichen flehenden kind fürchtet! In diesem Augenblicke trat die Wärterinn herein. Luise ahndete was jetzt geschehen würde, und suchte ihre Mutter durch Zeichen und bittende Winke vom Sprechen abzuhalten; es war aber umsonst. Die Mutter fragte sogleich: "Nicht wahr liebe Frau, es ist nicht gegründet, dass Sie Luisen schlägt?" Die arme sah sich nun der Rache dieser Furie ausgesetzt, und in der hoffnung, ihre Brüder teilnehmend zu finden, bat sie inständigst um die erlaubnis, mit der Familie zu Mittage zu essen. Die Mutter sah nicht ein, dass ihre Hastigkeit nur aus Furcht entstand. Sie reichte ihr eine Apfelsine, mit einer Art wie man ein Kind beschwichtigen würde. Einem Geschöpfe, dessen zermarterter Körper fast unterliegt, das stehend um das Ende seiner Qual bittet, reicht man eine Apfelsine! Die Wärterinn verstand Luisens Absicht besser, und lächelte höhnisch über den Irtum ihrer Mutter, den sie sich wohl hütete zu berichtigen, da ihr das ihre Stelle würde gekostet haben. Man deckte drn Tisch; der Bediente brachte das Brod herein. Seit langer Zeit hatte Luise kein weisses Brod gesehen; sie fiel gierig darüber her, denn sie hatte seit vier und zwänzig Stunden nichts gegessen. Man sah dieses als ein neues Zeichen von Tollheit an, und da ihre Brüder, welche jetzt eintraten, sich über ihrer Schwester Anwesenheit im Speisezimmer sehr zu verwundern schienen, winkte man den Bedienten sie fortzuführen. Sie faltete ihre bittenden hände, sie warf sich auf ihre Knie; es war alles umsonst: sie bewirkte nichts, als dass man gewaltsamer verfuhr, und einer der Bedienten sie an der Brust verwundete Der gute Bursche, welcher ihren jüngsten Bruder bediente, hatte ihr immer die grösste Menschlichkeit bezeigt. Er schien wirklich Empfindungen zu haben, die ihn über seinen Stand erhoben. Er bat sie bei dieser gelegenheit wehmütig um Verzeihung, dass er den Befehl seiner herrschaft vollziehen müsste.

Denselben Tag noch schickte man Luisen auf das Gut. Ihre Mutter beredete sie zur Abreise, unter dem Vorwande, dass sie auf diese Art von ihrer Wärterinn befreit sein würde. Um diesen Preis wäre Luise nach Siberien gereist. Sie hatte niemals betrogen, ihr Zutrauen zu andern war also ungeschwächt, und sie setzte sich arglos zu der Köchin in den Wagen, der sie nach dem Gute führte. Zufriedenheit wirkt wohltätig, wie alle selten gebrauchten heilsamen Mittel Kaum war Luise abgereist, so fand sich ihr Bewusstsein wieder ein. Sie blickte mit Vergnügen auf die Gegend umher; der Weg war derselbe welcher nach M. führte. Sie bat die Köchin sie dahin zu bringen, denn sie erinnerte sich jetzt, dass sie dort gewohnt hatte, und schmeichelte sich ihren Gemahl da zu finden. Ihre Begleiterin spiegelte ihr vor, dass er auf dem Gute wäre, und sie selbst nach M. führen würde. Luisens Ideen waren jetzt ganz hell: sie freute sich innigst ihn wieder zu sehen, und hofte ihn so zärtlich wie ehemals zu finden; er kommt mir entgegen, sagte sie zu sich selbst, er liebt mich also noch. Ich habe schon gesagt, dass seit ihrer Verstandes-Verwirrung alle ihre hypochondrischen Zufälle aufgehört hatten. Sie fühlte sich glücklich, weil sie glaubte, nun wären alle Hindernisse gehoben, die sie bis jetzt verhindert hatten, die Pflichten ihres Standes zu erfüllen. Sie hatte in ihrer Mutter haus bemerkt, welche Misbräuche daraus entstehen, wenn die Hausfrau durch Krankheit an der eignen Führung der Wirtschaft verhindert wird. Sie hatte tausend Betrügereien, tausend unnütze Ausgaben bemerkt, und nahm sich vor, wenn es ihre Kräfte erlaubten, ihres Mannes Haushaltung mit so strenger Ordnung zu führen, dass sie ihn in den Stand setzen könnte, einen unehelichen Sohn, den er vor seiner Heirat gezeugt hatte, bei sich zu erziehen. Sie hatte in ihrem Herzen das Gelübde abgelegt, diesem kind eine zärtliche sorgsame Mutter zu sein. Sie hielt dieses für Pflicht gegen eine Frau, deren Platz sie, wie ihr Gewissen ihr oft laut vorwarf, sich ungerecht angemaasst hatte. Der bittre Gedanke hatte sie in allen ihren Leiden verfolgt, und diese als eine göttliche Strafe ansehen lassen. Sie glaubte strafbar zu sein, indem sie gegen die Mutter dieses Kindes gehandelt hatte, wie sie nicht gewollt hätte, dass man gegen sie handelte. Selbst in ihren gesunden Tagen hatten sie Blachfelds Sophismen nie ganz beruhigen können; und wie er ihr in den ersten zeiten